ode     Die Entwicklung eines ästhetischen Übelkeitsgefühls beansprucht eine gewisse Zeit; die Länge dieser Zeit steht in jedem gegebenen Falle im umgekehrten Verhältnis zur Widerwärtigkeit der betreffenden Mode. Aus dieser zeitlichen Beziehung zwischen der Widerwärtigkeit und der Unstabilität der Mode läßt sich die Folgerung ableiten, daß die einzelnen Modestile sich um so schneller ablösen müssen, je offensichtlicher sie den gesunden Geschmack beleidigen. Die Annahme lautet deshalb, daß je weiter sich die Gesellschaft, vor allem die wohlhabenden Klassen entwickeln, das heißt je mehr Reichtum und Mobilität zunehmen und je mehr der Bereich der menschlichen Beziehungen sich ausdehnt, desto gebieterischer setzt sich die demonstrative Verschwendung in Kleiderfragen durch, desto mehr wird der Schönheitssinn vernachlässigt oder gar vom finanziellen Prestige völlig verdrängt, desto schneller ändert sich die Mode und desto groteskere und unerträglichere Formen nimmt sie an. - Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute.  Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. München 1971 (zuerst 1899)

Mode (2)   Wie sich die moralischen Gesamt-Urteile verschoben haben! Diese größten Wunder der antiken Sittlichkeit, zum Beispiel Epiktet, wußten nichts von der jetzt üblichen Verherrlichung des Denkens an andere, des Lebens für andere; man würde sie nach unserer moralischen Mode geradezu unmoralisch nennen müssen, denn sie haben sich mit allen Kräften für ihr ego und gegen die Mitempfindung mit den anderen (namentlich mit deren Leiden und sittlichen Gebrechen) gewehrt. Vielleicht, daß sie uns antworten würden: „habt ihr an euch selber einen so langweiligen oder häßlichen Gegenstand, so denkt doch ja an andere mehr als an euch! Ihr tut gut daran!"  - (mo)

Mode (3)  - Als Den Schlüssel für Leben & Geist glaubte ich auch Diebücher, die ich neben den Fachbüchern mir zu lesen gab: Verschmelzung von Filosofie & Literatur als Schutzwall gegen die eigene Unsicherheit, verziert mit Begriffs-Ornamentik. !Heute - (sie strich Haarsträhnen aus ihrer Stirn) -Achheute sehe ich: Das war nichts als 1 Mode=unter-vielen. Die kam&ging, u: ließ, was zuvor hoch=hinauf in den Himmel der Aufgeregtheit gezogen, ebensorasch wieder fallen. Das !kannte & !das wußte ich ja, u: hatte nur nicht begriffen, daß auch Das, woran ich hing, ohne Unterschied~!genau!so den Moden ausgeliefert war wie Platt-O-Sohlen, Batikhemden od Prilblumen. Kaum von der Nabelschnur abgeschnitten, hängen wir uns mit Feuereifer an alles=mögliche Zeug - Sex Geld Karriere Familie-Gründen Lifestyle Fußball Sozialismus Kapitalismus Kino Zocken Saufen Homöopathie Zen Feminismus Joggen Popmusik Kunst Koksen Feten-feiern Ökoessen Kirche-gehn Umweltschützen Kinderhilfswerk Töpfern Alleine-Mutter-werden Kegeln Selbstmord - :Es gibt Nurmode, sonst gibt es Garnichts. Aber Jedemode ist ja unmodern sobald sie Mode geworden ist. Also gibt es Nur-Nichts: Trödlerläden, vollgestopft mit Altenhüten. Stehen&liegen gelassen, u: 1-Leben—lang nicht 1 Schritt weitergekommen.   - (jir)

Mode (4)  Zu Montesquieus Zeiten waren die Frisuren so hoch, daß es, wie er witzig bemerkt, aussah, als ob die Gesichter in der Mitte der menschlichen Gestalt ständen; bald nachher wurden die Hacken so hoch, daß es aussah, als ob die Füße diesen sonderbaren Platz einnähmen. Auf eine ähnliche Art waren, mit Montesquieu zu reden, vor einer Handvoll Jahren, die Taillen so dünn, daß es aussah, als ob die Frauen gar keine Leiber hätten; jetzt im Gegenteil sind die Arme so dick, daß es aussieht, als ob sie deren drei hätten. - Heinrich von Kleist

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