esse  Eines Tages habe einer seiner Freunde die Messe gelesen, er selber habe dabei ministriert. Dieser Freund war ein Mathematiker und folglich ein sehr zerstreuter Mensch. Mit einemmal verliert er das heilige Meßopfer aus den Augen, beginnt, über die Lösung irgendwelcher Gleichungen nachzusinnen und bleibt eine beträchtlich lange Zeit mit erhobenen Armen dastehen, was die einen sehr erheitert, die anderen aber verdrießt. Der kleine Abbé gehörte zu den letzteren. Er zupft seinen zelebrierenden Freund am Meßgewand. Dieser taucht aus seiner Geistesabwesenheit wieder auf, doch er weiß nicht mehr, wie weit er ist. Er dreht sich um und fragt seinen Freund: »Abbé, habe ich schon den Segen gesprochen?« Der Abbé antwortet ihm: »Bei Gott, ich weiß es nicht.« Da erwidert der Priester zornentbrannt: »Und woran, zum Teufel, haben Sie gedacht?«  - (sop)

Messe (2)   Nie hätte ich soviel Rabiatheit in ihrem Tun vermutet, geradezu brutal saugte sie mich bis ins Mark aus, mit mächtigen Stößen und Bewegungen ihres Kopfes, ohne die Ästchen wegzunehmen, die ihr die Lippen blutig rissen, doch anscheinend ist das so Brauch bei den Germanen..., fast hatte ich Angst vor ihr... Nachdem sie mir dann mit der Zunge über den Bauch gefahren war, wie eine Schnecke eine Schleimspur hinterlassend, küßte sie mich, und ihr Mund war voller Samen und Fichtennadeln, und sie hielt das für nichts Unsauberes, im Gegenteil, es war für sie der Höhepunkt, ein Teil der Messe, das ist mein Leib, und das ist mein Blut, und das ist mein Speichel, und das ist dein und mein Saft, und das hat uns verbunden und verbindet uns auf ewig, wie sie sagte, denn wir haben es gegenseitig ausgetauscht, auch im Duft der Säfte und Härchen... Das reicht jetzt, damit schließe ich für heute. - Bohumil Hrabal, Ich habe den englischen König bedient. Frankfurt am Main 1990

Messe (3) Auf einem als Altar dienenden Tisch streckte sich eine nackte oder bis zum Kinn geschürzte Frau, und mit ihren ausgestreckten Armen hielt sie während der ganzen Dauer des Amtes angezündete Kerzen.

Guibourg hatte so Messen mit der Frau von Montespan, der Frau von Argenson, der Frau von Saint-Pont zelebriert; übrigens waren diese Messen unter dem großen König sehr zahlreich; zahllose Frauen begaben sich dahin, so wie zu unserer Zeit sich zahllose Frauen bei einer Kartenleserin die Zukunft voraussagen lassen.

Das Ritual dieser Zeremonien war hinlänglich grausam; im allgemeinen hatte man ein Kind geraubt, das man auf dem Land in einem Backofen verbrannte; dann bereitete man von seinem Staub, den man aufbewahrte, mit dem Blut eines anderen Kindes, das man umbrachte, einen Teig, ähnlich dem der Manichäer. Der Abbé Guibourg hielt das Hochamt, weihte die Hostie, schnitt sie in kleine Stücke und mischte sie zu diesem von der Asche getrübten Blut; das da war der Stoff des Sakramentes. - Joris-Karl Huysmans, Tief unten. Zürich 1987 (zuerst 1891)

Messe (4) Zweieinhalb Tage bin ich in diesem Pfarrhof geblieben; und Hochwürden Soliman ist wahrhaftig ein merkwürdiger Mensch. Es ist, als würde er ständig von einem anderen Gedanken abgelenkt. Zum Beispiel liest er die Messe wie eine Furie. Hier glauben die Leute vielleicht, es gehört sich so. Aber seine Messe macht ein wenig angst, weil sie ganz durcheinander geraten ist und er nervös wird. Ich sah, daß er den Tabernakel öffnete und das Lesepult hineinschieben wollte, das nicht hineinpaßt. Dann schaute er mich schief an, ich glaube, sein Blick wollte mich etwas fragen. Die Ministranten waren verschreckt, und er winkte ihnen, sie sollten etwas von der anderen Seite wegnehmen. Ich weiß nicht, wie er auf die Idee kommen konnte, das Lesepult zu den Hostien zu legen, das kommt doch in keinem Ritus vor.

Ich sah, daß in seiner Messe Unruhe herrschte; hin und wieder stimmte er sehr laut das Confiteor an, und die Ministranten liefen, um ihm das Meßbuch zu holen, denn das bedeutete offenbar der Ton seiner Stimme. Dann drehte er sich mit ausgebreiteten Armen um, um das Oremus zu beten, aber er nickte mir zu oder einem, der weiter hinten war. Ich schaute mich um, erkannte aber nicht, wen er meinte. Ich hatte den Eindruck, er gehöre keinem christlichen Kult an, weil er seine Hände ineinander verschlang; und das hatte ich noch nie gesehen.   - Ermanno Cavazzoni, Gesang der Mondköpfe. Berlin 1996

Messe (5)  Eine der schönsten philosophischen Messen besteht im Hinaustragen von Jauche und Fäkalien aus der Senkgrube. Nicht schüchtern und schamvoll und schnell, damit die Nachbarn die Gerüche und Gestänke nicht riechen, die Fäkalien sollten im Priestergewand oder im Smoking, im Frack oder in einem mit Diplomatengold bestickten Anzug herausgetragen werden. Da liegen die Reste der glorreichen Gastmähler, da ist die Transmutation von Markenweinen und -likören, da liegt alles, was vom Menschen in Schönheit und Frische konsumiert wurde, da liegt der Anfang der Metamorphose, dieser großen Messe, an deren Beginn Fäkalien und an deren Ende die Transsubstantiation steht, damit sich alles in den Kreislauf der Gesetze einordne und wieder dorthin zurückkehre, von wo es ausgegangen ist.   - (hra2)
 
 

Katholizismus Ritual Gottesdienst

 

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