ann von Welt  Außerhalb seiner Geisteskrankheit genießt Baron von H** den Ruf eines Mannes von friedlichem, ja sogar einnehmendem Wesen. Seine zweideutige Sanftmut jagt vielleicht jenen seiner Freunde, die um seine entsetzliche Marotte wissen, zuweilen kalte Schauer über den Rücken, wie man so sagt, aber das ist alles.

Allerdings spricht er oft mit einigem Bedauern vom Orient und wünscht beständig, dorthin zurückzukehren. Daß man ihm das Diplom eines Oberfoltermeisters der Welt versagt hat, hat ihn in tiefe Schwermut gestürzt. Stellen Sie sich nur die Träume eines Torquemada oder eines Arbuez, der Herzöge von Alba oder von York vor! Seine Monomanie verschlimmert sich von Tag zu Tag. Und so ist er jedes Mal, wenn eine Hinrichtung bevorsteht, durch geheime Emissäre davon unterrichtet — noch vor den Herren des Fallbeils selbst! Er eilt, er fliegt, er rast an den Ort, sein Platz ist reserviert am Fuße des Gerüsts. In diesem Augenblick, da ich zu Ihnen spreche, ist er dort. Er könnte nicht ruhig schlafen, hätte er nicht den letzten Blick des Verurteilten aufgefangen. Da haben Sie, meine Herrschaften, den Gentleman, in dessen Gesellschaft Sie das Glück hatten, die Nacht zu verbringen. Ich möchte hinzufügen, daß er, von seiner Verwirrung abgesehen, in seinem gesellschaftlichen Umgang ein wirklich tadelloser Mann von Welt ist, der mitreißendste, heiterste Unterhalter.» - Villiers de L'Isle-Adam, Der Tischgast der letzten Feste. In: V. I.-A., Der Tischgast der letzten Feste. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 27, Hg. Jorge Luis Borges

Mann von Welt  (2) Männer von Welt werden endlich so gleichgültig wie jener Franzose, der dem in flagranti ertappten Liebhaber sagte: »Ah, Monsieur! vous n'y etiez pas ohiigé*!" Ein anderer, der seine Hälfte in flagranti erwischte mit einem Erzbischof, ging stille ans Fenster und segnete die Vorübergehenden: „Seine Eminenz versehen gegenwärtig meinen Platz, ich muß den seinigen vertreten." Und d'Argenson sagte dem Liebhaber seiner Frau: „Ich wüßte zwei schickliche Platze für Sie, das Gouvernement der Bastille und das der Invaliden, aber gebe ich Ihnen das erstere, so sagt man, ich hätte Sie dahin gesandt, und bei dem zweiten würde es heißen, meine Frau habe es getan." Selbst Heinrich IV., der einst bei seiner Gabriele den Herzog von Bellegarde unter dem Bette versteckt entdeckte, sagte kein Wörtchen, nahm aber von den aufgestellten Erfrischungen, warf sie lachend unter das Bett und sagte seiner Gabriele: „Andere müssen auch leben."

* Ah, mein Herr, dazu waren Sie doch nicht verpflichtet!"   - (kjw)

 

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