Mann, verschleierter  «Aber was hat denn der gute Pfarrer Hooper da vor seinem Gesicht?» rief der Küster verwundert. Wer in Hörweite war, drehte sich um und erblickte die Gestalt von Mr. Hooper, wie er mit seinem nachdenklichen Gang langsam auf das Gotteshaus zuschritt — und alle fuhren gleichzeitig zusammen, in heftigerem Staunen, als wenn es sich um einen fremden Geistlichen gehandelt hätte, der etwa gekommen wäre, um den Staub von Mr. Hoopers Kanzelpolsterung zu klopfen. «Seid Ihr sicher, daß das unser Pfarrer ist?» fragte Gevatter Gray den Küster.

«Natürlich ist das der gute Mr. Hooper», erwiderte der Küster. «Er hätte eigentlich heute mit Pfarrer Shute von Westbury die Kanzel tauschen sollen; aber Pfarrer Shute ließ sich gestern entschuldigen, weil er eine Leichenpredigt halten muß.» Der Grund für soviel Aufregung mag allerdings gering erscheinen. Mr. Hooper, ein Herr von etwa dreißig Jähren und feinen Manieren, wenn auch noch unverheiratet, war mit der gebotenen klerikalen Sorgfalt gekleidet, so, als hätte ein sorgendes Weib seinen Kragen gestärkt und den Staub der Woche von seinen Sonntagskleidern gebürstet. Nur eines war auffallend an seiner Erscheinung: rund um  den Kopf gebunden, von der Stirn so tief herabhängend, daß seine Atemzüge ihn bewegten, trug Mr. Hooper einen schwarzen Schleier. Bei näherem Hinsehen erkannte man, daß dieser aus einem einfach gefalteten Stück Krepp bestand, der seine Züge völlig verdeckte und nur Mund und Kinn freiließ, Mr. Hoopers Sicht jedoch wahrscheinlich kaum behinderte, abgesehen davon, daß alle lebenden wie auch toten Gegenstände dadurch in ein düsteres Licht getaucht schienen. Diesen finsteren Schirm vor sich, schritt der gute Mr. Hooper fürbaß, mit seinem langsamen, gleichmäßigen Gang, leicht gebückt und zu Boden blickend, wie das bei zerstreuten Herren leicht vorkommt, aber freundlich jenen Pfarrkindern zunickend, die noch auf den Stufen des Gotteshauses warteten. Diese jedoch waren derart verblüfft, daß sie seinen Gruß kaum beantworteten.

«Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß das Gesicht hinter diesem schwarzen Krepp wirklich das unseres guten Mr. Hooper sein soll», sagte der Küster.

«Mir gefällt das nicht», brummte eine alte Frau, während sie in das Gotteshaus hineinhurnpelte. «Er hat sein Gesicht versteckt und sich dadurch in etwas Fürchterliches verwandelt.»     - Nathaniel Hawthorne, Des Pfarrers schwarzer Schleier. In: N. H., Das große Steingesicht. Stuttgart 1983 (Bibliothek von Babel 9, Hg. Jorge Luis Borges)

Mann, unheimlicher Verscheierung

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Frau, verschleierte

 

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