Mädchenklasse  »Sie denken, sie hätten da unten was gesehen, das wie eine Leiche aussah«, sagte Wilt, »das heißt doch nicht, dass es eine war. Die Einbildung spielt den Leuten manchmal Streiche.«

»Die Polizei denkt das aber nicht«, sagte ein hoch gewachsenes Mädchen, dessen Vater irgendwas im Rathaus war. »Sie müssen sicher sein, wenn sie sich so viel Mühe machen. Wir hatten einen Mord auf unserem Golfplatz, und alles was sie fanden, waren abgeschnittene Leichenteile im Wasserhindernis bei Loch Fünfzehn. Da lagen sie schon sechs Monate drin. Jemand schlug einen Ball auf Loch Zwölf, und er flog in den Tümpel. Als Erstes fischten sie einen Fuß raus. Der war ganz aufgequollen und grün und ...«

In der dritten Reihe fiel ein blasses Mädchen aus Wilstanton in Ohnmacht. Bis Wilt sie wieder zu Bewusstsein und ins Krankenzimmer gebracht hatte, war die Klasse bei Grippen, Haigh und Christie angelangt. Als er zurückkam, hörte er sie über Säurebäder diskutieren.

»... und alles, was sie fanden, waren ihre falschen Zähne und die Gallensteine.«

»Du weißt wohl eine ganze Menge über Mord«, sagte Wilt zu dem langen Mädchen.

»Daddy spielt mit dem Polizeipräsidenten Bridge«, erklärte sie. »Er kommt zu uns zum Essen und erzählt Supergeschichten. Er sagt, sie sollten den Strang wieder einführen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Wilt erbost. Das war typisch für Höhere Sekretärinnen, dass sie Polizeipräsidenten kannten, die den Strang wieder einführen wollten. Diese Gören hatten bloß Mammy und Daddy und Pferde im Kopf. »Jedenfalls tut Hängen nicht weh«, sagte das lange Mädchen, »Sir Frank sagt, einen Mann aus der Todeszelle holen, auf die Falltür stellen, ihm 'ne Schlinge um den Hals legen und den Hebel ziehen, schafft ein guter Henker in zwanzig Sekunden.«

»Warum diese Vergünstigung bloß auf Männer beschränken?«, fragte Wilt bitter. Die Klasse sah ihn mit vorwurfsvollen Augen an.

»Die letzte Frau, die gehängt wurde, war Ruth Ellis«, sagte die Blonde in der ersten Reihe.

»Bei Frauen ist das sowieso ganz anders«, sagte die Lange.

»Wieso?«, fragte Wilt unvorsichtigerweise.

»Na ja, es geht langsamer.«

»Langsamer?«

»Mrs. Thomson mussten sie an einem Stuhl festbinden«, gab die Blonde zum Besten. »Sie hat sich abscheulich benommen.«

»Ich muss sagen, ich finde eure Einstellung sonderbar«, sagte Wilt. »Eine Frau, die ihren Mann umbringt, ist zweifellos abscheulich. Aber dass sie sich wehrt, wenn man sie zur Hinrichtung holt, kommt mir überhaupt nicht abscheulich vor. Ich finde, dass...«

»Es ist nicht bloß das«, unterbrach ihn die Lange, die sich nicht abbringen ließ.

»Was denn dann?«, fragte Wilt.

»Es geht langsamer bei Frauen. Sie müssen ihnen erst wasserdichte Unterhosen anziehen.«

Wilt starrte sie angeekelt an. »Wasserdichte was?«, fragte er ohne nachzudenken.

»Wasserdichte Unterhosen«, sagte die Lange. »Du lieber Gott«, sagte Wilt.

»Nämlich, wenn sie beim Hängen unten ankommen, fallen ihnen alle inneren Organe raus«, fuhr das lange Mädchen fort und gab Wilt damit den Gnadenstoß. Der starrte sie wie von Sinnen an und stolperte aus dem Zimmer.

»Was hat er denn?«, sagte das Mädchen. »Man könnte annehmen, ich hätte was Gemeines gesagt.«  - Tom Sharpe, Puppenmord. München 2004 (Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek 26)

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- Fameni

 

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