Literatur-Event    Es gab keine Kulturveranstaltung in der ganzen Welt, die Einschaltquoten hat wie die GLÄSERNE MANEGE. Die lief ja nicht nur am Samstag über den Schirm, wenn die Großen Vier erscheinen, sondern die ganze Woche. Ununterbrochen schoben die Transportbänder Glaskabinen, unter der GLÄSERNEN MANEGE durch. In den Glaskabinen die Schriftsteller, die von ihren Head-Tops lasen, was sie geschrieben hatten. Diese Bänder liefen immerzu. Die Großen Vier kamen dann am Wochenende für sechs Stunden in die Glasmanege, der Eventpalast war bis auf den letzten Platz besetzt. Wer wollte, konnte die von den Head-Tops ihre Werke Lesenden unter der Woche jederzeit im Kulturkanal anwählen und ihnen zuschauen, zuhören. Das war auch die Hoffnung eines jeden, der etwas geschrieben hatte, daß er, wenn schon nicht von den Großen Vier, dann doch vielleicht von den Fernsehzuschauern entdeckt wurde. Aber die eigentliche, die alle Lebensmühen motivierende Hoffnung war natürlich der Samstagabend, die GLÄSERNE MANEGE, wenn die Großen Vier auftraten und diesen und jenen aus den unterm Glasboden kreisenden Autoren per Knopfdruck heraufwählten. Man wußte, daß sie sich auch unter der Woche gelegentlich diesen oder jenen Autor auf den Schirm holten und sich darüber einigten, wen sie am Samstag auf dem Riesenschirm im Eventpalast präsentieren und lesen lassen würden, bis sie glaubten, genug zu haben, das heißt, bis sie glaubten, reagieren zu können, reagieren zu müssen. Und das war dann die Show, der Event schlechthin. Drei Stufen bildeten sich sowohl beim Rühmen wie beim Verdammen heraus. Ruhm für heute, Ruhm für morgen, Ruhm absolut. Ruhm absolut wurde in den neunzehn Jahren der GLÄSERNEN MANEGE nur einmal verliehen, an eine peruanische Erzählerin, die in einem Familienepos erzählte, daß ihre Familie hoch in den Anden nur überleben konnte, weil die Eltern Kinder zeugten und sie dann immer aufaßen. Die Stufen des Verdämmern waren Beleidigung, Abstrafen, Fertigmachen. Alle drei Stufen wurden wöchentlich exekutiert. Die Kamera zeigte dann in Großaufnahme, wie die Beleidigten oder Abgestraften oder Fertiggemachten reagierten. Wer sich da etwas Originelles einfallen ließ, konnte dann noch gegen das Votum der Kritoren die RA UPE bekommen, das war der Wochenpreis des Publikums. Aber ungleich begehrter war natürlich der PRICK, der Preis der Großen Vier. Die Autoren und Autorinnen taten alles, aber auch gar alles, um als preiswürdig aufzufallen. Der Wettbewerb der Lesenden wurde öfter ein Wettkampf im Auffallen. Wenn sich einer ein Kreuz in die Stirn schnitt, holte ihn natürlich die Regie sofort auf den Riesen-schirm. Auch Onanieren kam vor. Aber nur der erste, der vor laufender Kamera lesend onanierte und ejakulierte, bekam den Publikumspreis. Dann auch die erste Autorin, die das öffentlich hinkriegte. Der Affe ließ sich von dem onanierenden Autor fast hinreißen, selber Hand an sich zu legen. Oder tat doch so. Ebenso Klitornostra, als eine Autorin sich selber bediente. E- und O-Kultur at it's best, meldeten die news. Aber natürlich, das Vorlesen beziehungsweise das Reagieren auf Vorgelesenes blieb schon die Hauptsache. Allerdings nur in der GLÄSERNEN MANEGE. Man vergesse, bitte, nicht: Die E-O-Kultur hat sich nicht nur auf dem Niveau der Großen Vier entfaltet. Daß München die Großen Vier hatte, mußte Berlin provozieren. Wir kennen alle das Ergebnis: Dr. Moritz Nödler's Lit Peep. Es gab, als das Geschlechtliche noch vegetierte, eine Kümmerform, die man Pornographie nannte. Daran erinnert Dr. Moritz Nödler's Lit Peep. Nicht vergessen darf der Historiker das vehemente Aufleben des Religiösen. Vielleicht ist das sogar die wichtigste Wirkung der E-O-Kultur überhaupt. Alle Religionen sind seitdem förmlich aufgeblüht. Und wieder waren es die Großen Vier, die ohne das zu wollen, Epoche machten. Die Großen Vier hatten ja als erste die Nacktanzüge öffentlich getragen, die später zum Symbol der E-O-Kultur überhaupt geworden sind. Der Aal ließ, -während ,er litt oder jubilierte, sein Geschlechtsteil zoomen.Und was dann zu sehen war, war Wirkung von Literatur. So oder so. Klitornostras Feuerraupe war, wenn Klitornostra durch die Vorlesenden so oder so agitiert wurde, in Großaufnahme auf dem Schirm. Sie und der Aal waren, weil sie sich für das Nacktmenschentum entschieden hatten, vollkommen haarlos.

Das steigerte die Wirkung. Die Nacktmenschenbewegung hat durch Aal und Klitornostra einen gewaltigen Zulauf erfahren. In den Schriften des Nacktmenschentums wurde behauptet, die E-O-Kultur komme erst im Nacktmenschentum zu sich selbst, Das riß die Zehntausend im Eventpalast und die Millionen an den Fernsehschirmen gleichermaßen hin. Und das waren die Millionen, die von dieser Vierundzwanzigbuchstabenkunst - so wurde sie von ihren Verächtern genannt - sonst nie auch nur Kenntnis genommen hätten. Wir an den Bildschirmen erlebten die Begeisterung, die Rührung, die Erschütterung der Zehntausend im Eventpalast, und diese Wirkung multiplizierte natürlich die Wirkung, die die Aktionen und Passionen der Großen Vier auf uns hatten. Wir wurden Zeugen außerordentlicher Grausamkeiten, die andere erlitten, aber zu Recht erlitten. Es geschah ihnen recht.  - Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt am Main 2002

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