eserin  Ich sage die Sätze fast halblaut vor mich hin. Wie Susns Großmutter stimmlos las, wenn sie einen der unzähligen Romane von der Leihbibliothek umblätterte, damit sie nach dem Umblättern den Kontext nicht vergessen hatte, zu jedem Zeilenende atmete sie aus, dabei nickte der Kopf im Herzschlag. Unter die Arme, die das Buch trugen, hatte sie ein Deckchen gelegt, weil sie die nackten Arme nicht auf das kalte Tischwachstuch legen mochte, das nach einiger Zeit anhaftete. Den Tisch hatte Dad vom Plattlinger Fliegerhorst, bei Kriegsende gestohlen und um 10 Mark an Susns Großmutter verkauft. An ihrer Wange sah man, wenn die Zunge übers Zahnfleisch glitt, das vom Birnenfleisch gereizt gewesen sein wird. Sie hatte sich eine Birne geschält und während des Lesens nach den einzelnen Stücken gegriffen. Einmal ließ sie den Kaubrei in die Hand und suchte nach einem Haar; als sie es hatte, aß sie den Brei wieder auf. Knoten in der Birne sammelte sie in der Hand und warf sie in Richtung Ofen an unseren Köpfen vorbei, wo die Holzkiste stand.  - (acht)

Leserin (2)

- N.N.

Leserin (3)   Quinn wandte seine Aufmerksamkeit der jungen Frau zur Rechten zu, um zu sehen, ob es in dieser Richtung irgendeinen Lesestoff gab. Er schätzte sie auf etwa zwanzig Jahre. Sie hatte mehrere Pickel auf ihrer linken Wange, die mit einer billigen blaßrosa Schminke überdeckt waren, und in ihrem Mund quietschte ein Stück Kaugummi. Sie las jedoch ein Buch, ein Taschenbuch mit einem grellbunten Umschlag, und Quinn lehnte sich ganz leicht nach rechts, um einen Blick auf den Titel zu erhäschen. Wider alle seine Erwartungen war es ein Buch, das er selbst geschrieben hatte - Suicide Squeeze von William Wilson, der erste der Max-Work-Romane. Quinn hatte sich diese Situation oft vorgestellt: das plötzliche unerwartete Vergnügen, einem seiner Leser zu begegnen. Er hatte sich sogar das Gespräch ausgemalt, das sich ergeben würde: Er verhält sich höflich, befangen, während der Fremde das Buch lobt, und willigt dann zögernd und mit großer Bescheidenheit ein, sein Autogramm auf das Titelblatt zu schreiben - «Da Sie darauf bestehen». Aber nun, da die Szene wirklich stattfand, war er enttäuscht, ja verärgert. Er mochte das Mädchen nicht, das da neben ihm saß, und es kränkte ihn, daß sie so gleichgültig die Seiten überflog, die ihn soviel Mühe gekostet hatten. Am liebsten hätte er ihr das Buch aus der Hand gerissen und wäre damit durch den Bahnhof gelaufen.

Er betrachtete noch einmal ihr Gesicht, versuchte die Worte zu hören, die sich in ihrem Kopf bildeten, und beobachtete ihre Augen, die über die Seite hin und her gingen. Er mußte sie zu auffällig angestarrt haben, denn einen Augenblick später wandte sie sich ihm mit einer irritierten Miene zu und sagte: «Haben Sie ein Problem, Mister?»

Quinn lächelte schwach. «Kein Problem», sagte er. «Ich fragte mich nur, ob Ihnen das Buch gefällt.»

Das Mädchen zuckte die Schultern. «Ich habe Besseres und ich habe Schlechteres gelesen.»

Quinn wollte damit das Gespräch beenden, aber etwas in ihm ließ nicht locker. Bevor er aufstehen und gehen konnte, kamen die Worte auch schon aus seinem Mund: «Finden Sie es spannend?»

Das Mädchen zuckte wieder die Schultern und kaute laut auf seinem Gummi. «Irgendwie schon. Da gibt es eine Stelle, wo sich der Detektiv verirrt, die ist ein bißchen unheimlich.»

«Ist der Detektiv schlau?»

«Ja, schlau ist er. Aber er redet zuviel.»

«Sie hätten gern mehr Handlung?»

«Ich denke, ja.»

«Warum lesen Sie weiter, wenn es Ihnen nicht gefällt?»

«Ich weiß nicht.» Das Mädchen zuckte noch einmal die Schultern. «Es vertreibt einem die Zeit, denke ich. Jedenfalls ist es keine große Sache. Eben nur ein Buch.»

Er wollte ihr schon sagen, wer er war, aber dann wurde ihm klar, daß das nichts ändern würde. Das Mädchen war ein hoffnungsloser Fall. Fünf Jahre lang hatte er William Wilsons Identität geheimgehalten, und er dachte nicht daran, sie jetzt preiszugeben, am wenigsten einer schwachsinnigen Fremden. Dennoch war es schmerzlich, und er rang verzweifelt mit seinem gekränkten Stolz. Anstatt das Mädchen ins Gesicht zu schlagen, stand er mit einem Ruck auf und ging.  - Paul Auster, Die Stadt aus Glas. in: P. A., Die New-York-Trilogie. Reinbek bei Hamburg 1991

 

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