Leichenarrangement    »Puh!« keuchte sie, als sie den zerschmetterten Kopf auf den Marmorboden fallen ließ. »Was ist der alte Narr schwer! Komm und hilf mir, ihn ein bißchen näher an die unterste Stufe zu schieben.«

Sie betrachtete den Toten eine Weile und wischte sich dabei mit dem Zipfel ihres langen Ärmels den Schweiß vom Gesicht. Der hauchdünne Stoff ihres Nachthemds ließ alle Rundungen des nackten weißen Körpers sehen. Wieder aufblickend sagte sie:

»Am besten, wir lassen ihn hier liegen. Als wäre er die Treppe runtergefallen. Weil er fehlgetreten war oder einen Schwindelanfall oder Herzschlag erlitten hatte. Sollen die sich was davon aussuchen. In seinem Alter ist alles möglich.«

Plötzlich schüttelte sie das Haupt. »Nein, ich rücke seinen Kopf ganz dicht an den Treppenpfosten hier ran. Da denkt ein jeder, dessen spitzes Ende habe sich ihm, nachdem er gestürzt war, in den Schädel gebohrt. Igitt, ist das unappetitlich! Mach du das lieber. Danke, so geht's. Das Blut ist auf der weißen Marmorspitze deutlich zu sehen, es springt geradezu ins Auge. Lauf jetzt hinauf in sein Studierzimmer, hole die Kerze dort und laß sie am Treppenanfang zu Boden fallen. Paß auf, wo du hintrittst, da oben ist es stockfinster.«

Sie hob den Kopf und folgte ihm, als er hinaufstieg, unruhig mit ihren großen Augen. Die steile Marmortreppe befand sich in der Mitte der hohen, weiträumigen Halle, die durch den flak-kernden Armleuchter auf dem Wandtisch neben der runden Mondtür nur schwach beleuchtet wurde.

Es schien ihr wie eine Ewigkeit, bis durch die Gitterschnitzerei des rotlackierten Geländers an dem Umgang dort oben ein Lichtschein drang. Er ließ die Kerze auf die Marmorfliesen fallen, sie flammte noch einmal kurz auf, und dann wurde alles wieder'dunkel.

»Komm schnell runter!« rief die Frau ungeduldig. Sie beugte sich zu der Leiche nieder, zog ihr den einen Pantoffel vom Fuß und warf ihn dem Mann zu, der die Treppe herabkam. »Fang auf! Gut gemacht. Jetzt lege den Pantoffel auf eine Stufe in halber Treppenhöhe. Ja, das ist genau, was noch gefehlt hat!«  - Robert van Gulik, Mord nach Muster. Zürich 1989

Leichenarrangement (2)   Dem Brenner ist jetzt selber so kalt geworden, als hätte er in Eiswasser geduscht, und sein Gewand hat einen regelrechten Regenguß von sich gegeben, so hat er auf einmal gezittert.

«Dieser Drecksack hätte dich da drinnen glatt verbrannt.»

«Verbrennen und ertrinken in einem», hat der Brenner gesagt. «Wo man sonst immer diskutiert, was der schrecklichere Tod ist.»

Er hat versucht aufzustehen. Aber sein Tausendkilo-Gewand hat ihn auf der Holzbank regelrecht festgeleimt. «Ich glaube, das würde uns jetzt als Selbstjustiz ausgelegt, wenn wir ihm nicht den Knopf aufmachen.»

«Und ich bin nur auf Bewährung heraußen. Die fünf Jahre für Selbstjustiz wäre es mir ja wert. Aber um die drei Bewährungsmonate täte es mir leid.»

«Dann würde ich ihm jetzt schnell den Knopf aufmachen», hat der Brenner geantwortet.

Aber der Rene hat sich nicht von der Stelle gerührt.

«Andererseits muß ich immer an seine Frau denken», hat der Brenner jetzt selber zu bedenken gegeben. «Die schaut sowieso schon den ganzen Tag ziemlich traurig aus der Wäsche.»

«Wenn du mit dem Typen verheiratet bist.»

«Er hat ihr fünf Kinder angehängt, und dann ist sie noch schuld, daß er nicht Priester geworden ist.»

«Für die wäre es besser, wenn wir ihm den Knopf nicht aufmachen.»

Der Brenner hat mit den Schultern gezuckt. «Wenn er zehn Jahre ins Gefängnis kommt, kann sie sich weiter für ihn aufopfern und kriegt überhaupt kein Geld. Und als Witwe kriegst du vom Staat eine gute Pension.»

«Du meinst, wir könnten es vielleicht als Notwehr hindrehen», hat der Rene versucht, ein bißchen die Überlegungen vom Brenner zu interpretieren.

«Notwehr mit Plastiktasche klingt nicht übertrieben glaubwürdig.»

«Oder wenigstens Notwehr-Überschreitung.»

«Notwehr-Überschreitung», hat der Brenner sinniert. «Das könnte sich eventuell ausgehen. Wenn du einen guten Anwalt hast.»

«Kennst du einen guten?»

«Einen Anwalt finden wir schon.»

«Aber ich hab keine Rechtsschutzversicherung.»

«Das ist schlecht. Eine Rechtsschutzversicherung sollte jeder Mensch haben.»

Ich sage immer, die Menschen diskutieren und diskutieren, und inzwischen geht die ganze Entwicklung an ihnen vorbei. Weil die Tasche über dem Kopf vom Prä-fekt Fitz war jetzt sowieso schon so blau, Kleider-Bauer-Tasche nichts dagegen! Und da hätte es inzwischen sowieso wahrscheinlich nichts mehr genützt, wenn sie ihm die Tasche heruntergenommen hätten, also die ganze Diskussion im Grunde reines Blabla.

«Dann mach ich ihm jetzt den Knopf auf», hat der Rene gesagt und sich zum Präfekt Fitz hinuntergebeugt.

«Diesen Knopf hab ich eigentlich nicht gemeint», hat der Brenner gemurmelt, aber gar so heftig ist sein Widerspruch nicht gewesen. Weil der Rene hat dem Präfekt nicht den Knopf der Plastiktasche aufgemacht, sondern den Hosenknopf.

«Den Reißverschluß mach ich ihm auch noch auf.» Der Brenner hat genickt: «Dann mußt du ihm aber die Hände auch losbinden.» «Was du nicht sagst.»

«Und schau gut, ob er keine Wunden an den Handgelenken hat.»

«Keine Wunden. Ich hab ihn ja erst angebunden, wie er schon nachgegeben hat.»

«Und mich hast du inzwischen noch kochen lassen?»

«Was heißt kochen? Ich hab doch das heiße abgedreht und das kalte aufgedreht.»

«Ich hab geglaubt, das war nur Einbildung, daß es auf einmal so eiskalt geworden ist.»

«Die Eier muß man ja nach dem Kochen auch abschrecken», hat der René gelacht.

«Sehr witzig.» Bei dem Thema ist dem Brenner gleich noch ein bißchen kälter geworden, sprich neuer Gewand-Regenguß auf den Fliesenboden hinunter vor lauter Schüttelfrost.

Der René hat jetzt die Hände des Toten genommen und sie in die Unterhose gesteckt, die unter dem geöffneten Reißverschluß zum Vorschein gekommen ist. «Ich weiß auch nicht, in letzter Zeit ist das die reinste Mode», hat er geseufzt. «Damit die Leute mehr Spaß bei der Selbstbefriedigung haben, strangulieren sie sich nebenbei oder setzen sich eine Plastiktasche auf. Ein Zellennachbar von mir ist sogar daran gestorben, weil er nicht schnell genug war.»

«Ich hab in der Zeitung gelesen, daß es in England sehr populär ist.»

«Da haben sie schon fast keine Abgeordneten mehr im Parlament, weil die sich immer mit den Plastiktaschen am Kopf selbstbefriedigen.»  - Wolf Haas, Silentium! Reinbek bei Hamburg 2012

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Leichenfund

 

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