ebensregeln  Welches für die Völker des Abendlandes vielleicht schmähliche Schicksal hat es gefügt, daß wir uns ins ferne Morgenland begeben müssen, um einen schlichten und ehrlichen Weisen zu finden, der sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, als man im Norden noch nicht lesen und schreiben konnte und die Griechen gerade erst anfingen, sich den Ruf eines weisen Volkes zu erwerben, die Menschen gelehrt hat, wie man ein glückliches Leben führt? Dieser Weise ist Konfuzius, der als Gesetzgeber die Menschen niemals betrügen wollte. Sind nach ihm auf der ganzen Erde jemals schönere Lebensregeln verkündet worden?

»Seinen Staat muß man wie seine Familie regieren, seine Familie aber kann man nur durch sein eigenes Vorbild regieren.

Die Tugend soll dem Landmann und dem Herrscher gemeinsam sein.

Sorge dafür, daß Verbrechen verhütet werden, damit du weniger Sorge hast, sie zu bestrafen.

Unter den guten Königen Yao und Xu waren die Chinesen gut, unter den schlechten Königen Kie und Chu waren sie böse.

Geh mit anderen um wie mit dir selbst.

Achte grundsätzlich alle Menschen, die rechtschaffenen aber liebe!

Vergiß Beleidigungen, aber nie Wohltaten.

Ich kenne Menschen, die nicht zur Wissenschaft taugen, aber ich kenne keine, die nicht zur Tugend taugen.«

Man wird zugeben, daß nie ein Gesetzgeber der Menschheit nützlichere Wahrheiten verkündet hat. - Voltaire, Philosophisches Wörterbuch. Frankfurt am Main 1967 (Sammlung Insel 32, zuerst 1764)

Lebensregeln (2)  Eulenspiegel war allezeit gern in Gesellschaft. Aber zeit seines Lebens gab es drei Dinge, die er floh. Erstens ritt er kein graues, sondern immer ein falbes Pferd, trotz des Spottes. Zweitens wollte er nirgends bleiben, wo Kinder waren, denn man beachtete die Kinder wegen ihrer Munterkeit mehr als ihn. Und drittens war er nicht gern bei einem allzu freigebigen Wirt zur Herberge. Denn ein solcher Wirt achtet nicht auf sein Gut und ist gewöhnlich ein Tor. Dort war auch nicht die Gesellschaft, von der Gewinn zu erwarten war.

Auch bekreuzigte sich Eulenspiegel alle Morgen vor gesunder Speise, vor großem Glück und vor starkem Getränk. Denn gesunde Speise, das sei doch nur Kraut, so gesund es auch sein möge. Ferner bekreuzigte er sich vor der Speise aus der Apotheke, denn obwohl auch sie gesund sei, sei sie doch ein Zeichen von Krankheit. Und das sei das große Glück: wenn irgendwo ein Stein von dem Dach fiele oder ein Balken von dem Haus, pflege man zu sagen: »Hätte ich dort gestanden, so hätte mich der Stein oder der Balken erschlagen. Das war mein großes Glück.« Solches Glück wollte er gern entbehren. Das starke Getränk sei das Wasser. Denn das Wasser treibe mit seiner Stärke große Mühlräder, auch trinke sich mancher gute Geselle den Tod daran. - (eul)

Lebensregel (3) Ich denke, man sollte sich im Leben benehmen wie Jongleure, die Gegenstände von verschiedenem Gewicht: ein Paar Handschuhe, eine Zigarre, einen Hut, eine Messingkugel mit gleicher Regelmäßigkeit in die Höhe werfen und wieder einfangen.  - Pitigrilli, Ein Mensch jagt nach Liebe. Reinbek bei Hamburg  1987 (zuerst  1929)

Lebensregel (4)  Er schob die Hand höher und höher, bis er meinen Karnickelpelz zu fassen bekam.

»Du bist ein Schwein«, rief ich. Aber gleichzeitig machte ich langsam die Beine breit, und das brachte ihn erst richtig in Fahrt. Er begann zu schnaufen, langte nach seinem Schwanz, zog mir die Strümpfe herunter, zerrte mich hinunter zwischen die Sitze und warf sich auf mich.

Auf Vögeln hatte ich in diesem Moment am allerwenigsten Lust, aber ich überließ ihn seinen eifrigen Bemühungen, bei denen allerdings nicht viel herauskam, und Schuld daran, so meinte er hinterher, sei der Wein gewesen.

»Wer trinkt, soll nicht vögeln«, entschuldigte er sich und knöpfte sich den Hoscnstall zu.

Ich sagte weder ja noch nein, zog mir die Strümpfe hoch und wir saßen wieder nebeneinander wie vorher, aber ohne ein Wort zu wechseln. Draußen regnete es immer noch, und man hörte das Wasser auf das Oberlicht trommeln. Ich weiß, es klingt idiotisch, aber jedesmal, wenn es regnet, muß ich an meine Mutter denken. - Javier Tomeo, Das Verbrechen im Orientkino. Berlin 1996

Lebensregel (5)  Hier lohnt es sich nicht, die spitzfindigen und oftmals scharfen Erörterungen des jungen Arztes und Philosophen anzuführen. Ich werde mich damit begnügen, den nach meiner Ansicht annehmbarsten Teil der Schrift Ehrards wiederzugeben. Das sind die sieben Lebensregeln, die von einer bewußten Moral der reinen Bosheit abgeleitet sein sollen.

„1. Sei niemals wahrheitsliebend und scheine es niemals zu sein. Denn wenn du wahrheitsliebend bist, können die anderen auf dich rechnen; du dienst ihnen, aber sie dienen nicht dir. —

2. Erkenne kein Eigentum an, sondern versichere, daß das Eigentum heilig und unantastbar ist und allen gehört. Wenn du Alles ohne jede Anfechtung als dein Eigentum besitzen kannst, dann hängt alles von dir ab.

3. Sieh die Moral der anderen als Schwäche an und bediene dich ihrer für deine Zwecke.

4. Stachle jeden zur Sünde an, während du die Moral als Notwendigkeit proklamierst.

5. Liebe niemanden.

6. Mache jeden unglücklich, der von dir nicht abhängig sein will.

7. Sei konsequent bis zum letzten und bereue nie etwas. Was du einmal beschlossen hast, tu auf jeden Fall, komme was kommen mag. So beweist du deine ganze Unabhängigkeit und gibst dir durch die Übereinstimmung von Denken und Tun den Anschein eines rechtschaffenen Mannes. Das gibt dir ein geeignetes Mittel, die anderen zu deinen Sklaven zu machen, bevor sie es überhaupt merken."

- Johann Benjamin Ehrard, Apologie des Teufels. Nach: Giovanni Papini, Der Teufel. Anmerkung für eine zukünftige Teufelslehre. Stuttgart 1955

Lebensregel (5)  

- Alex Varenne

 

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