Lebenskraft   Die Insekten scheinen, soviel sich erkennen läßt, weder Sehnen noch Knochen, noch Rückgrat, noch Knorpel, noch Fett, noch Fleisch, ja nicht einmal eine zerbrechliche Schale, wie einige Seetiere, und auch selbst keine wahre Haut zu haben, sondern ihr Körper ist von einer zwischen allen diesen das Mittel haltenden Beschaffenheit, gleichsam ausgedörrt, weicher als die Sehnen, an den übrigen Teilen aber mehr vor Gefahr geschützt als hart.

Dies ist alles, was sie haben, außerdem findet sich nichts und nur bei wenigen inwendig etwas verschlungenes Eingeweide. Daher haben sie auch ein sehr zähes Leben, und abgerissene Teile zucken noch lange fort.

Was nun auch der Grund ihrer Lebenskraft sein mag, so liegt dieselbe doch gewiß nicht in einzelnen Gliedern, sondern ist im ganzen Körper verbreitet, am wenigsten jedoch im Kopfe, denn dieser allein ist es, welcher sich nicht mehr bewegt, ausgenommen, wenn er mit der Brust zugleich abgerissen würde. - (pli)

Lebenskraft (2) CAPTAIN THOMAS STUMP aus Malmesbury. 'S war schade, wenn seine seltsamen Abenteuer in Vergessenheit gerieten. Er war der älteste Sohn von Mr Will. Stump, Rector zu Yatton Keynell; war als Knabe von kühnstem Übermuth: erklomm aufs waghalsigste Türme & Wipfel, ja, spazirte daselbst auf den Zinnen des Turms.

Er hatte zu viel Lebenskraft, um ein Gelehrter zu werden; und ging Anno 1633 oder 1632, etwa mit 16, mit seinem Onkel Ivy (später Sir Thomas) auf Reisen nach Guyana. Als das Schiff irgendwo anlegte, verirrten sich 4 oder 5 von ihnen zu weit ins Landesinnere — und in der Zwischenzeit flaute der Wind auf — und die Segel wurden gehißt — und die Umherstreuner im Stich gelassen.

Es währte nicht lang, daß sich die Wilden ihrer bemächtigten, sie ihrer Kleider beraubten; und denen, die Barte trugen, schlugen sie den Schädel ein — und (wenn ich mich recht entsinne) aßen sie auf. Die Königin jedoch rettete T. Stump und einen andern Jungen. T. Stump warf sich in den Fluß (Oronoque) um sich zu ertränken — konnte aber nicht untergehen: er ist recht wohlbeleibt. Der andere Junge starb kurz darauf. Thomas Stump lebte bey ihnen bis 1636 oder 1637.

Seine Erzählungen sind sehr eigenthümlich & unterhaltsam — die vielen Jahre aber haben mich fast alles vergessen lassen. Er sagt, es gäbe unvergleichliche Früchte dort: und daß man es ein Paradies auf Erden nennen könne. Er sagt, so wie unsere Weiber auf Butten hocken, verwende man dort zum Sitzen die Knochen der Wirbelsäule von Riesen? Schlangen. Er brachte ihnen bey, wie man Hütten baut, und sie mit Stroh deckt & umflechtet. Ich hab noch nie von einem gehört, der so lang unter diesen Wilden gelebt.

Er schwamm dann zu einem Schiff (einem Portugiesen), das vorbeisegelte; man fischte ihn auf und gebrauchte ihn als Schiffsjungen. Als sie sich Cornwall näherten, stahl er sich aus einem Bullauge und schwamm an Land — und bettelte sich bis zu seiner Heimat in Wiltshire durch. Keiner erkannte ihn, als er heimkehrte — und man hätte sich nicht zu ihm bekannt, hätte sich nicht Jo. Harris der Zimmermann an ihn erinnert: Schließlich entsann er sich so vieler Umstände, daß er als Verwandter angenommen wurde und 1642 ein Patent als Hauptmann der Fuß=Truppen im Heere König Charles d. Iten erhielt. - (aub)

Lebenskraft (3)  Naschold erzählte, wie er weit droben im Welzheimer Wald als Unterlehrer die Leute hypnotisiert habe, allerdings nur solche, die damit einverstanden gewesen seien. Darunter war ein junger Bankbeamter von der Sparkasse gewesen, und wenn Naschold beim Mittagessen hinter ihm vorbeigegangen war und »sei's drum« zu ihm gesagt hatte, war der auch beim Suppenlöffeln in sich zusammengesunken und hatte zu schlafen angefangen.

Naschold freute sich, weil ihm dies damals geglückt war, und es erschien ihm als Bestätigung der eigenen Lebenskraft, mit der er auf andere Menschen wirkte. Er strahlte über beide Backen. Eugen ließ ein bewunderndes »Ah!« hören und fragte: »Können Sie's heut auch noch?« Naschold schaute auf die Seite und sagte: »Ich tue das jetzt nicht mehr, wissen Sie...« Und lauter, wobei er sich aufrichtete: »Natürlich könnt' ich's immer noch!« - Hermann Lenz, Ein Fremdling. Frankfurt am Main 1988 (st 1491, zuerst 1983)

Lebenskraft (4)  Das Spiel der Phantasie mit dem Menschen im Schlafe ist der Traum, und findet auch im gesunden Zustande statt; dagegen es einen krankhaften Zustand verrät, wenn es im Wachen geschieht. - Der Schlaf, als Abspannung alles Vermögens äußerer Wahrnehmungen und vornehmlich willkürlicher Bewegungen, scheint allen Tieren, ja selbst den Pflanzen (nach der Analogie der letzteren mit den ersteren), zur Sammlung der im Wachen aufgewandten Kräfte notwendig; aber eben das scheint auch der Fall mit den Träumen zu sein, so, daß die Lebenskraft, wenn sie im Schlafe nicht durch Träume immer rege erhalten würde, erlöschen und der tiefste Schlaf zugleich den Tod mit sich führen müßte.   - Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht

Lebenskraft (5)  Unstreitig gehört die Lebenskraft unter die allgemeinsten, unbegreiflichsten und gewaltigsten Kräfte der Natur. Sie erfüllt, sie bewegt alles, sie ist höchst wahrscheinlich der Grundquell, aus dem alle übrigen Kräfte der physischen, vorzüglich organischen Welt fließen. Sie ist's, die alles hervorbringt, erhält, erneuen, durch die die Schöpfung nach so manchem Tausend von Jahren noch jeden Frühling mit eben der Pracht und Frische hervorgeht, als das erste Mal, da sie aus der Hand ihres Schöpfers kam. Sie ist unerschöpflich, unendlich- ein wahrer, ewiger Hauch der Gottheit. Sie ist's endlich, die, verfeinert und durch eine vollkommenere Organisation exaltiert, sogar die Denk- und Seelenkraft entflammt, und dem vernünftigen Wesen zugleich mit dem Leben auch das Gefühl und das Glück des Lebens gibt.  - Christoph Wilhelm Hufeland, nach (lte)

Lebenskraft (6) Meine Zurückführung der Lebenskraft auf Willen steht übrigens der alten Eintheilung ihrer Funktionen in Reproduktionskraft, Irritabilität und Sensibilität durchaus nicht entgegen. Diese bleibt eine tiefgefaßte Unterscheidung und giebt zu interessanten Betrachtungen Anlaß.

Die Reproduktionskraft, objektivirt im Zellgewebe, ist der Hauptcharakter der Pflanze und ist das Pflanzliche im Menschen. Wenn sie in ihm überwiegend vorherrscht, vermu-then wir Phlegma, Langsamkeit, Trägheit, Stumpfsinn (Böotier); wiewohl diese Vermuthung nicht immer ganz bestätigt wird. - Die Irritabilität, objektivirt m der Muskelfaser, ist der Hauptcharakter des Thieres, und ist das Thierische im Menschen. Wenn sie in diesem überwiegend vorherrscht, pflegt sich Behändigkeit, Stärke und Tapferkeit zu finden, also Tauglichkeit zu körperlichen Anstrengungen und zum Kriege (Spartaner). Fast alle warmblütigen Thiere und sogar die Insekten übertreffen an Irritabilität den Menschen bei Weitem. Das Thier wird sich seines Daseyns am lebhaftesten in der Irritabilität bewußt; daher es in den Aeußerungen derselben exultirt [frohlockt]. Von dieser Exultation zeigt sich beim Menschen noch eine Spur a!s Tanz. - Die Sensibilität, objektivirt im Nerven, ist der Hauptcharakter des Menschen, und ist das eigentlich Menschliche im Menschen. Kein Thier kann sich hierin mit ihm auch nur entfernt vergleichen, Ueberwiegend vorherrschend giebt sie Genie (Athener). Demnach ist der Mensch von Genie in höherem Grade Mensch. Hieraus ist es erklärlich, daß einige Genies die übrigen Menschen, mit ihren eintönigen Physiognomien und dem durchgängigen Gepräge der Alltäglichkeit, nicht für Menschen haben anerkennen wollen: denn sie fanden in ihnen nicht ihres Gleichen und geriethen in den natürlichen Irrthum, daß ihre eigene Beschaffenheit die normale wäre. In diesem Sinne suchte Diogenes mit der Laterne nach Menschen; - der geniale Koheleth [Prediger Salomo] sagt: »Unter Tausend habe ich einen Menschen gefunden, aber kein Weib unter allen diesen«; - und Gracian im Kritikon, vielleicht der größten und schönsten Allegorie, die je geschrieben worden, sagt: »Aber das Wunderlichste war, daß sie im ganzen Lande, selbst in den volkreichsten Städten, keinen Menschen antrafen; sondern alles war bevölkert von Löwen, Tigern, Leoparden, Wölfen, Füchsen, Affen, Ochsen, Eseln, Schweinen, - nirgends einen Menschen!«  - Schopenhauer, Über den Willen in der Natur
 

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