Landolfi, Tommaso  In einem Werk wie dem Tommaso Landolfis Ist erste Regel des sich zwischen Autor und Leser ergebenden Spiels, daß man sich früher oder später auf eine Überraschung gefaßt machen muß; und diese Überraschung nie gefällig oder befriedigend, sondern bestenfalls wie ein Fingernagel ist, der über eine Glasscheibe fährt, oder eine Liebkosung gegen den Strich oder auch eine Ideenassoziation, die man gleich aus seinem Sinn verscheuchen möchte. Es hatte schon seinen Grund, daß die vorletzten Sprößlinge jenes literarischen Stammbaums, zu dem Landolfi gehört, nämlich Barbey d'Aurevilly und Villiers de L'Isle-Adam, ihre Erzählungsbände Die Teuflischen und Grausame Erzählungen nannten.

Doch Landolfis Spiel ist komplizierter. Um eine Idee herum - fast immer eine heimtückische oder beklemmende oder entsetzliche Erfindung — fügt sich eine sorgfältig konstruierte Erzählung, und diese ist fast stets einer Stimme anvertraut, die offenbar eine andere Stimme imitiert (freilich wie bei einem großen Schauspieler, der zur Wiedergabe einer Rolle sich gerade nur ein weniges von seiner gewohnten Sprechweise zu distanzieren braucht) — oder sagen wir, sie ist einer Schreibweise anheimgegeben, die sich zwar nur als Parodie einer anderen Schreibweise ausgibt (nicht eines bestimmten Autors, aber eines sozusagen imaginären Autors, den jeder schon einmal gelesen zu haben meint), es aber dabei fertigbringt, unmittelbar und spontan und sich selber treu zu sein. Auf dieser Basis entfaltet sich ein Wortschauspiel, das nicht nur seine Theatercoups präzise zu setzen weiß, sondern sich auch den launigsten Einfällen hingeben kann.

Solcherart ist Landolfis Erzählungsweise immer dann, wenn er sich vornimmt, seinen Erfindungsreichtum und seine beharrlich wiederkehrenden fixen Ideen in die Konstruktion eines präzisen Gefüges, in eine absolut kalkulierte Strategie einzubinden. Andere Male, viele andere Male nämlich überkommt es ihn, sein Schreiben von jedem Anspruch auf ein wohlgefügtes, wohl-akzeptierbares und beständiges Werk zu entkleiden und es statt dessen zu einer unbekümmerten Geste, einem Achselzucken, einer Grimasse werden zu lassen, wie sie einer haben kann, der schon immer gewußt hat, daß alles Tun nur Vergeudung, eitel Rauch und Bedeutungslosigkeit ist.

Wie wichtig diese Einstellung für Landolfi ist, erweist sich etwa aus folgender Erklärung (in La bière du pecheur): «Kann ich denn wirklich nie aufs Geratewohl und ohne festen Plan schreiben und so durch Tumult und Unordnung hindurch zumindest einen flüchtigen Blick auf mein Inneres werfen?»  - Italo Calvino, Vorwort zu (land)

 

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