Kontaktmann    Der Mann war als Schafdieb in der ersten Nachkriegszeit vorbestraft. Jetzt vermittelte er, soweit bekannt, lediglich Kredite zu Wucherzinsen. Zum Kontaktmann gab er sich teils aus innerer Berufung und teils in der trügerischen Hoffnung her, auf diese Weise bei seinem Geschäft Straffreiheit zu genießen. Ein Geschäft, das er im Vergleich zu schwerem Raub für redlich und verständig hielt, so recht ein Geschäft für einen Familienvater. Seinen früheren Viehraub nannte er eine Jugendsünde. Denn ohne eine Lira eigenen Kapitals brachte er es jetzt nur dadurch, daß das Geld anderer durch seine Hand ging, fertig, seine Frau und drei Kinder zu ernähren. Er legte Geld beiseite, um es morgen in ein kleines Geschäft zu stecken. Hinter einem Ladentisch zu stehen und Stoff abzumessen, war nämlich der Traum seines Lebens. Aber von seiner Jugendsünde, von der Tatsache, daß er im Gefängnis gesessen hatte, war das bequeme und einträgliche Geschäft, das er jetzt betrieb, abhängig. Denn die, die ihm ihr Geld anvertrauten, unverdächtige Ehrenleute, die viel von sozialer Ordnung und Hochämtern hielten, rechneten auf seinen Ruf, damit es die Schuldner bei ihren Zahlungen nicht an Pünktlichkeit und an dem gebotenen Schweigen fehlen ließen. Und tatsächlich zahlten die Schuldner aus Angst vor dem Vermittler hundert Prozent Wucherzinsen, und zwar pünktlich zum Termin. «Ich hab meine Jacke im Ucciardone hängen lassen», pflegte er zu spaßen oder zu drohen. Wenn er also jemanden umbrachte, sollte das heißen, würde er die Jacke im Zuchthaus von Palermo wieder abholen. In Wirklichkeit aber brach ihm beim Gedanken an dieses Zuchthaus der kalte Schweiß aus.  - Leonardo Sciascia, Der Tag der Eule. Zürich 1991
 
 

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