Kohlensack  Olbers hat zuerst die Frage aufgeworfen: weshalb es Nachts nicht so hell sey, als am Tage? bei der großen Masse von Sternen, bei den Millionen leuchtender Körper welche dichter od. dünner gewebt einen wahren Sternen Teppich über das Himmelsgewölbe decken? Diese Untersuchung hat auf die Annahme einer lichtextingirenden Materie, eines hemmenden Princips, in den Himmelsräumen geführt, wodurch die Lichtverbreitung mit wachsender Entfernung beschränkt wird. Auf diese Weise ließe sich auch die wunderbare Erscheinung der dunkelschwarzen Stellen (Kohlensäcke) erklären, die in der südlichen Hemisphäre sichtbar werden. Wenn man sich das Himmelsgewölbe aus vielen Sternschichten übereinander bestehend vorstellt, so sind diese schwarzen Flecken ein Durchbruch derselben, gleichsam längere Röhren, die in die Schichten hineingehen, und uns in die äußersten Gränzen des Weltraums einen Blick werfen lassen, von deren Entfernung wir gar keinen Begriff haben können, da nicht einmal das Licht davon bis zu uns gelangen konnte. Diese Bewandniß mag es mit dem großen Flecken im südlichen Kreuz haben, den wir uns gewissermaßen hier als ein Loch im Firmament denken können; anstatt daß die weniger dunkle 4-5 Mondbreiten große Stelle im Scorpion, wohl auch eine Oeffnung sein kann, aber nicht so tief hineingehend.

Wenn dieser lichtauslöschende Aether die Himmelsräume nicht erfüllte, so würden die Millionen Sonnen am Firmament eine Helle verbreiten, die uns, in einem Lichtmeere schwebend, hindern müßte die Sterne zu sehen. Der Ideenkreis würde sich in einem eingeschränkten Raume bewegen, während er jetzt die entferntesten Weiten umfaßt. — Auch auf die Entwickelung religiöser Gefühle müßte dieser Zustand einwirkend gewesen sein, da unstreitig nichts mehr geeignet ist, eine religiöse Begeisterung hervorzurufen, als die Betrachtung des Gesetzmäßigen in der Bewegung der Himmelskörper. -- Alexander von Humboldt, Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. Frankfurt am Main 1993 (it 1540)

Kohlensack (2)   Ich betrachte den Abgrund, einen Bombentrichter, einen schwarzen Schlund, aus dem (laut einem volkstümlichen Glauben der Indianer, vielleicht der Inkas, der unter den caboclos im Inneren, die alle Mischlinge sind, weit verbreitet ist) der Wind hervorbricht, der die Tornados und Taifune blasen läßt, der den Urwald aufhebt, entwurzelt und periodisch verheert und durcheinanderwirft wie eine Springflut, wenn die wutschäumenden Nebelschwaden ganze Wasserhosen über das Land schütten. Dieser Schlund ist kein Himmelskörper, sondern ein Loch im Zenit des Himmels, ein Krater, eine umgekehrte Pyramide, der Schacht eines umgekehrten Brunnens, die Projektion eines schwarzen Kegels; es ist der Abgrund, den das Volk in Brasilien den Kohlensack nennt, also der Eingang zur Hölle, die Höhle des Weltenfressers.

In diesen Breiten beherrscht das Kreuz des Südens das Himmelsgewölbe. Der Kohlensack liegt genau darunter, ein klein wenig links von dem Punkt, wo die beiden Arme des symbolischen Sternbilds des Südens sich theoretisch kreuzen. Tatsächlich ist dort eine schwarze Tasche, und je länger man sie anschaut, desto tiefer erscheint sie. Es ist ein derart hypnotischer Abgrund und von so tiefem Schwarz, daß er Abstand schafft und alle in Spaltung begriffenen Sterne, die einen Moment im Vordergrund aufflammen, hervorhebt und plastisch heraustreten läßt; und je länger man es betrachtet, dieses Loch, desto tiefer höhlt es sich und desto mehr zieht es einen auf seinen Grund, seinen unauslotbaren, fernsten Grund. Es glänzt wie mit seidigem Samt bespannt und gleitet und wird größer und dehnt und streckt sich mehr und mehr und greift um sich, wie ein Ölfleck oder vielmehr ein Teerfleck am Himmel, und verdichtet sich, so daß schließlich sämtliche Sterne am Firmament nur noch verrauchte Lichtstümpfchen sind, die in dem tiefen Schwarz verschwimmen, das sie aufsaugt wie ein Filterpapier, wie ein Filz, wie die poröse Wand einer Traufe oder eines irdenen Krugs, wie ein phantastisch geformtes Tongefäß oder eine Kalebasse mit schwarzer Brandmalerei, und sie entschwinden schließlich wie durch eine langsame Osmose einer nach dem anderen dem geistigen Auge.

Das ist der Abgrund, der Abgrund des Himmels, diese Schwärze, dieses schwindelerregende Schwarz, dieses absolute Schwarz, dieses alles verschlingende Schwarz, dieser Fleck, dieser feuchte Stockfleck, dieses animalische Schwarz, schwarz wie Blut, Kehle, Lunge, Drüse, schleimige Gebärmutter, schwammiges Gehirn, quabbeliger Tumor, Polyp. Vollsaugen.  Ein lebendiger Schwamm. Der Himmel eine schwarze Tafel. Es bleibt keine einzige algebraische Formel in Rauhreif geschrieben, keine Kreidespur, nicht das kleinste Flimmern. Alles ist weggewischt!

Ich habe diesen Schwamm gesehen, mit eigenen Augen gesehen. Es ist ein Rätsel.   - Blaise Cendrars, Sternbild Eiffelturm. Zürich 1982 (zuerst 1949)

 

Kohlen Sack

 

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