Königstochter Sie entkleidete sich. Wollte dabei, weil das offenbar zur sechsten Aufgabe gehörte, sachlich erscheinen. Aber ihre Hände mußten öfter zweimal greifen nach einem Knopf, der sich von ihrer Bewegung nicht ergreifen lassen wollte. Ohne Kleider sah sie aus wie ein konserviertes Mädchen.

Vielleicht doch bloß 3536 Jahre alt. Und heizsonnenbraun. Und porzellanglatt. Sie schlüpfte gleich unter. Und war doch hergerichtet, um angeschaut zu werden. Ganz nach ihrer Optik-Theorie. Kein Haar am ganzen Leib. Die Furche exponiert. Und die Brüste, zwischen denen ein Ei leicht Platz hätte, warum scheinen die so? Ach, lackiert, sowas gibt's also. Die Warzenhöfe rot geschminkt, die Mammis selber in dunklerem Rot. Mhm. Sehen aus wie zwei düstere kleine Clowns, die bis zum Hals im Blute stecken. Und das Finger-Zehennägelrot ist mit dem Brustrot penibel vereinbart. Ist das ein Indian Lay Out? Vorerst wollte sie das alles zugedeckt haben. Und falls die Königstochter mit ihrer Verbergsamkeit die sechste Aufgabe stellte, ob nämlich der Reisende jetzt ein wenig den Kopf verlieren könne, dann hatte Anselm bestanden. Aber was eine rechte Königstochter ist, die stellt die Aufgabe immer so, wie nicht zu erwarten ist. Die Aufgabe lautete nämlich: Kann der Herr trotzdem den Kopf nicht verlieren?   - Martin Walser, Das Einhorn. Frankfurt am Main 1966

 

König Tochter Märchen

 

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