erlchen, schmales   Einer von den Neuen - ein Mann mit verschmitzten Augen und einem scharfgeschnittenen, gelben Gesicht, der bisher im Schatten der Mittschiffspinde mit offenem Mund zugehört hatte, meinte mit piepsiger Stimme: »Na ja, es ist ja doch 'ne Heimreise. Ob schlimm oder gut, is' mir ganz egal - solang wie's nach Hause geht, und ich mir dann mein Recht suchen kann! Denen werd ich's schon zeigen!« Alle Köpfe drehten sich nach ihm um, nur der Leichtmatrose und die Katze nahmen keine Notiz von ihm. Der kleine Kerl stand da, die Arme in die Seiten gestemmt, und sah mit seinen weißen Augenwimpern aus, als habe er schon die schlimmsten Erniedrigungen durchgemacht; als sei er geschlagen, getreten, durch den Schmutz geschleift worden, als hätte man ihn angespien, mit dem übelsten Unrat beworfen, zerkratzt... und er lächelte siegessicher die Gesichter ringsum an. Sein verbeulter Filzhut saß ihm bis auf die Ohren. Die zerrissenen Schöße seines schwarzen Rocks hingen ihm in Fetzen um die Waden. Er machte die beiden einzigen Knöpfe auf, die noch übrig waren, und jeder konnte sehen, daß er kein Hemd anhatte. Es war sein verdientes Mißgeschick, daß diese Lumpen, von denen man nicht annehmen konnte, daß sie noch jemand gehörten, an ihm aussahen, als habe er sie gestohlen. Sein Hals war lang und dünn, seine Augenlider gerötet; am Kinn hatte er ein paar Haare, seine spitzen Schultern hingen kraftlos herab wie die gebrochenen Schwingen eines Vogels. An seiner ganzen linken Seite backte Straßenschmutz, der deutlich zeigte, daß er erst vor kurzem in einem nassen Straßengraben übernachtet hatte. Sein Gerippe, das zu nichts nütze war, hatte er nur dadurch vor einer gewalttätigen Vernichtung retten können, daß er von einem amerikanischen Schiff weggelaufen war, auf dem er in einem Augenblick unbedachter Torheit angemustert hatte. Vierzehn Tage lang hatte er sich dann an Land im Eingeborenenviertel herumgetrieben, um Schnaps gebettelt und gehungert, auf Kehrichthaufen geschlafen und war im Sonnenschein umhergeirrt: Wie eine Erscheinung aus einer Gespensterwelt - so stand er da und lächelte widerwärtig in die plötzlich eingetretene Stille. Dieses saubere, weiße Logis war seine Zuflucht; hier konnte er faul sein, herumlungern, lügen und essen - und über das Essen schimpfen, das er aß; hier konnte er all seine Talente entfalten: sich vor der Arbeit zu drücken, zu betrügen und zu schnorren; hier würde er sicher einen finden, den er beschwatzen, und einen, den er drangsalieren konnte - und für all dies würde man ihn noch bezahlen. Alle waren über ihn im Bilde. Gibt es einen Flecken auf der Erde, wo man solche Leute nicht kennt, diese lebenden Beweise dafür, daß Lüge und Schamlosigkeit nicht umzubringen sind? Einer der wortkargen alten Seeleute, der rauchend auf dem Rücken gelegen hatte, drehte sich in der Koje um und musterte ihn kühl - dann spie er in einem langen Strahl über den Kopf des anderen hinweg zur Tür. Sie kannten diesen Typ! Das war er - der Mann, der nicht steuern kann und nicht spleißen; der sich nachts, wenn es dunkel ist, von der Arbeit drückt; der oben in der Takelage sich verzweifelt mit beiden Armen und Beinen festklammert und auf den Wind, den Hagel, die Dunkelheit flucht; der Mann, der die See verwünscht, während andere arbeiten; der Mann, der als letzter an Deck kommt und als erster wieder verschwindet, wenn alle Mann gebraucht werden; der Mann, der am wenigsten kann und das wenige nicht einmal tun will. Der Liebling der Philanthropen und der selbstsüchtigen Landratten. Das mitfühlende, verdienstvolle Wesen, das genau seine Rechte kennt, aber nichts von Mut und Ausdauer weiß und auch nichts von der selbstverständlichen Treue und Redlichkeit, die eine Schiffsgemeinschaft verbindet. Die wilde Frucht der Elendsviertel und ihrer erbärmlichen Freiheit, voll Verachtung und Haß gegen die harte Knechtschaft der See. - Joseph Conrad, Der Nigger von der 'Narzissus'. Frankfurt am Main 1978 (zuerst 1897)

Kerlchen, schmales (2)

 - N. N.

Kerlchen, schmales (2)
 

Kerlchen

 

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