atzenmutter     Niuniu, Liebling, ich bin schon halbwegs in Ordnung, Mimi ist schon glücklich, da sie alles Alte und Liebgewonnene findet und wieder Ruhe und Ordnung bei uns herrschen. Wie sich dieses liebe und kluge Tierlein bei der ganzen Sache benahm, darüber müßte ich Dir lange erzählen, ich will das später tun oder mündlich, wenn wir uns sehen. Jedenfalls hat sie eine enorme Intelligenz gezeigt und viel Feingefühl. Ida  und ich haben sie noch mehr lieb seitdem. Die Wohnung ist schön, ich bin wie auf dem Lande hier; man hört nur Hähne krähen und die Eisenbahn in der Ferne rasseln, abends ist hier im Feld pechdunkel; wir waren mit der Ida gestern um 10 abends zur Erholung spazierengelaufen ins Feld, es war sehr schön, wir haben keine Seele getroffen. Mimi hat ein eigenes Zimmerchen, Ida ein schönes Zimmer.

Der Tod des schönen und lieben Peters hat mir sehr leid getan. Er war mir viel lieber als das dumme Frauenzimmer Mohrle, seine Augen waren so schön in Farbe und Ausdruck, und es tut mir weh, daß ich ihn nicht mehr sehen werde. Das ist doch aber auffallend, daß auch er wie Mutik an einem Geschwür im Mäulchen zugrunde gegangen ist. Habt Ihr nicht den Tierarzt gefragt, woran das liegen mag? Vielleicht kann man sich irgendwie in acht nehmen oder vorbeugen. Was ist eigentlich eine Fehlgeburt, kommen da halbfertige tote Kätzlein 'raus oder nur Blut? Daß die Mimige mit dem kleinen Kerlchen so seltsam getrieben hat, das ist mir sehr interessant, aber da sieht man doch, daß in ihrem Benehmen die Natur ganz unfehlbar ihre Zwecke verfolgte. (2. September 1911)

Juju, denk, welchen Schreck ich gestern erlebte. Ich stehe am Morgen auf und gehe in die Küche - Mimi ist nicht da! Spurlos verschwunden. Nun wußte ich gleich: Sie war aus dem Fenster gefallen. Hier gibt es so breites abschüssiges Blech vor den Fenstern, darauf kriecht sie mit Vorliebe und beugt das Köpflein so weit vornüber, daß mir immer angst und bange wurde. Ich lief herum suchen und fand sie bald bei Nachbarsleuten im I. Stock. Sie haben sie aufgenommen, und sie saß da in der Küche unterm Tisch und fauchte die ganze Welt erschrecklich an. Ich nahm sie dann auf den Arm und trug sie nach oben. Wie sie wieder die Zimmer sah, war sie glücklich. Sie hat sich gar nichts gemacht beim Fallen, fühlte sich aber sehr beleidigt und schlief den ganzen Tag vor Kränkung. Heute ist sie schon vorsichtig und geht nicht mehr aufs Blech raus. (28. September 1911)

 Juju, Liebling, ich sitze jetzt allein und habe Heimweh nach Dir. Mimi ist meine liebe Freundin, sie liegt im Stuhl zusammengerollt und schläft, wenn ich sie nicht hätte, wäre ich noch trauriger. Ich arbeite jetzt die ganzen Tage noch an demselben Problem, habe neues Material zugezogen, das ich durchackern muß. Ich möchte schon durch sein und fertig werden. Vom l. Dezember bis 12. agitiere ich jeden Tag in Sachsen. Bis ich fortgehe, möchte ich einen Abschluß machen. - Ich bade, seit ich zurück bin, jeden Tag heiß (außer der kalten Dusche am Morgen), ich habe so ein Bedürfnis danach. Ich glaube, das Duschen und Baden ersetzt mir ein wenig das Spazieren, zu dem ich nicht komme. Merkwürdig, wie mir jetzt das Zusammensein und die Gespräche mit »Freunden« fad vorkommen. Ich ertrage sie nur, wenn ich muß, beteilige mich aber so wenig wie möglich und bin froh, wenn ich wieder mit meiner Arbeit und mit Mimi allein bin. Ich habe so gar kein Verlangen nach Gesellschaft jetzt. Dafür möchte ich ungestört arbeiten können, und die Wahlagitation hängt mir im voraus zum Hals heraus. Man soll sich noch die Kehle heiser reden, damit möglichst viele Teppe in den Reichstag hineinkommen und dort den Sozialismus zum Hohn machen. (22. November 1911)

Jetzt ist hier unfreundlich und rauh. Mimi ist lieb und schön. Soeben stand sie auf zwei Pfötlein auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch und kramte in der offenen Schublade, raschelte in Papieren und steckte den Kopf rein, wie wenn sie ein Dokument suchen würde. So ein Äfflein. Der Krüppel-Spatz war heute wieder zu Mittag, aß Reis und verteidigte sich mit dem Schnäblein vor anderen. Er humpelt schon ein bißchen auf dem anderen Beinlein, aber das bleibt ausgerenkt. Reis (gekochter) macht die Spatzen glücklich. Ich möchte auch so gern, daß Du wanderst. (ca. Februar 1912)

 Heute hat Ida  von unten ein totes Vöglein gebracht, es lag vor unserem Haus. Wir fürchteten, das wäre der Krüppel, aber dieser kam wie immer nachher zum Mittag. Aber die Ida hat eine Dummheit gemacht, sie wollte durchaus das Vöglein der Mimi zeigen, die im Schlafzimmer schlief, obwohl ich davor warftte. Natürlich, als Mimi das Vöglein in der Nähe sah, wurde sie ganz wild und wollte es fressen. Ich trug es schleunigst fort, denn ich fürchte dieses Erwachen der Gier für meine Vöglein auf dem Balkon. Den Krüppel habe ich heute genau beobachtet, sein Beinlein ist gebrochen-und hängt ihm einfach lose. Das tut mir so weh, wenn ich ihm bloß helfen könnte. Aber das Tier ist so scheu. (23. Februar 1912)

So blieb ich heute ruhig allein mit Mimi. Dann spielte ich ein bißchen mit Mimi, die das verlangte, trank Tee und hatte Lust, Menschen zu sehen und Luft zu schnappen. Ich zog mich an und ging hinaus. Aus Menschen ist wie immer nichts geworden, denn ich fürchte mich doch vor den allen hier, ich ging also allein still spazieren, die Luft war so schön, ich habe mich sehr erfrischt und bin froh, daß ich niemanden gesehen habe. Mimi freute. sich, wie ich zurück war. (26. Februar 1912)

 Hier ist jetzt auch Tauwetter, warm und etwas naß. Mimi hat mich heute ins Auge gebissen, gut, daß es noch so abgelaufen ist. Sie ist immer frecher mit mir und glaubt, sie darf sich alles herausnehmen. Heute war am Morgen der Krüppel-Spatz da, kam früh genug und hat tüchtig gegessen. Er hat also die schlimmen Tage der Kälte gut überstanden. (Ende Februar 1912)

Für Mimi ist ein Peitschlein gemacht, aus einem Weidenrutlein mit Kätzchen, daran hängt ein Bast und am Ende ein kleiner Propfen angebunden. Mit dieser Peitsche wird sie gehauen, oder sie läuft ihr nach wie rasend und ist glücklich. Aber mit dem Magen ist nicht gut, und Medizin will sie nicht nehmen.

Ich küsse Dich, Mimi auch.  (Ende Februar 1912)

Mimi hat sich heute fürchterlich betragen: Am Morgen machte sie plötzlich Pipi auf den Teppich im Eßzimmer! Und das vor meinen Augen. Ausklopfen läßt sie sich aber nicht. (14. April 1912)

Mimis Äuglein sind schon viel besser, sie ist auch munterer. Jeden Abend spät bei der Lampe jagt sie nach den armen Nachtschmetterlingen, die so laut an die Decke und Wände schlagen. Gestern packte sie einen mit dem Maul und versteckte sich mit ihm in alle Zimmer, wie mit einer Maus, bis sie ihn totgequält hat. Ich war sehr erbittert gegen sie und gab ihr einen kräftigen Klaps. (23. Juni 1912)

Hier sind auch schöne heiße Tage, abends gibt es kühlen Ostwind. Mimi war schon zweimal im Feld. Sie läuft meist mit wie ein Hund, im Felde legt sie sich wie ein Löwe, frißt Gras und beguckt die Gegend. Ihr Näslein und ihre Flanken arbeiten fieberhaft die ganze Zeit, sie riecht Luft. Das hat sie aber so aufgeregt, daß sie jedesmal die Nacht durch gemiaut hat und im Gang an der Türe saß, sie wollte ins Feld. Deshalb geht sie heute nicht mehr, denn ich kann nachts gar nicht schlafen durch sie. Wenn sie ruhiger wird, darf sie wieder ins Feld. (14. Juli 1912)

Heute war Mimi mit mir zum vierten Mal im Feld. Sie ließ keine Ruhe gleich am Morgen, stand vor der Tür und miaute. Ich ging also mit ihr schon um 9 Uhr hin. Sie läuft mir nach wie ein Hund, nur vor den Häusern muß ich sie tragen, denn sie denkt, jedes Haus sei unser, und will hinein. Draußen lief sie ins Haferfeld, und ich rief sie wohl hundertmal vergebens und war schon unruhig. Dann erschien sie mit einem sehr witzigen Ausdruck im Gesicht; später lag sie neben mir im Schatten und gab mir von Zeit zu Zeit einen Kuß.

Hier ist jetzt schönes heißes Wetter, abends und morgens kühler Wind. Mimi ist von den paar Spaziergängen bedeutend abgemagert, was ihr gut steht. Alle bewundern sie auf der Straße. (17. Juli 1912) - Rosa Luxemburg an Konstantin Zetkin. In: R.L., Gesammelte Briefe Bd. 4. Berlin 1987

Katzenmutter (2)

- N. N.

Katzenmutter (3)

- N. N.

 

Mutter Katze

 

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