n flagranti  Falsche haut, sagte Mr. Panther zur pseudoharemsdame, die den equilibristen unter der bettdecke zu verbergen trachtete. Ihr entblößter busen schillerte magisch wie zwei elfenbeinene kugeln im museum eines reichen chinesischen mandarins. Jetzt rutschten die fuße des klandestinen liebhabers am unteren bettende hervor, er trachtete irgendwie verzweiflungsvoll die decke durch krampfige manipulationen mit den zehen wieder zu erhaschen, es gelang nicht. Falsche haut, sagte Mr. Panther, ich weiß genau, daß du mich hin und wieder betrügst, mit andern in das bett steigst, dich mit ihnen auf ungehörige weise abgibst, dich abkrabbeln läßt, ihnen den bauch küßt, schlange im feuer spielst, leises wimmern von dir gibst, wenn du mich im nebenzimmer wähnst, und lautes geschrei, wenn ich auf tour bin. Du bist ein luder und ich traue dir doppelt so viel wie einem skorpion unter einer steppdecke, ja, Agnes, dein verhalten bedingt bei mir, daß ich sacksiedegrob werde, du elende spinne, du abgefeimte hurensauce, du dreckige bettviper, du perverse natter, du sabberndes lustwiesel! Er hielt erschöpft an, sein atem war nach diesem eiligen fünfetagenlauf gerade nicht in bester kondition, und wischte mit einem steckfoulard über seine heiße stirne. Mr. Panther war zwei meter groß und mit jener zurechtgestutzten bajadere verheiratet.

Der equilibrist unter der decke fühlte sich wie in einer zeltsauna, er hatte außerdem in der aufregung nicht umhin können, sich eines leisen, jedoch gewürzten windes nicht zu enthalten, und so kam es, daß er diese selbstverfaßte gaskammer im tiefsten seiner seele zu verfluchen begann. Nie wieder mazedonische küche! Diese bedeutenden worte zogen wie eine flimmernde leuchtschrift vor seinen tränenden augen, er haßte mit einem male die liebe zwiebel, den rassigen knoblauch, die feschen paprikaschoten, den treuherzigen pfeffer, das anmutige weißkraut, ja er verfluchte sogar die unschuldigen hände des ihm völlig unbekannten kochs, der, ohne zu wissen, was sich aus seinem äußerst orthodox gehandhabten tagewerk noch ergeben würde, nach all diesen vegetabilien und würzen gegriffen hatte. Mein seiltänzertum ist auf zeit und ewigkeit in frage gestellt, wenn ich daran denke, irgendeinmal so zwischen himmel und erde an diese meine momentane Situation erinnert zu werden. Ich stürze ab, das publikum findet sich brüderlich in einem einzigen aufschrei, mein bisheriges leben zieht in sekundenschnelle noch einmal an mir vorüber, und aus ist es, ich bin petschiert, tod in absterbensamen, eine formlose masse aus fleisch und straßbeflittertem Jersey, ich kann mir meine knochen zusammensuchen und numerieren lassen, meine langjährige ausbildung ein schuß ins leere, meine drei unmündigen töchter waisen und oOpfer für ziegenböcke und hengste, leckdumichamarsch ich muß heraus da, ob sich Mr. Panther jetzt die frackbrust mit asche anferkelt oder Agnes wider mich die zahne fletscht, mir ist das absolut rülps und wurst, ich brauche luft, ich bin kein raubmörder, kein ostspion, kein kindervampyr, kein stadtparkunhold, kein ... ach was!

Mr. Panther, ein illusionist von format, hatte sich soweit wieder gefaßt, um seine unterbrochene tirade fortzusetzen. Agnes, sagte er, Agnes, du weißt genug um meine übernatürlichen kräfte, es kann dir keineswegs unbekannt sein, daß ich nur mit dem kleinen finger meiner linken hand zu zucken brauche, um aus dir ein geständnis heraus zu holen, eine beichte, die dir vor allen rechtschaffenen und ehrlichen kollegen den rest gibt, gib also zu, was zuzugeben ist, freiwillig, reumütig, ohne hemmungen, denn diese passen ohnedies nicht zu dir, berichte mir deine vergehen bis ins kleinste detail, addiere die schleimigen Ziffern deiner Schweinereien, erstelle die endgültige summe deiner matratzenoutragen oder - und hier sank seine stimme in die abgründe eines drohenden gezisches - oder ich zwinge dir meine Forderungen kraft meiner übernatürlichen begabungen ab, veröffentliche deine abscheulichen laster in der heutigen vorstellung, gebe dich der publizität eines weiblichen monsters preis, mache dich unmöglich, werfe dich in die gosse, tranchiere deinen ruf im zirkus zu gulaschfleisch, ragoutiere deinen namen zu einem versalzenen fraß, daran du wie ein knallbonbon zerplatzt!

Irgend etwas platzte jetzt tatsächlich: ein eher dumpfes, fast fernes geräusch, ein ton aus alter vergangenheit, von einem magier wieder zu kurzem leben erweckt, nicht unähnlich dem krachen einer im meere explodierenden granate, ein schrapnell aus gekochten gemüsen und raffinierter zutat. Auch frau Agnes hatte eine weile zuvor in dem von unserem seiltänzer besuchten balkanlokal gespeist. Mit einem schrei des puren entsetzens schnellte der unverhüllte akrobat aus dem bett jener wohlfeilen laster, sprang mit einem salto mortale, der selbst ihm, dem könner, zur ehre gereichte, durch das geschlossene fenster und blieb, ohne von Mr. Panther überhaupt gesehen worden zu sein, im mondlosen dunkel der nacht verschwunden.

Was war das? flüsterte der erbleichte tausendsassa der zylinder und täubchen. Ich, antwortete (nun zum ersten mal) die erleichterte ehedame, (und das mit doppelter erleichterung), ich, und in diesem einzigen wörtchen lag eine ganze weit von gemeinstem Zynismus; sie sagte es einfach so dahin: ich . . und nach einer wunderbar perfiden kunstpause: ich, Agnes, die diesen meinen ragoutierten namen fraß und daran zerplatzte ... - H. C. Artmann, How much, schatzi? Frankfurt am Main 1971

In flagranti (2)  

In flagranti

- Egon Schiele

 

Augenblick Eheleben

 

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