Igel  Mitten im Zimmer saßen im hellen Schein der Deckenkrone auf dem Teppich drei Igel. Und das Seltsamste war, daß die beiden größeren an den Hinterfüßen einen dritten zogen, der mit dem Bauch nach oben auf dem Rücken lag und dennoch den Kopf auf komische Weise in die Höhe hielt, als wolle er um sich schauen. Bei Dr. Auers Erscheinen beschleunigten die Tiere ihr Getrippel und verschwanden rasch unter dem Büffet.

Daß die Igel im Hause waren, stellte an sich nichts Besonderes dar. Für gewöhnlich tauchten sie allerdings im Keller oder im Holzschuppen auf. (Einmal hatte Dr. Auer einen von ihnen, der gerade in seine Höhle huschte, mit einem Tesching getroffen, ohne ihn indessen an der Flucht hindern zu können.) Merkwürdig war vielmehr der Umstand, daß sie durch irgendein dem Staatsanwalt unbekanntes Loch im Wohnzimmer gelangt sein mußten. Und über die Maßen merkwürdig mutete an, daß es drei waren.

Der junge Jurist schob das Büffet ein wenig zur Seite und entdeckte zwischen Fuß, Boden und Wand einen breiten Spalt: Durch den waren sie also hereingekommen! Um diesen Riß zu verschließen, verstopfte er ihn mit alten Zeitungen. Dann begab er sich wieder an seine Arbeit.

Etwa eine halbe Stunde war vergangen, als das Geräusch, diesmal lauter, sich wiederum vernehmen ließ. Diesmal bewaffnete sich Dr. Auer, ehe er ins Wohnzimmer stürzte, mit einem Spazierstock. (Er glaubte sich zu erinnern, daß Igel eßbar seien und einen ausgezeichneten Wildgeschmack besäßen; oder verwechselte er sie mit Stachelschweinen?) Doch als er im Nebenzimmer Licht angeknipst hatte, blieb er fassungslos stehen. Die drei Igel, die auf weiß Gott welchem Weg abermals hereingekommen waren, krochen in der gleichen Stellung wie vorher über den Teppich. Im Vergleich zu den vorhergehenden waren sie allerdings von ungewöhnlichen Dimensionen und bestimmt nicht kleiner als Milchschweinchen, und der Stachelpelz tat ein übriges.

Vollkommene Selbstbeherrschung und eine geradezu eisige Unerschütterlichkeit den abenteuerlichsten Ereignissen seines Lebens gegenüber war von je Dr. Giovanni Auers charakteristischer Wesenszug gewesen. Somit zuckte er nicht mit der Wimper. Dennoch zögerte er, den Kampf aufzunehmen, und zwar um so mehr, als einer der Igel (aber konnte man sie überhaupt noch so bezeichnen?) aufgehört hatte, den anderen zu ziehen, vielmehr ihm den Rüssel zuwandte und die Zähne bleckte, wobei unklar blieb, ob das eine Drohung bedeutete oder vielmehr die Absicht, zu lachen. Auch der zweite Igel hielt bei seinem Tun inne und starrte den Staatsanwalt an. Der dritte dagegen verharrte immer in der gleichen Lage, mit dem Bauch nach oben, jeder Bewegung nahezu unfähig. Und in der Luft war beizender Tiergeruch zu verspüren.

»Ksch! Ksch!« zischte Dr. Auer; er wollte die Igel verscheuchen. Und mit der Rechten hob er den Stock. »Weg, ihr ekelhaftes Viehzeug!«

Da trat der kräftige Igel ein paar Schritte vor, und indem er mit einer gleichsam erklärenden Gebärde die Pfote hob, sagte er ganz deutlich: »Geduld, bester Herr, Geduld. Wir unser Söhnlein nach Hause bringen.« Dann wandte er sich dem Kinde zu, damit es nicht erschrak, und fügte hinzu: »Du wissen, daß der Herr hinken; deswegen er Stock tragen.«  - Dino Buzzati, Die Maschine des Aldo Christofari. Frankfurt am Main 1985

Igel (2)

Elle n'a pas ou peu de regard, rien que des piquants à l'affût, innombrables. Avec un flair des lieux assombris, si aiguisé, si aiguisé. La conscience, le hérisson...

Es hat keinen oder wenig Blick, nichts als Stacheln auf der Lauer, unzählige. Mit Witterung für verdüsterte Orte, , so feiner, so feiner. Das Gewissen, der Igel...

- René Char, Vertrauen zum Wind. Waldbrunn 1984
 
 

Kleinvieh

 

  Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme