ch  (77)  Nein! ICH bin kein vorbild, bin die ausnahme oder geheimschrift in person, ein extrem antiintellektueller, rein geistiger, d. h. schöpferischer mensch, ein besessener, dem alles lebenswerte zuwider und gleichgültig ist, ohne bedürfnisse, ohne sogar sex, mit krankhaften Anti-eigenschaften wie völlig mangelndem ehrgeiz, erwerbstrieb, eitelkeit usw. Ich lebe wie in einem hellwachen schlaf und was ich leiste ist traum. Das »leben« ist bei den »anderen«, zu denen ich nicht zähle, ist draußen, ich bin totaliter innen. Meine amtliche existenz ist nur irrtum und amtliche schreiben wenn sie schon einmal kommen, sind falschadressiert - als kürzlich mein name im adressbuch der Stadt erschien, ließ ich ihn sofort löschen. Niemand lebt  so lebendig und wirklich wie ich, aber ich bin nicht vorhanden. - Hans Jürgen von der Wense, Von Aas bis Zylinder, Bd. I. Frankfurt am Main 2005

 Ich  (78)  Sie fragen mich, wer ich sei. Ich will es Ihnen ganz offen sagen: ich bin nichts, garnichts. Ich bin nur ein Dichter und das heisst ein Mensch und das heisst ein Rebell! Ich habe nie etwas gelernt, nie etwas dauernd verdient, niemals Steuern gezahlt, habe auch obwohl ich ein Deutscher bin, keinerlei Titel - man nennt oder schimpft mich einen Privatgelehrten: das letzte Exemplar dieser heute ausgestorbenen Gattung, also ein Fabeltier - die Wahrheit ist, dass ich ein Mensch bin, der in seiner Zeit keinen Raum findet und der sehn muss, wie er unter verschiedenen Masken davonkommt. Bene vixit qui bene latuit. - Hans Jürgen von der Wense, Von Aas bis Zylinder, Bd. I. Frankfurt am Main 2005

 Ich  (79)

Ich Jean Czernolavek, Großzahlmarqueur und
Erboberkellner vom Café Fanal,
Bin ein armes Hascherl.
Ins Untergymnasium ließ man mich gehn,
Doch von den Stiefeln wich die Wichse,
Es kam Konkurs.
Nun steh ich hier und leide
Abzüge, wenn Gebäck fehlt.
Andere sagen's, ich aber fühl es,
Wie sehr nach Salz das fremde Brot schmeckt!
Und ewig kommen Gäste.
Monokel zerschellen der schielenden Schieber;
Knaben, die noch ihr Bett beschlafen, schleichen
Her, mit sehnenden Augen bestreichen
Sie die zweischenkligen Mädchen.
Schlürfenden Blicks.
Bartfrohe danken schon den Göttern, die ihnen
Die sanften Gruben gruben,
Der breiigen Weiber, die sich gern unterbreiten.
Wie Schmutz liegen unter den Augen ihnen
Grau die süß verbrachten Nächte.
Was haben wir davon?! 
Höchstens pumpen sie mich an,
Die Schlankeln, die Literaten,
Die mit Manuskripten hausieren.
Ich bin halt doch ein guter Kerl!
Ich freu mich
Mit den Liebe verheißenden Augen,
Ich freu mich mit den Gewinnern aller Spiele,
Ich freu mich mit den sicheren Dieben,
Wenn sie nach langer Mühe ernten den
Geld und Wärme spendenden Pelz.
Hie und da schwillt von der Stadtbahn her
Der ruhmredige Pfiff einer Lokomotive.
Dann möcht ich ins Freie.
Schön war's schon, in Ischl oder Aussee
Eine Filiale zu haben, pardon, ein eignes Café.
Doch nicht von derer Welt ist mein Reich —
Ich komm sofort, bitte sehr, bitte gleich!

 - Albert Ehrenstein, Der Ober, nach  A.E.: Gedichte und Prosa. Neuwied u.a. 1961

 Ich  (80)   Mein Vagabundieren, meine Unruhe, meine Ungeduld, meine Zweifel, mein Glauben, meine Halluzinationen, meine Lieben, meine Zornausbrüche, meine Revolten, meine Widersprüche, meine Weigerungen, mich einer Disziplin zu unterwerfen, und sei es meiner eigenen . . . haben kein Klima geschaffen, das einem ruhigen, heiteren Werk günstig wäre. Wie mein Benehmen, so ist auch mein Werk: nicht harmonisch im Sinne der klassischen Komponisten, nicht einmal im Sinne der klassischen Revolutionäre. Aufrührerisch, ungleichmäßig, widersprüchlich, ist es für die Spezialisten der Kunst, der Kultur, des Benehmens, der Logik, der Moral unannehmbar. Es hat dafür die Gabe, meine Komplizen: die Dichter, die Pataphysiker und ein paar Analphabeten zu bezaubern. - Max Ernst, nach: Wieland Schmied, Zweihundert Jahre phantastische Malerei. München 1980

 Ich  (81)  Alles, was nicht Ich ist, ist unverständlich. Ob ich die Muschel, die ich an mein Ohr drücken will, an den Ufern des Pazifik suche oder sie in den Gegenden meiner Existenz auflese, sie wird von derselben Stimme widerhallen, die ich für die des Meeres halten werde, und die doch nur das Rauschen meiner selbst sein wird.

Alle Wörter - wenn ich mich plötzlich nicht mehr damit begnüge, sie wie hübsche Permuttgegenstände in meiner Hand zu halten -, alle Wörter werden es mir erlauben, dem Ozean zu lauschen, und in ihrem Hörspiegel werde ich nur mein eigenes Abbild wiederfinden. Welchen Eindruck man von der Sprache auch haben mag, sie beschränkt sich einzig auf das Ich, und wenn ich irgendein Wort wiederhole, dann streift es alles von sich ab, was nicht Ich ist, bis es schließlich zu einem organischen Geräusch wird, durch das sich mein Leben manifestiert.

Es gibt nur mich auf der Welt, und wenn ich dann und wann die Schwäche habe, an die Existenz einer Frau zu glauben, brauche ich mich nur über ihre Brust zu beugen, um das Klopfen meines eigenen Herzens zu hören und mich wiederzuerkennen. Gefühle sind nur Sprachen, um die Ausübung gewisser Funktionen zu erleichtem.

In meiner linken Westentasche trage ich mein Porträt, das mich genau trifft: es ist eine Uhr aus poliertem Stahl. Sie spricht, sie zeigt die Zeit an, und sie versteht nichts davon. Alles, was Ich ist, ist unverständlich. - Louis Aragon, Die Abenteuer des Telemach. Frankfurt am Main 1985 (Fischer-Tb. 5879, zuerst 1922)

 Ich  (82)  Friedrich Schröder S o n n e n s t e r n : geh am 11. 9. 1892 zu Kaukehmen Kr. Niederung. Sohn des Oberpostschaffners Friedrich Schröder. War von Kindheit an ein sogenannter Sonderling! — Lernte in der Schule sehr gut, hing aber zeitweise meinen eigenen Ideen nach, wodurch ich meine logische selbständige Urteilskraft fühlbar stärkte. Verstand und Gefühl gingen stehts Hand in Hand, ich achtete immer darauf, daß ich die Kontrolle über meine Gedanken und Handlungsweise nie verlor, um eine sichere Selbstdisziplin und Selbstkritik in jedem Augenblick zur Verfügung zu haben um mich unter Menschen so bewegen zu können, ohne jemals irgendwie gesellschaftlich wie auch im Berufs- und Privatleben Anstoß zu erregen. Nach meiner Schulzeit erlernte ich die Gärtnerei, mußte es aber nach einem halben Jahr wegen meiner zu schwachen Körperkonstitution wieder aufgeben, da sich des öfteren Blutstürze einstellten; Nach Genesung lernte ich das Fach der Milchwirtschaft-Milchkontrolle. Dann kam der Krieg, wurde nicht aktiver Soldat, aber im Herbst 1915 bei dem ersten Pionier-Battalion Kalthof Königsberg in Preussen eingezogen, erlitt nach kurzer Zeit einen Sturz, kam dann zu Prof. Meyer's Militär-Nervenklinik daselbst, und wurde für dauernd kriegsuntauglich ohne Versorgung entlassen. Ging dann auf Reisen nach Berlin. Durch einen Herrn in die occulte Vereinigung eingeführt, unterrichtet in Graphologie, Chirologie, Phrenologie und Astrologie . . . Angeregt dadurch, inspiriert habe ich meine Einfälle alle niedergeschrieben um später einmal einen Kulturfilm herauszugeben. Mein weiteres Leben überlasse ich der Vorsehung der unerforschlichen Kraft!  - Aus: Friedrich Schröder Sonnenstern, Trostlied für Aus- und Angebombte. Hg. Gerhard Jaschke. Wien 1981

 Ich  (83)  Ich bin die Umgebung einer inexistenten Stadt, der weitschweifige Kommentar zu einem nie geschriebenen Buch. Ich bin niemand, niemand. Ich vermag nicht zu fühlen, vermag nicht zu denken, vermag nicht zu wollen. Ich bin eine Figur aus einem noch zu schreibenden Roman, die vorüberweht, verstreut in alle Winde, ohne je gewesen zu sein, einer der Träume von jemandem, der mich nicht zu vollenden verstand.

Ich denke immer, fühle immer; doch mein Denken enthält keine Gedanken, mein Gefühlsleben keine Gefühle. Ich falle oben aus der Falltür durch den ganzen unendlichen Raum, in einem Sturz ohne Richtung, unendlichfach und leer. Meine Seele ist ein schwarzer Mahlstrom, ein weites Taumeln rings um die Leere, Bewegung eines endlosen Ozeans rund um ein Loch im Nichts, und in den Gewässern, die eher ein Kreisen als Gewässer sind, treiben die Bilder all dessen, was ich gesehen und gehört habe auf der Welt — strudeln Häuser, Gesichter, Bücher, Kisten, Spuren von Musik und Silben von Stimmen in einem düsteren, unauslotbaren Wirbel.

. Und in all dem bin ich, wahrhaft ich, der Mittelpunkt, der einzig in der Geometrie des Abgrunds existiert: Ich bin das Nichts, umkreist um des Kreisens willen, und existiere nur, weil jeder Kreis einen Mittelpunkt besitzt. Ich, wahrhaft ich, bin der Brunnen ohne Wände - doch glitschig, wie Brunnenwände sind -, der Mittelpunkt von allem, umgeben von Nichts.  

Er steckt in mir, nicht wie der lachende Dämon im Menschen, sondern das Gelächter der Hölle selbst, der krächzende Wahnsinn des toten Weltalls, der kreisende Leichnam des physischen Raumes, das Ende aller Welten schwarz wehend im Wind, formlos, zeitlos, ohne einen Gott, der ihn schuf, ohne sich selbst und in finsterster Finsternis kreisend, unmöglich, einzigartig, alles. - Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich 2003

 Ich  (84)

Ich  (85)  Seine Gelenke waren fast steif. „Tetanus", sagte Dr. Salzmann.

Und während wir den durchbluteten, zerfetzten Turban, der kein Ende nehmen wollte, behutsam abwickelten, die blutverkrusteten Stellen mit Wasserstoffsuperoxyd begießend, fuhr er fort: „Ein Gurkha. Aus Nordindien. Berühmte Krieger. Diese Menschen haben viel feinere, ungebrochenere Instinkte als wir Europäer. Er spürte den Starrkrampf und ahnte die Ansteckungsgefahr. Deshalb wollte er nicht ins Haus."

Als Dr. Salzmann die Kopfwunde sah, sagte er tonlos, mit aschgrauer Sachlichkeit: „Aufhören. Spritze. Es ist nichts mehr zu machen. Sie sehen, die halbe Schädeldecke ist weg! Das Hirn liegt bloß und ist verletzt. Unsereiner wäre mit so einer Verwundung nicht wieder aufgestanden. Und er hat noch den Weg von der Front hierher zurückgelegt. Muß übrigens tagelang herumgeirrt sein. Sonst wäre der Tetanus noch nicht so fortgeschritten. Und selbst hier noch, am Ziel angelangt, hat ihn diese animalische Widerstandskraft - nein, nicht animalisch - die Willenskraft, wie sie nur eine viel ältere, tiefer verankerte Kultur hervorbringt - selbst hier hat ihn diese Kraft, unsern medizinischen Begriffen zum Hohn, nicht verlassen. Was Sie sich aber merken sollen für Ihr ganzes Leben", fuhr er fort, während er dem Inder Gesicht und Hals mit Alkohol reinigte, und er sprach nun nicht mehr tonlos und dozierend, sondern wie ein Seher, „dieser Typus, der vielleicht gar nicht besitzt, was wir das ,Ich' nennen, und der zu ungezählten Millionen unsre Erde bevölkert, er wird als Sieger aus diesem Jahrhundert hervorgehen, aus den gewaltigen Kämpfen, die eben erst begonnen haben, und deren Ende wir alle nicht erleben werden. Ein Mensch, der im Sterben noch so sehr ans Leben glaubt, daß seine letzten Handlungen, seine letzten Worte dem Schutz andrer gelten, ein solcher Mensch..." Ein tiefes Aufstöhnen des Bewußtlosen ließ ihn den Satz nicht zu Ende sprechen. „Mehr Morphium!" sagte er.  - Wieland Herzfelde, Immergrün. Merkwürdige Erlebnisse und Erfahrungen eines fröhlichen Waisenknaben. Berlin 1949

Ich  (86)   Wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr gebeugter gingen und doch die Vampire — ihre eigenen dämonischen Iche —. die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen Wangen, umherschwabbern. - Gustav Meyrink, J.H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln. In: G. M., Der Kardinal Napellus. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 19, Hg. Jorge Luis Borges 

Ich  (87)  Ich habe  keinerlei Lust, nicht zu sein, sondern verspüre eine verzweifelte und gewaltige Lust, auf eine andere Weise zu sein, ein anderer zu sein. Und ich habe auch einen verzweifelten Willen, nicht das zu sein, was ich bin, weil ich solcher Natur bin, daß ich will, was ich nie werde haben können. Ich will nicht ich sein, weil ich weiß, daß ich niemals nicht ich sein kann.

Und hier bin ich beim Absurden angelangt. Hier bin ich an dem Punkt angelangt, an dem niemand mehr wissen kann, was ich sage und was ich will. Niemand wird je erfahren, was in diesen beängstigenden Momenten in mir vorgeht. Niemand, wirklich niemand: Nicht einmal der Feinsinnigste, Psychologischste, Stendhal-Ähnlichste meiner wohlbekannten Dämonen.

Er ist hier bei mir. Sein Gesicht ist röter, geschwollener als üblich, und unter seiner Wolfspelzmütze blicken mich seine halbgeschlossenen schlauen Augen mit einer peinlichen Ruhe an. - Giovanni Papini, Ich will nicht länger der sein, der ich bin. In. G.P., Der Spiegel auf der Flucht (Spiegelfluchten). Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 19, Hg. Jorge Luis Borges

Ich  (88)  Ich bin kein Liberaler, kein Konservativer, kein Reformanhänger, kein Mönch, kein Indifferenter. Ich möchte ein freier Künstler sein und nichts weiter, und ich bedaure nur, daß Gott mir nicht die Kraft gegeben hat, einer zu sein. Ich hasse Lüge und Gewalt in all ihren Erscheinungsformen, und Konsistorialsekretäre sind mir gleichermaßen zuwider wie N. und G. Pharisäertum, Stumpfsinn und Willkür herrschen nicht allein in Kaufmannshäusern und Gefängnissen; ich sehe sie in der Wissenschaft, in der Literatur, unter der Jugend . . . Darum hege ich gleichermaßen geringe Vorliebe für Gendarmen, für Fleischer, für Gelehrte, für Schriftsteller, für die Jugend. Firma und Etikett halte ich für ein Vorurteil. Mein Allerheiligstes sind — der menschliche Körper, Gesundheit, Geist, Talent, Begeisterung, Liebe und absolute Freiheit, Freiheit von Gewalt und Lüge, worin sich die beiden letzteren auch äußern mögen. Das ist das Programm, an das ich mich halten würde, wenn ich ein großer Künstler wäre. - Anton Tschechow 1888, nach: Tintenfaß 7, Zürich 1983

Ich  (89)

Ich habe nicht stets Lust zu lesen.
Ich habe nicht stets Lust zu schreiben.
Ich habe nicht stets Lust zu denken;
kurz um, nicht immer zu studieren.

Doch hab ich allzeit Lust zu scherzen.
Doch hab ich allzeit Lust zu lieben.
Doch hab ich allzeit Lust zu trinken;
kurz, allezeit vergnügt zu leben.

Verdenkt ihr mirs, ihr sauern Alten?
Ihr habt ja allzeit Lust zu geizen;
Ihr habt ja allzeit Lust zu lehren;
Ihr habt ja allzeit Lust zu tadeln.

Was ihr tut, ist des Alters Folge.
Was ich tu, will die Jugend haben.
Ich gönn euch eure Lust von Herzen.
Wollt ihr mir nicht die meine gönnen?

- Lessing, nach: Tintenfaß 15, Zürich 1986

Ich  (90)   Gegen Abend flogen die Bäume davon, die Affen wurden unbeweglich, und ich sah mich hundertfach. Die Schar, die ich war, setzte sich ans Ufer des Meeres. Große goldene Schiffe zogen am Horizont vorüber. 

Und als es völlig Nacht war, kamen hundert Flammen auf mich zu. Ich zeugte hundert männliche Kinder, deren Ammen der Mond und der Hügel waren. Sie liebten die knochenlosen Könige, die auf den Baikonen hin und her schlenkerten. Am Ufer eines Flusses angekommen, ergriff ich ihn mit beiden Händen und schwenkte ihn. Dieses Schwert erquickte mich.

Und die schmachtende Quelle warnte mich, ich würde die Sonne, wenn ich sie aufhielte, in Wirklichkeit viereckig sehen. Verhundertfacht schwamm ich zu einem Archipel. Hundert Matrosen empfingen mich, und nachdem sie mich in einen Palast geführt hatten, töteten sie mich neunundneunzigmal. Da brach ich in Gelächter aus und tanzte, während sie weinten. Ich tanzte auf allen vieren. Die Matrosen wagten sich nicht mehr zu rühren, denn ich hatte das schreckliche Äußere des Löwen ... - (apol)

Ich  (91)   ich sage euch dreht mir nicht das wörtlein im munde um sonst setzt es was vergeßt nicht ich bin ein engel der dämmerung meine knochen sind aus mark und mein mark aus knochen streng bin ich aber ungerecht mir ist zu trauen wie einer gewürzgurke aus dem supermarkt ich bin ein göttlicher gott und ein gottlicher göthe und ein anzen banzen tanzengruber der modernen mundart-literatur aus artmann-puchheim und keiner glaubt mir daß ich in sankt nachsatz am walde geboren sei unschuldig in die weit geschleudert um schuld um schuld auf mein dach zu laden daß die schindeln krachen ein schwindler aus überschwang ein schwunghafter becherschwenker ein schwankhafter schwänkeschwätzer ein bücherschwitzer ein schwicherbützer ein bi ba butzemann der im eigenen hause herumgaustert und sich selbst mit seinen eigenen schatten erschreckt  - H.C. Artmann, Nachrichten aus Nord und Süd. München 1981 (dtv 6317, zuerst 1978)

Ich  (92)   Als ob ich je ein Verfasser von phantastischen Erzählungen hätte sein wollen . . . Aber was wollte ich sein oder was bin ich? Ja, wer das wüßte: Wie immer war und ist mein Verstehen nur negativ («Das nur unter uns . . .»). Ich weiß gut, was man nicht tun und sein darf, aber nicht, was man darf; ich bin angewidert von meinem Selbst und vergeblich auf der Suche nach einem anderen oder dem anderen Selbst. Genauer gesagt, ich ekle mich vor mir als Ganzem; und im übrigen bin ich nach nichts auf der Suche, ich beschränke mich darauf, mich zu verabscheuen. — Und doch, wie viele sogar intelligente Dinge könnte ich über mich sagen .. . wenn es einer solchen Selbstkritik nicht am konkreten Gegenstand mangelte, das heißt, wenn ein konkretes Werk hinter mir stünde, zumindest ein Werk, das nicht fast gänzlich im Wasser verschwindet wie ein Eisberg. Diese nur schwach aufschimmernden Unterwassergebilde, wer könnte aus denen irgend etwas folgern? (Aber weshalb eine so unglückliche Disposition, das wüßte ich gern.)   - (land3)

Ich  (93), Ich (94)

Ich  (95)

Der poussierte Gast 3

Grabsteine trag ich auf dem Kopf
und wasserhaltig ist mein Leib.
Den alten Adam zieh ich aus
zwölf mal pro Tag zum Zeitvertreib.

Ich stecke bis zum Heft im Licht
und dennoch spring ich durch mein Maul
und trage Eulen nach Athen
und spanne mich vor meinen Gaul.

Lebwohl viel hund- und katzenmal.
Ich folge einem Zug der Zeit
inkognito mit Blei verglast
zum Spiritus der Heiterkeit.

Privaten Kampfer menge ich
mit dem Holundermark der Zeit
und klimm am Mast- und Segeldarm
endgültig in die Ewigkeit.

 - Hans Arp, nach: Kurt Böttcher, Johannes Mittenzwei, Zwiegespräch. Deutschsprachige Schriftsteller als Maler und Zeichner. Leipzig 1980

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VB
Mittelpunkt Egoismus
Synonyme
Zentrum