ypothese    Meine Damen und Herren, das Entscheidende ist, Hypothesen aufzustellen. Es gibt keine Tätigkeit, die edler, keine, die menschenwürdiger wäre. Zunächst, gleich unter welchen Umständen, pausenlos Hypothesen erarbeiten; diese dann mit Dokumenten, Indizien, Argumenten, Phänomenen, Epiphänomenen usw. absichern. Hypothesieren ist gesund und entspannt. Als Freizeitbeschäftigung wirkt es ausgesprochen euphorisierend; wie etwa das Ernennen von Generälen, das Stiften von Religionen oder ein Frühstück mit Blutsverwandten ... die angemessene Dokumentation auffinden, heißt nicht mehr und nicht weniger, als ein Inventar des gesamten Universums erstellen, da, genau besehen, Kometen, Pferde, Dienstmädchen, Dinosaurier, Sonette, Schluchzer nichts weiter sind als Dokumente: Zeugnisse, die uns das Universum als roh und unzivilisiert offenbaren, ein bärtiger Grobian, dessen buschige Wangen darauf warten, von der Rasierklinge der hypothisierenden Intelligenz gemäht zu werden.  - (man)

Hypothese (2)  Eine Hypothese führt in dem Kopfe, in welchem sie ein Mal Platz genommen hat, oder gar geboren ist, ein Leben, welches insofern dem eines Organismus gleicht, als sie von der Außenwelt nur das ihr Gedeihliche und Homogene aufnimmt, hingegen das ihr Heterogene und Verderbliche entweder gar nicht an sich kommen läßt, oder, wenn es ihr unvermeidlich zugeführt wird, es ganz unversehrt wieder excernirt [aussondert].   - (schop)

Hypothese (3)  Ich versuche einige Hypothesen: Jener Gott, bzw. alle Götter, die ich hier druntoben getroffen habe, sind falsch, jedoch wahr für diejenigen, die für sie als Höllensiedler hier wohnen. Die Wahrheit verwirklicht sich in einer falschen Hölle. Wenn die Amphisbaena recht hätte und man annehmen müßte, daß die Hölle überall sei - wäre das dann nicht eine Form des Wahren - eine falsche Form des Wahren?   - (hoelle)

Hypothese (4)

Das Leben ist schoen

Das Leben ist schoen

 

 

abcdeeehilnnossst

Tod blas es in Schnee

abcdeeehilnnossst

schoen ist das Leben,

abcdeeehilnnossst

das Scheinen. Lobt es!

abcdeeehilnnossst

O selbst ein Schaden

abcdeeehilnnossst

ist schoen. Das Leben

abcdeeehilnnossst

liebend - ach Stossen,

abcdeeehilnnossst

lachende Not, es biss

abcdeeehilnnossst

deinen Schoss. Labet

abcdeeehilnnossst

das Leben, schoen ist

abcdeeehilnnossst

die Sonne. Ach, selbst

abcdeeehilnnossst

das Eisen lebt schon.

 - Unica Zuern, nach (abc)

Hypothese (5)

Hypothese (6) A. Am Ende, Lieber, was sollen alle diese Hypothesen - Eine einzige wahrhaft beobachtete Thatsache ist doch mehr werth, als die glänzendste Hypothese. Das Hypothesiren ist eine risquante Spielerey - Es wird am Ende Leidenschaftlicher Hang zur Unwahrheit - und vielleicht hat nichts den besten Köpfen und den Wissenschaften mehr geschadet, als diese Rcnommisterey des fantastischen Verstandes. Diese szientifische Unzucht stumpft den Sinn für Wahrheit gänzlich ab, und entwöhnt von strenger Beobachtung, welche doch allem die Basis aller Erweiterung und Entdeckung ist. B. Hypothesen sind Netze, nur der wird fangen, der auswirft.

Ist nicht America selbst durch Hypothese gefunden? Hoch und vor allen lebe die Hypothese - nur sie bleibt Ewig neu, so oft sie sich auch selbst nur besiegte.

Und nun in Prosa die Nutzanwendung. Der Skeptiker, mein Freund, hat so wenig, wie der gemeine Empirismus das Mindeste zur Erweiterung der Wissenschaft gethan-Der Skeptiker verleidet höchstens den Hypothetikern den Ort, wo sie stehn, macht ihnen den Boden schwanken; Eine sonderbare Art Fortschritte zu stände zu bringen. Wenigstens ein sehr indirectes Verdienst. Der ächte Hypothetiker ist kein andrer, als der Erfinder, dem vor seiner Erfindung oft schon dunkel das entdeckte Land vor Augen schwebt - der mit dem dunkeln Bilde über der Beobachtung, dem Versuch schwebt - und nur durch freye Vergleichung -durch mannichfache Berührung und Reibung seiner Ideen mit der Erfahrung endlich die Idee trift, die sich negativ zur positiven Erfahrung verhält, daß beyde dann auf immer zusammenhängen - und ein neues himmlisches Licht die zur Welt gekommene Kraft umstrahle.  - Novalis, Dialogen

 

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