uldigung  Als ich dann nackt dalag und zur Decke blickte, während die Blondine neben mir lag und ebenfalls zur Decke blickte, stand ich plötzlich auf und nahm eine Pfingstrose aus der Vase und zupfte die Blütenblätter ab und verteilte sie über den ganzen Bauch des Fräuleins, das war so schön, daß ich staunte, und das Fräulein richtete sich auf und guckte an sich herunter, doch die Pfingstrosenblätter fielen herab, und ich drückte sie sanft zurück, sie solle liegen bleiben, nahm den Spiegel vom Haken und hielt ihn ihr vor, so daß das Fräulein sah, wie schön ihr Bauch mit den Blütenblättern der Pfingstrosen bedeckt war. Ich sagte: »Das wird schön! Immer wenn ich komme, egal, was für Blumen gerade da sind, werde ich dir den Bauch schmücken!« So etwas, sagte sie, habe sie noch nie erlebt, solch eine Huldigung ihrer Schönheit, und dieser Blumen wegen hätte sie sich in mich verliebt.

»Wie schön wird es erst zu Weihnachten werden, wenn ich Fichtenzweige breche und dir den Bauch mit diesen Zweigen schmücken werde!« sagte ich, und sie antwortete, noch schöner wäre es, wenn ich ihr Misteln auf den Bauch täte, aber das beste wäre, und dafür müsse sie sorgen, wenn an der Decke über dem Kanapee ein Spiegel hinge, damit wir sehen könnten, wie wir liegen, und vor allem, wie schön sie sei, wenn sie nackt daliege, mit einem Kranz um ihr Müffchen, einem Kranz, der sich mit jeder Jahreszeit ändere, je nach den Blumen, die typisch seien für diesen oder jenen Monat. Wie schön würde es sein, wenn ich sie erst mit Maßliebchen und Kartäusernelken schmückte, mit Chrysanthemen und Blattwerk und buntem Laub... Ich stand auf und umarmte mich selbst und war groß, und als ich ging, reichte ich ihr zweihundert Kronen, doch sie gab sie mir zurück, und ich legte sie auf den Tisch und ging davon und hatte das Gefühl, als sei ich einen Meter achtzig groß.   - Bohumil Hrabal, Ich habe den englischen König bedient. Frankfurt am Main  1990 (zuerst 1971)

Huldigung (2)  Lieber Gérard de Nerval, Mensch der Menge, Nachtwandler, Jargoniker, unbußfertiger Träumer, neurasthenischer  Liebhaber der kleinen Theater der Hauptstadt und der unermeßlichen Nekropolis des Ostens: Architekt von Salomos Tempel, Übersetzer des Faust, Privat-Sekretär der Königin von Saba, Drude der ersten und zweiten Klasse, sentimentaler Vagabund der Île-de-France, letzter Sproß der Valois, Kind von Paris, Lippen von Gold, du hängtest dich im Schlund einer Kloake auf, nachdem du deine Gedichte zum Himmel emporgeschossen hattest; und nun schwebt dein Schatten für immer vor ihnen, immer größer und größer werdend, zwischen Notre-Dame und Saint-Fröhlichkeit, und deine glühenden Chimären durchrasen diesen Teil der Himmel wie sechs zerzauste und schreckeinflößende Kometen.   - Blaise Cendrars, nach: B. C., Wahre Geschichten. Zürich 1979

Huldigung (3)   Der Maestro, fast geringschätzig, hatte noch immer mit dem Rücken zu uns gestanden und seine Musiker vermutlich beifällig angesehen. Jetzt drehte er sich, langsam, um und neigte den Kopf zu seinem ersten Gruß. Sein Gesicht war sehr weiß, als ob Erschöpfung ihn überwältigte, und der Gedanke kam mir (neben vielen anderen Empfindungen, Gedankenfetzen, Schnappschüssen all dessen, was um mich herum in dieser Hölle von Begeisterung vorging), daß er ohnmächtig werden könnte. Er grüßte ein zweites Mal und blickte dabei nach rechts, wo ein blondhaariger Mann im Smoking, gefolgt von zwei anderen, soeben auf die Bühne gesprungen war. Der Maestro machte zunächst, wie mir schien, eine leichte Bewegung, als wolle er vom Podium heruntersteigen, aber dann gewahrte ich, daß diese Bewegung etwas Krampfhaftes an sich hatte, als versuche er sich zu befreien. Die Hände der Frau in Rot schlössen sich um seinen rechten Knöchel; ihr Gesicht war zum Maestro emporgerichtet, und sie schrie, zumindest sah ich ihren geöffneten Mund und vermute, daß sie, gleich den übrigen, schrie, wahrscheinlich wie ich selbst. Der Maestro ließ den Taktstock fallen und bemühte sich nach Kräften freizukommen, wobei er etwas sagte, das unmöglich zu hören war. Einer aus dem Gefolge der Frau umschlang schon das andere Bein, vom Knie ab, und der Maestro wandte sich wie Hilfe suchend seinem Orchester zu. Die Musiker standen, in einem gewaltigen Wirrwarr von Instrumenten unter dem blendenden Licht der Bühnenscheinwerfer. Die Notenständer fielen wie Ähren, als Männer und Frauen vom Parkett aus an zwei Seiten zugleich auf die Bühne stiegen, bis man schließlich nicht mehr wußte, wer Musiker war und wer nicht. Deshalb klammerte sich der Maestro, als er sah, daß ein Mann von hinten aufs Podium geklettert kam, blindlings an ihn, damit er ihm helfe, sich von der Frau und ihrem Gefolge loszureißen, die schon seine Beine mit den Händen bedeckten, und erst in diesem Augenblick wurde ihm bewußt, daß der Mann keiner von seinen Musikern war, und wollte ihn zurückstoßen, aber der andere umschlang seine Taille, die Frau, sah ich, öffnete wie fordernd die Arme, und der Körper des Maestro verlor sich in einem Strudel von Leuten, die ihn einkreisten und in dicker Traube davontrugen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich alles mit einer Art hellsichtigen Schreckens betrachtet, von höherer oder niederer Warte aus mit angesehen, was vorging, als mich eben jetzt ein gellender Schrei zu meiner Rechten aufstörte und ich sah, daß der Blinde aufgestanden war, seine Arme wie Mühlen-flügel drehte und dabei etwas schrie, verlangte, bat. Das war zuviel, da konnte auch ich nicht länger zusehen, ich fühlte mich teilhaftig dieser überschwenglichen Begeisterung und lief meinerseits zur Bühne und sprang an einer Seite empor, gerade als eine rasende Menge die Geiger umringte, ihnen die Instrumente entriß (man hörte sie krachen und bersten wie riesige braune Asseln) und begann, sie von der Bühne ins Parkett zu werfen, wo andere die Musiker erwarteten, sie umarmten und in wirren Strudeln untergehen ließen. Es ist sehr sonderbar, aber ich hatte durchaus nicht den Wunsch, zu diesen Demonstrationen beizutragen, ich wollte lediglich danebenstehen und sehen, was vorging, überwältigt von dieser unerhörten Huldigung. Ich behielt hinlänglich klaren Kopf, um mich etwa zu fragen, warum die Musiker nicht, so rasch sie konnten, über die Soffitten entflohen, und sah sogleich, daß es nicht möglich war, weil Scharen von Zuhörern die beiden Flügel der Bühne blockiert hatten und einen beweglichen Kordon bildeten, der, über die Instrumente trampelnd, voranschritt, die Ständer in die Luft warf, klatschte und gleichzeitig grölte, in einem so ungeheuerlichen Getöse, daß es fast schon wieder der Stille glich. Ich sah einen dicken Kerl auf mich zulaufen, der seine Klarinette in der Hand trug, und war versucht, sie ihm im Vorübereilen zu entreißen oder ihm ein Bein zu stellen, damit das Publikum ihn packen konnte. Ich blieb unschlüssig, und eine Dame mit gelblichen Gesicht und einem großen Dekollete, in dem eine Unmenge von Perlen wogte, betrachtete mich gehässig und empört, während sie an mir vorbeiging und sich des Klarinettenspielers bemächtigte, der schwach kreischte und sein Instrument zu schützen versuchte. Zwei Männer nahmen es ihm ab, und der Musiker mußte sich ins Parkett tragen lassen, dorthin, wo das Durcheinander seinen Höhepunkt erreichte.

Die Schreie überwogen jetzt den Beifall, die Leute waren allzusehr damit beschäftigt, die Musiker zu umarmen und ihnen auf die Schultern zu klopfen, um noch applaudieren zu können, so daß das Getöse mehr und mehr zu einem spitzen Ton anstieg, hier und da von aufheulenden Schreien unterbrochen, unter denen ich einige mit jener sehr speziellen Tonlage zu hören meinte, die das Leiden veranlaßt.  - Julio Cortázar, Die Nacht auf dem Rücken. Die Erzählungen Bd. 1. Frankfurt am Main 1998

Huldigung (4)  Liebe ..., ich habe nun also freien Zugang zu allen Schanden und Erniedrigungen der Liebe; ich genieße die Schmach meines Körpers. Kann ich Dich nicht in das Netz dieser Nacht locken, die nur den Körpern vertraut ist - Dich nicht Deiner Abwesenheit entreißen? Dich mit Körperlichkeit anstecken? Was also lehnst Du ab: die ruchlose Lizenziertheit des Körpers oder die schlaue Manipulation der Liebe? Du bist das »Nein«, aber die Huldigungen gehören mir.

Ich setze meinen Weg fort, der Boden ist abschüssig, ich steige hinab; ein Gestank von Verwestem und Verwelktem umfängt mich - von etwas, das ich kenne, aber nicht sehe und nicht beschreibe. Du also, niemand anderer, bist die Königin der Lepra, und dieses kann nichts anderes sein als das Zentrum und der Zerfall - die Entwürdigung, die dem Zentrum innewohnt. Ich verneige mich vor Deiner verwesten Unendlichkeit, die Luft trägt mir den Geruch eines Lächelns zu - vielleicht eine Zustimmung.

Ich lasse nicht ab, Dich zu lieben, zerfressene, verwitterte, leuchtende, phosphoreszierende Königin; majestätischer Aussatz; unsterbliche Sterbliche; unbe-schüeßbarer Verfall. Wunderbares Grauen: verlange von mir, daß ich Dich Hebe: ich werde Dir dienstbar und treu sein, Dein Auftragsmörder, Minister Deines Gestanks, Zeremonienmeister all dessen, was bei Dir Begräbnis, Hochzeit, Begattung, Almosen, Bevorzugung, Empfängnis und Gemetzel zugleich ist. Ich? Dein verliebter Diener, komme - Du weißt es sicher - vom Leprosorium der Königinnen: von dort also, wo Du nie gewesen bist, wo aber der Staub Deiner zerfallenen Fahnen die Luft erfüllt. Ich bringe Dir Huldigungen dar, Huldigungen; jene artigen Damen aber sind nur sonntägliche Hausfrauen im Vergleich zu jenem wundersamen Ungeheuer, das sich hinter Deinen Blicken verbirgt. Du wohnst also in Dir, Pächterin Deines endlosen Körpers; durch Deine Wunden laufend kann ich in Dein Zentrum eindringen. Deine wundenbedeckten Genitalien - blutige Skizzen - bilden den Anfang meiner Reise. Ich gehe auf Dein Zentrum zu, trete ein, bin in Dir, Königin, Krankheit, einbrechende Dunkelheit, Höhe.

Fasergeflecht fleischlichen Nebels; Fingernagelschwärme; fernes Rollen eines gänzlich pupillarischen Auges; warmer Zustrom von Blut; ein Flüstern, das tödlich und vollkommen verliebt sein kann; das Gefühl, verloren und angekommen zu sein - ich weiß nicht wo. Ich weiß nicht, ob diese Indizien darauf hindeuten, daß Du auf irgendeine unerreichbare, vollkommene und unübersetzbare Art trotz allem existierst; oder daß alles nur ein Wahn von mir war und mein ganzes Leben eine überspitzte Halluzination. Ich vermute, daß jetzt alles klarer ist, und daß ich mich selbst besser mißverstehe, wenn ich Dich endgültig von der Inexistenz zerfressen wähne. Ich wurde verführt, aber nicht enttäuscht. Alles war ganz unbeschwert, von Anfang an, ohne Bitterkeit und Hohn. Du hast niemals geträumt, aber auch niemals »nein« gesagt. Gab es etwas anderes, das Dir erlaubt hätte, mich nicht zurückzuweisen, außer Deinem Unwillen zu existieren? In Wahrheit kannst Du mich jetzt nicht mehr zurückweisen, ebenso wie ich nicht aufhören kann, Dich zu lieben. Eine sophistische Spitzfindigkeit, wirst Du sagen: widerlege mich, wenn Du kannst. Nie geboren, treu und beständig, werden wir uns auf keine Art und zu keiner Zeit trennen, und es gibt auch keine Möglichkeit, Dich zu vergessen oder mich von Dir zu entfernen. Du existierst nicht, und ich - Du hast mich überzeugt - ich existiere nicht, Liebe.   - Giorgio Manganelli, Amore. Berlin 1982 (Wagenbach Quartheft 118, zuerst 1981)

Huldigung (5)

- N.N.

Huldigung (6)  »Komm rasch«, schreit er, »sieh die Schmetterlinge, so groß wie Vögel, das ganze Zimmer ist voll davon!«

Ich eile hinüber. Tatsächlich, die Begeisterung und die Übertreibungen des Knaben sind zu begreifen. Etwas in unserem Hause Beispielloses, eine Invasion von riesigen Schmetterlingen, hat stattgefunden. Vier sind bereits gefangen und in einem Vogelkäfig untergebracht. Viele andere fliegen unter der Zimmerdecke umher.

Bei diesem Anblick fallt mir das am Morgen eingesperrte Weibchen ein. »Zieh dich an, Kleiner«, sage ich zu meinem Sohn, »laß den Käfig und komm mit mir. Wir werden etwas Seltsames sehen.«

Wir steigen die Treppe hinab, um uns in mein Arbeitszimmer im rechten Flügel des Hauses zu begeben. In der Küche begegne ich der Magd, die ebenfalls ganz aus dem Häuschen ist. Mit ihrer Schürze macht sie auf große Schmetterlinge Jagd, die sie zuerst für Fledermäuse gehalten hat.

Es hat den Anschein, als habe das Nachtpfauenauge so ziemlich überall von meiner Behausung Besitz ergriffen. Wie erst wird es oben bei meiner Gefangenen, der Ursache dieses Zustroms, aussehen? Glücklicherweise war eines der beiden Fenster meines Arbeitsraumes offen geblieben. Der Weg zu ihr ist also frei.

Eine brennende Kerze in der Hand, betreten wir den Raum. Was wir da zu sehen bekommen, bleibt unvergeßlich. Mit gedämpftem Flick-flack umkreisen die Schmetterlinge in der dunklen Nacht die Drahtglocke, lassen sich auf ihr nieder, erheben sich, steigen zur Decke empor, kommen wieder. Sie stürzen sich auf die Kerzenflarnme, löschen sie aus mit einem einzigen Flügelschlag, setzen sich auf unsere Schultern, klammern sich an unsere Kleider, streifen unsere Gesichter. Das ist die Höhle des Geisterbeschwörers, erfüllt vom Wirbel der Fledermäuse, und der kleine Paul drückt mir die Hand stärker, als er sonst zu tun pflegt.

Wie viele sind es? Es mögen ihrer zwanzig sein. Fügen wir diesen die Verirrten in der Küche, im Schlafzimmer der Kinder und in den anderen Räumen des Hauses hinzu, so werden wir auf vierzig kommen. Das war ein denkwürdiger Abend, dieser Abend des Nachtpfauenauges. Von überall her, und ich weiß nicht, wodurch benachrichtigt, sind vierzig Verliebte herbeigeeilt, um dem am Morgen in der Abgeschlossenheit meines Arbeitszimmers geborenen Weibchen ihre Huldigung darzubringen.

Für heute wollen wir den Schwärm der Freier nicht weiter stören. Die Kerzenflamme gefährdet die Besucher, die sich unbesonnen auf sie werfen und sich daran versengen.   - (fab)

Verehrung
Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme