Hühnerschlachten


Hühnerschlachten 

 - Josef Hegenbarth

Hühnerschlachten (2)  Ein einzigesmal in seinem Leben, als er ungefähr zwölf Jahre alt war, hatte er versucht, einem Huhn den Kopf abzuschlagen. Sein Vater war nicht da, und seine Mutter hatte ihn darum gebeten. Er erinnerte sich noch deutlich daran. Er war blaß, und seine Nasenflügel bebten. Die Federn zuckten in seiner Hand. Das Tier schlug mit einem Flügel. Er brachte es nicht fertig, den Kopf des Huhnes auf dem Klotz festzuhalten, auf dem man sonst Holz hackte. Mit der anderen Hand schwang er linkisch die Axt. Sein erster Schlag war so ungeschickt gewesen, daß er das Tier nur verletzt hatte, und um die nächsten Schläge ausführen zu können, hatte er die Augen geschlossen. - Georges Simenon, Maigret als möblierter Herr. München 1977 (Heyne Simenon-Kriminalromane 19, zuerst 1951)

Hühnerschlachten (3)   Lydia, »La Ben Plantada«, saß vor uns auf einem verchromten Schemelchen. Sie sprach vom Mysterium, vom »Meister«, von einem Artikel über Wilhelm Teil, den d'Ors gerade geschrieben hatte. »Wilhelm und Teil«, sagte sie, »sind zwei verschieden Personen. Einer kommt aus Cadaquès, der andere aus Rosas...«. Sie war gekommen, um das Abendessen für uns zu kochen, und als der methodisch Fortgang des Gesprächs über Wilhelm und Teil gesichert war, holte sie aus der Küche das Huhn und das, was sie zum Schlachten brauchte. Diesmi setzte sich Lydia auf den Boden, und während sie fortfuhr, den letzten Artikel von Eugenio d'Ors zu interpretieren, stach sie geschickt ihre Schere in den Hals des Huhns und hielt den blutenden Kopf über eine dunkel glasierte Terrakottaschüssel.

»Niemand will glauben, daß ich >La Ben Plantada< bin. Ich kann das verstehen. Die Leute haben keine starken Gemüter wie wir drei - keine Geistigkeit! Sie können über die Buchstaben auf dem Papier nicht hinaussehen. Picasso redete ja nicht viel, aber er hatte mich sehr gern; er hätte sein Blut für mich hingegeben. Eines Tages lieh er mir ein Buch vo Goethe.. .«.

Das Huhn zuckte noch ein paar Mal, dann ragten seine Beine starr und reglos wie Rebstöcke im Winter. Lydia begann es zu rupfen, und bald war das ganze Zimmer mit Federn bedeckt. Nachdem dieser Arbeitsgang beendet war, säuberte sie das Huhn und entnahm mit von Blut triefenden Fingern die Eingeweide, die sie säuberlich getrennt auf einen Teller legte - er stand auf dem Kristalltisch, auf den ich ein sehr kostbares Buch mit Faksimiledrucken der Zeichnungen Giovanni Bellinis gelegt hatte. Als ich das sah, sprang ich besorgt auf, um das Buch vor möglichen Spritzern zu retten. Mit bitterem Lächeln meinte Lydia: »Blut befleckt nicht«, und füg dann sofort folgende Bemerkung hinzu, den ihr maliziöser Augenausdruck mit versteckter erotischer Bedeutung erfüllte: »Blut ist süßer als Honig! Ich«, fuhr sie fort, »bin Blut, und alle anderen Frauen sind Honig! Meibe Söhne...« (das fügte sie mit leiser Stimme hinzu) »sind zur Zeit gegen Blut und rennen dem Honig nach.« - (dali)

 

Huhn Tiertod

 

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