enne  Treffend sagte eine  Dame, ihr L... hätte die Natur von Hennen, die den Pips bekommen und daran sterben, wenn es ihnen an Wasser fehlt und sie nicht trinken können. Genauso bekäme ihre Scheide den Pips und stürbe daran, wenn man ihr nicht oft zu trinken gäbe; es muß aber auch ein anderes als Brunnenwasser sein.  - (brant)

 Henne (2)  Eine dicke Henne hält die Wohnung besetzt; sie ist so dick, daß sie beim Versuch, von einem Zimmer ins andere zu gelangen, schon ein paar Türen zum Einsturz gebracht hat. Nicht daß sie besonders unruhig wäre; sie ist ein intellektuelles Huhn und verbringt fast ihre ganze Zeit mit Lesen. Sie berät nämlich das Verlagshaus A; der Verleger schickt ihr alle Romane, die im Ausland erscheinen, und die Henne liest sie geduldig mit dem rechten Auge, weil sie nicht mit beiden Augen gleichzeitig lesen kann: Das linke bleibt unter dem schönen, samtgrauen Lid geschlossen. Von Zeit zu Zeit brummelt die Henne vor sich hin, weil ihr der Druck zu klein ist; oder sie macht gagagack und schlägt mit den Flügeln, aber niemand kann sagen, ob das aus Vergnügen oder aus Überdruß geschieht. Wie auch immer, wenn ihr ein Buch nicht gefällt, frißt sie es auf. Und von Zeit zu Zeit schickt der Verlag A. einen Angestellten, um die restlichen Bücher- die das Huhn in der ganzen Wohnung verstreut hat - einzusammeln, und veröffentlicht sie. - J. Rodolfo Wilcock, Das Stereoskop der Einzelgänger. Freiburg  1995 (zuerst 1972)

Henne (3)  Ich werde Tatà nicht als fettleibige Frau beschreiben, aber ebensowenig will ich behaupten, sie sei schlank und hochgewachsen gewesen. Sie besaß allerdings - um einen Ausdruck zu gebrauchen, der heute vielleicht ausgefallen erscheinen mag, damals aber von Mund zu Mund ging, weil ihn ein tüchtiger und beliebter Mann, ein Lehrer der Jugend, ein Kunstkritiker und vorzüglicher Autor geprägt hatte -, sie besaß, wollte ich sagen, Farbensinn. Beleibt, klein, kräftig geschminkt, in schöne Stoffe gekleidet, die eines Malers Palette oder das Lichtspektrum selbst vollständig wiedergaben, kurze Schreie ausstoßend, keuchend, witzig, von dem jungen Mann begleitet, der jeweils gerade an der Reihe war - so kannte man sie; und so wenig ahnte die Arme, wie übrigens wir alle, von der bevorstehenden Katastrophe!

»Sie sieht aus wie eine Henne aus Leinwand, eine Henne, der der einzige Hahn nachläuft«, rief Keller.

Ich dachte: ganz und gar nicht. Und korrigierte:

»Eine Henne, die aus einer Menge kleiner Fetzen gemacht ist, jeder von einer anderen Farbe. Und was den >einzigen Hahn< betrifft - wie denn nicht!«

Ich schreibe für gebildete Menschen, non recito cuiquam nisi amicis; daher glaube ich, daß ich nicht das reine Andenken an eine Matrone trübe, wenn ich gestehe: Tatà war - um einen anderen Ausdruck desselben Kunstkritikers zu wiederholen — ein munterer Vogel. M. Vallet (Autor von Le Chic à cheval) fragte:

»Wo nimmt die Alte nur so junge Burschen her?«

»Sie muß ihre versteckten Vorzüge haben", meinte eine meiner Kusinen. - Adolfo Bioy Casares, Die fremde Dienerin. Frankfurt am Main  1983

Henne (4)  Eine Henne ist bloß die Art, wie ein Ei ein anderes Ei hervorbringt.  - Samuel Butler, nach: Der Rabe 35. Zürich 1993

Henne (5)  Wie aus den Finsternissen heraufbeschworen, erschien, aus dem halboffenen Hintertürchen der Kellertreppe, die vom Laden hinunterführte (von der die Burschen phantasierten, andere schwärmten, und die mehr als einer von ihnen durch die praktische Erfahrung des Handlesens kannte), erschien und spazierte dann über den kalten Steinboden, hierhin und dorthin, begleitet von ihrem Keckeckecke-Gegacker, zwischen zwei Haufen von Wirk waren eine dreckige und halbnackte Henne, der ein Auge fehlte, am rechten Bein festgebunden mit einem über und über verknoteten und angestückelten Spagat, der immer noch länger wurde, immer länger heraufkam : wie aus dem Ozean die endlose Lotleine des Senkbleis, die von der Haspel am Heck zurückgerufen wird an Bord, Stück um Stück, behangen mit einem Bart aus Seegrasgekräusel: eine glitschige, eine grüne Alge des Abgrunds. Nachdem sie hier und dort mehrmals versuchsweise den Krähfuß hochgehoben hatte, jedesmal mit der Miene dessen, der sehr wohl weiß, wohin er will, aber von einem widrigen Geschick gehindert wird, änderte die staksende Schielhenne plötzlich ganz und gar ihre Absicht. Sie spreizte die Flügel vom Körper (und schien den Brustkorb zu blähen, um eine reichlichere Luftzufuhr zu ermöglichen), während ein schlechtverhehlter Zorn ihr schon im Hals gurgelte: eine katarrhisch-krächzende Drohung. Mit giftiger Fistel begann sie im Falsett zu kreckern, flatterte wie irr auf die Hügelspitze des Lumpenbergs, von dem aus sie die Dinge und Erscheinungen des Universums mit ihrem allgewaltigen Gegacker überschüttete, als hätte sie dort oben das Ei gelegt. Aber sie flog, ohne sich aufzuhalten, wieder herunter und landete mit erneuten paroxistischen Kehllauten in höchst gelungenem Segelflug auf dem Ziegelboden: der reinste Rekordflug : und immer den Spagat hintennach ziehend. Parallel mit dem Spagat und seiner Reihe von Knoten und Buckeln, hatte sich ihr ein grauer Wollfaden ans Bein geheftet: und zwar schien der Faden sich von einem rhabarberfarbenen Schal abzuhaspeln, von unterhalb des frischgefärbten Zeugs. Nunmehr am Boden gelandet und nach einem letzten Keckeckeck, sei's von unheilbarem Ärger oder auch wiedergefundenem Seelenfrieden, wiedergefundener Freundschaft, pflanzte sie sich mit festen Beinen vor den Schuhen des verdutzten Brigadiers auf, indem sie ihm den ganz und gar nicht federbuschigen Schwanz zuwendete: hob den Rest desselben, entblößte die Bürzelöffnung: gab dem Zwerchfell einen minimalen Druck, bei völliger Öffnung der rosaroten Rose des Schließmuskels, versteht sich, und, plaff, kackte drauflos: nicht als Zeichen der Verachtung, im Gegenteil wahrscheinlich: der Hühneretikette zufolge als Zeichen der Verehrung für den wackeren Unteroffizier und mit der größten Ungeniertheit der Welt: ein grünes Riesenpraliné à la Borromini, gekeltert mit Bröseln von Schwefelkolloid wie die Batzen auf den Schwefelquellen von Acque Albule: und ganz oben drauf ein Schaumklecks aus Kalk, im Kolloidal-Zustand auch dieser - eine hellhäutige Crême, wie blasse pasteurisierte Milch, die auch damals schon im Handel war.

Von all dieser Aerodynamik, und dem anschließenden Ausklinken des Nougatbonbons profitierte natürlich die Zamira: und sparte sich die Antwort: indes war etwas zurückgeblieben von gelockten Federchen, schneeig und zart wie von einem jungen Entlein, in halber Höhe, und wiegte weich in der Luft, weich wie vergehende Rauchringe einer Zigarette. In diesem neuen Wunder zerfloß die Befehlsgewalt des Pestalozzi. Die Zamira erhob sich flink und mit ganzer himmelblau gewandeter Schnellkraft vom Sessel und machte sich dran, mit den Pantoffeln zu stampfen und mit dem Rock - Schürze hatte sie keine an - hinter der Halbgerupften herzuscheuchen und zu keifen: »Gscht! gscht! Drecksvieh! Misthuhn! So eine Sauerei! Du Drecksvieh! Dem Signor Maresciallo...!«

Indes die Drecksvieh Genannte, auch ihrerseits mit tausend Gock-gock-gock zurückkeifend und ihren Groll darin zusammenfassend, alles in einem gegen die Zimmerdecke kreischend sich erhob, trotz zwiefacher Verankerung durch Spagat und Wollfaden, und bis auf den oberen Rand der Kredenz flog: woselbst sie, äußerst wutentbrannt und ganz von ihrer Würde erfüllt, in die Zinnschüssel einen weiteren schönen Scheißdreck deponierte, einen kleineren allerdings als den ersten: piff! womit sie das ihr Verfügbare offenbar verausgabt hatte.   - Carlo Emilio Gadda, Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana. Darmstadt 1979

Henne (6)   Der Teufel, für das Mädchen hatte er sich in eine Henne verwandelt: jene, die dort im Gemüsegärtchen die Einfältige spielt und sachgemäß den Kratzfuß hebt, und ihn niedersetzt : umherumzupicken, herumzukacken. Eine von den dreien: aber welche; Und so führte sie, nah am Hause, zwischen einer Stoppel und der anderen, mit einem Ei pro Tag (so daß man nie herauskriegen konnte, welche es war, von den dreien, die es an diesem Tag gelegt hatte) - in der Armut und Einsamkeit des hüttenlosen Landes, führte sie die Seelen in Versuchung: und verriet sie dann an den Maresciallo, an die Spitzel des Herrn: indem er, der Teufel, oder sie, die Henne, tagtäglich sich den Anschein gab, als sei sie nur damit beschäftigt, zu scharren, Würmer zu suchen. Dicke Maden, kleine Würmchen. Und kaum  daß sie den Zug daherpusten hörte, ließ sie sich von jener Angst und Hoffnung erfassen, ihn im Nacken sitzen zu haben, und die anderen beiden ebenfalls: damit man nicht rauskriegte, welche von den dreien es war, welche er war: der Teufel nämlich. Teufel, zweifellos, und Spitzel, dachte das Mädchen, eine Hand mit zum Horn gespreizten Fingern beschwörend gegen die Hennen gerichtet: Spitzel, Spitzel: hatte sich im trügerischen Gewand ins Bereich der Häuslichkeit, dieser ländlichen, bahnwärterlichen Häuslichkeit gestohlen: da war er, da war er: stolzierte einher wie ein Huhn und benahm sich wie ein Huhn: wie ein Herr mit gelben Handschuhen auf der Via Veneto, das Einglas im Auge, die weiße Blume im Knopfloch: pickte sich eine Laus von der einen Schulter, mit hochmütiger Miene, dann von der anderen: kackte herum, als wäre nichts dabei, und profitierte von den vorteilhaften Umständen, ein Huhn zu sein, äugte seitwärts, genau so, wie's die Hühner machen, beschäftigte sich damit, in die Küche zu gucken, wenn die Tür offenstand. Trat gar ein. Und. keiner jagte es davon, der Onkel telegraphierte gerade nach Ciampino oder nach Cecchina, tack, tatatrack, tack, vor dem Apparat sitzend. Das Huhn also konnte in Ruhe alles bespitzeln. Registrierte mit irrer Pupille, verzeichnete auf der Netzhaut: mit dem seitlichen Auge, das den Hühnern zu eigen und eine Erfindung von Picasso sein könnte. Guckloch aus einem Abort, einem jeder Absicht und jeder Gucklochhaftigkcit entkleideten Abort, backbords oder steuerbords. Und indes betrachten sie dich doch. O ja, es war der Teufel: hinterlistig in die Küche eingedrungen.  - Carlo Emilio Gadda, Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana. Darmstadt 1979

 

Hahn

 

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