räfin von Sussex, ein erhabenes wiewohl betrübliches Exemplum für die Macht der Lust und ihre Sklaverey. Eine Schönheit war sie, so groß wie kaum eine in England, und hatte einen trefflichen Esprit. Nach dem Tod ihres Lordgemahls (der eifersüchtig gewesen) schickte sie nach einem, der vordem ihr Lakai gewesen, und machte ihn zu ihrem Schlafkammer=Junker. Er hatte die Franzosenkrankheit, und sie wußte darum; ein schändlicher Saufkopf. Sehr hübsch war er nicht, doch sein Leib von exquisiter Statur. Hinc Amoris Sagittae. Seine Nüstern waren ausgeweitet & ausgestopft von Korken, mit Federn zum hindurch=Athmen. Um 1666 starb diese Countess an der Franzosen Krankheit.  - (aub)

Gräfin (2) Otto, Graf zu Orlamünde, starb 1340 mit Hinterlassung einer jungen Witwe, Agnes, einer gebornen Herzogin von Meran, mit welcher er zwei Kinder, ein Söhnlein von drei, und ein Töchterlein von zwei Jahren, erzeugt hatte. Die Witwe saß auf der Plassenburg und dachte daran, sich wieder zu vermählen. Einstens wurde ihr die Rede Albrechts des Schönen, Burggrafen zu Nürnberg, hinterbracht, der gesagt hatte: »Gern wollt ich dem schönen Weib meinen Leib zuwenden, wo nicht vier Augen wären!« Die Gräfin glaubte, er meinte damit ihre zwei Kinder, sie ständen der neuen Ehe im Weg; da trug sie, blind von ihrer Leidenschaft, einem Dienstmanne, Hayder oder Hager genannt, auf und gewann ihn mit reichen Gaben, daß er die beiden Kindlein umbringen möchte. Der Volkssage nach sollen nun die Kinder diesem Meuchelmörder geschmeichelt und ihn ängstlich gebeten haben. »Lieber Hayder, laß mich leben! Ich will dir Orlamünden geben, auch Plassenburg des neuen, es soll dich nicht gereuen«, sprach das Knäblein; das Töchterlein aber: »Lieber Hayder, laß mich leben, ich will dir alle meine Docken geben.« Der Mörder wurde hierdurch nicht gerührt und vollbrachte die Untat; als er später noch andre Bubenstücke ausgerichtet hatte und gefangen auf der Folter lag, bekannte er, sosehr ihn der Mord des jungen Herrn reue, der in seinem Anbieten doch schon gewußt habe, daß er Herrschaften auszuteilen gehabt, so gereue ihn noch hundertmal mehr, wenn er der unschuldigen Kinderworte des Mägdleins gedenke. Die Leichname der beiden Kinder wurden im Kloster Himmelskron beigesetzt und werden zum ewigen Andenken der Begebenheit als ein Heiligtum den Pilgrimen gewiesen.

Nach einer andern Sage soll die Gräfin die Kinder selbst getötet, und zwar Nadeln in ihre zarten Hirnschalen gesteckt haben. Der Burggraf aber hatte unter den vier Augen die seiner beiden Eltern gemeint und heiratete hernach die Gräfin dennoch nicht. Einigen zufolge ging sie, von ihrem Gewissen gepeinigt, barfuß nach Rom und starb auf der Stelle, sobald sie heimkehrte, vor der Himmelskroner Kirchtüre. Noch gewöhnlicher aber wird erzählt, daß sie in Schuhen, inwendig mit Nadeln und Nägeln besetzt, anderthalb Meilen von Plassenburg nach Himmelskron ging und gleich beim Eintritt in die Kirche tot niederfiel. Ihr Geist soll in dem Schloß umgehen.  - (sag)

Gräfin (3)

Gräfin (4)  Eine andere Gestalt, die in dem Städtchen gelebt hatte, war die alte Lasmanka, die im Winter und im Herbst und im Frühjahr stets zehn Röcke und Schals trug und die in ihren alten Schuhen, wahren Schollentretern, mit einem Blechtöpfchen durchs Städtchen zog, das war ihr ganzer Besitz, so wie Diogenes nur einen hölzernen Becher bei sich trug und in einer Tonne hauste, so kriegte die Lasmanka Suppe und ein Stück Brot und Speisereste, spülte das Töpfchen aus und erbat sich damit einen Tee mit Rum ... Also wanderte sie herum, unter ihren Röcken und Schals vergraben, die sie nur, wenn die Sommerhitze kam, in einem Winkel des alten Gerichts ablegte, dann trug sie Gardinen, und wie eine Seidenraupe in ihre Gardinen verpuppt und die Wänglein angetuscht, so wanderte sie durch die Stadt und erwiderte mit Verbeugungen Grüße, die ihr keiner entbot, sie hielt sich für eine Adelsdame und verteilte an uns Buben und an jeden, der sie ansprach, an alle verteilte sie ihre Güter, denn ihr unterstand eine gewaltige Herrschaft, größer als die des Fürsten Lichtenstein, und sie sagte auch, sie besitze nur neunundneunzig Höfe, denn sonst müsse sie dem Kaiser nach Wien Soldaten schicken... Und alle Jungs schrien ihr nach: Alte, hopp auf den Stier! Und sie schimpfte sie Bankerte und verteidigte so ihren Adelstitel, denn sie war eine Gräfin... In den Sommernächten schlief sie stets auf Bänken, und regnete es, dann schlief sie in der offenen Veranda vor dem Gericht oder in der Kirche, und kam der Frost, dann schlief sie im alten Gericht, unter der Bibliothek der Stadt Nymburk, da schlief sie, in ihren Lumpen vergraben, und träumte weiter davon, wie sie über ihre Höfe und Schlösser, über ihre Wälder und Fischteiche verfügen, wem sie diese schenken solle. Und eines Tages, als sie schon so alt geworden war, daß keiner mehr wußte, wieviel Jahre sie auf dem Buckel hatte, als sie durch die Gassen und über den Ringplatz ging und glücklich und geschminkt immerfort die Namen ihrer Güter murmelte, um ja kein Schloß und keinen Hof zu vergessen, da brach der Frost herein, und sie betrat die St. Agidius-Kirche und rollte sich — glücklich, nun endlich zu wissen, was ihr in ihrem Reich alles gehörte - in der Kapelle zusammen, die niemals aufgemacht wurde und in der jetzt meistens die Weihnachtskrippen stehen, da rollte sie sich zu einem Knäuel zusammen, denn an jenem Tag herrschte strenger Frost, der Küster schloß ab, nachdem er die abgedunkelte Kirche abgegangen war, und die alte Lasmanka erfror, zu einem Knäuel zusammengeschnurrt und mit getuschten Wangen und einem glücklichen Lächeln; so fand man sie am Morgen.   - Bohumil Hrabal, Gotteskinder. In: Ders., Leben ohne Smoking. Frankfurt am Main 1993 (BS 1124, zuerst 1986)

Graf
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