Götterwind   Takeshi ist groß und dick (flicht aber keine Zöpfe in sein Haar wie diese Margaret O'Brien), Ichizo ist klein und dürr. Takeshi fliegt eine Zero, während Ichizo ein Ohka-Gerat fliegt, was nichts als eine lange Bombe ist, mit einem Cockpit, in dem Ichizo sitzen kann, zwei Stummelflügeln, einem Raketenantrieb und ein paar Leitwerksflächen am Heck. Takeshi mußte nur zwei Wochen zur Kamikaze-Schule gehen, auf Formosa. Ichizo mußte sechs Monate lang zur Ohka-Schule gehen, in Tokio. Sie sind verschieden wie Erdnußbutter und Gelee, die beiden. Unfair, zu fragen, wer davon was ist.

Sie sind die beiden einzigen Kamikazes auf diesem Stützpunkt hier, der ziemlich abgelegen ist, auf einer Insel, um die sich mittlerweile niemand mehr so richtig kümmert. Der Krieg spielt sich auf Leyte ab ... dann auf Iwo Jima und Richtung Okinawa, aber immer zu weit weg, um von hier aus angeflogen werden zu können. Aber sie haben ihre Befehle, und ihr Exil. Zur Abwechslung gibt's kaum was, höchstens Strandspaziergänge, um tote Cypridinae zu sammeln. Was eine Krebsart ist, dreiäugig, sieht aus wie 'ne Kartoffel mit 'nem Schnurrbart. Getrocknet und pulverisiert, sind die Cypridinae eine großartige Lichtquelle. Damit das Zeug im Dunkeln leuchtet, braucht man nichts weiter als Wasser hinzuzufügen. Das Licht ist blau, ein unheimliches Blau in vielerlei Schattierungen, mit etwas Grün drin, etwas Indigo, ein geisterhaft kaltes und nächtliches Blau. In mondlosen oder bedeckten Nächten ziehen Takeshi und Ichizo ihre Kleider aus, spritzen sich mit cypridinischem Licht voll und laufen lachend und leuchtend zwischen den Palmen herum.

Jeden Morgen und manchmal auch am Abend schlendern die beiden konfusen Selbstmordkandidaten zur palmengedeckten Radarbude hinüber, um nachzusehen, ob sich innerhalb ihres Flugradius irgendwelche amerikanischen Ziele zeigen, die einen Götterwind wert wären. Aber es ist jedesmal die gleiche Leier. Kaum, daß sie den Schuppen betreten, beginnt Old Kenosho, der verrückte Radarmann, der hinten im Senderaum ständig einen Destillierkolben mit Sake am Brodeln hält, den er auf irgendeine verschlagene, der westlichen Wissenschaft Hohn sprechende Japsenmasche an eine Magnetron-Rohre angeschlossen hat, den beiden Kameraden entgegenzulallen: «Kein Stelben heute! Kein Stelben heute! Zu tlaulig!» - Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei Hamburg 1981

Götter Wind

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