Gliederpuppe    Es stand eine große Gliederpuppe im Zimmer, wie sie damals noch häufig in den Provinzen gebraucht wurden, um Kleider neuer Moden daran zu versuchen, und zu drapieren, fast in der Art, wie Maler sie als Ersatz für lebende Modelle brauchen. Der Graf, leichtsinnig von Natur, mutwillig durch die ungewohnte Freiheit, bat scherzend, seinen Rock dieser Puppe anziehen zu dürfen, damit er sich selbst in ihr, als einen strengen Kritiker bei seinen Stellungen fürchten müßte. Melück warnte ihn im Scherz, daß die Statue durch den geheimnisvollen Rock nur nicht belebt werde. Er zog ihn ungestört und mit Leichtigkeit der Puppe an, setzte ihr auch seinen Hut auf, wie er ihn zu tragen pflegte und gab ihr zur Preisverteilung einen blühenden Granatenkranz in die Hand, der auf dem kleinen Tische der Melück sich gefunden hatte. Jetzt nahm er selbst den roten goldgestickten Mantel über und deklamierte, indem er sich zu der Puppe hingewandt hatte, die letzten Reden der Phä'dra am Schlüsse des vierten Aufzuges, die sich schließen mit den beiden Versen:

Détestables flatteurs, présent le plus funeste,
Que puisse faire aux rois la colère celeste.

Bei diesen letzten Worten, die der Graf mit einer heftigen Schlußbewegung gesprochen hatte, klatschte die Puppe dreimal mit beiden Händen hörbar zusammen, warf den Kranz auf des Grafen erstauntes Haupt und verschränkte dann beide Arme über der Brust, wie jemand, der bei heftiger Bewegung des Herzens sich doch den ruhigen Anstand eines Zuschauers geben möchte. Erst erschrak der Graf, doch allzu geübt in der notwendigen Verstellungskunst, äußerte sich dieses Schrecken nur in einem Blicke, dann verlor er sich in einem Scherz, indem er bestimmt glaubte, Melück habe durch eine künstliche Einrichtung diese Bewegung hervorgebracht. Sie aber schien fast ohnmächtig von dem Schrecke dieses Ereignisses; sie versicherte, diese Einrichtung der Puppe nicht zu kennen. Der Graf ging jetzt neugierig heran, um ihren Scherz zu entdecken, er besah das Gestell, worauf sie stand, hob sie auf, und nirgends war eine Verbindung zu entdecken. Er wollte die Puppe zur weiteren Untersuchung entkleiden; aber er vermochte es nicht, ungeachtet er ausgezeichnet stark war, die fest verschränkten Arme aufzuheben und auseinander zu bringen. Es war, als wenn die Puppe aus dem Zustande von Beweglichkeit, worin sie lange gelebt, in eine unwandelbare Ruhe übergegangen sei.  - Achim von Arnim, Melück Maria Blainville

 

Puppe Schneider-Atelier

 

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