Gin   Rise erwacht mit Kopfschmerzen. Er hat Gin getrunken - alias Zieht-dir-die-Hosen-aus, Blauer Ruin, Wacholderfluch - Entkräfter und Endstation der niederen Klassen, klar wie Säuferurin und beißend wie der Saft des Wacholders. Er hat Gin getrunken, und er ist nicht ganz sicher, wo er jetzt ist. Mit einiger Bestimmtheit erkennt er jedoch die Halbstiefel mit den löchrigen Sohlen, die behaarten Knöchel und das zinnoberrote Cape, die ihm als erstes ins Auge fallen. Ja, dieses Cape, diese Knöchel und diese Stiefel, der Riß in der Hose dort: sie sind ihm bekannt. Sogar vertraut. Ja, so schließt er, sie gehören zu Ned Rise, und folglich stehen der zersplitterte Schädel und die verschwiemelten Augen, die diese Phänomene — wenn auch unzulänglich - wahrnehmen, auf irgendeine Weise mit ihm in Beziehung.

Er setzt sich auf, lange Pause, dann erhebt er sich. Offenbar hat er in verschossenem Stroh gelegen. Auf seinem Hut. Er bückt sich, um ihn aufzuheben, torkelt vorwärts und findet mit einem definitiven Rülpser sein Gleichgewicht wieder.  - T. Coraghessan Boyle, Wassermusik. Reinbek bei Hamburg 1990

Gin (2)   Blaue Vertiefungen waren unter ihren hohen Wangenknochen; ihre Lippen waren voll und verächtlich. Sie hatte ein mit Spitzen besetztes Kleid an, das sich dunkel an hohe Brüste schmiegte, an eine schmale Taille, sanft geschwungene Hüften und dann genau in der Mitte zwischen ihrem Kopf und lackierten Zehennägeln in einen zinnoberroten, gestärkten Volant überging.

Crane sah, daß die Diamanten auf dem Armband echt waren. Er sagte: »Was möchten Sie trinken?«

»Gin.«

Der Barmixer sagte: »Ja, Miss Renshaw.« Er füllte ein Wasserglas zur Hälfte mit Gilbey's Gin, reichte es ihr.

Crane bestaunte das Glas. »Mixen Sie es nicht mit irgendwas?«

Ihre Lippen lächelten spöttisch.

Crane sagte: »Geben Sie mir das gleiche.«

Von der Terrasse hörte man Beifallrufe. Ein Licht war angedreht worden, und in seinem kreisrunden Schein tanzten Williams und das rothaarige Mädchen einen kubanischen Rumba. Das Mädchen hatte ein Badetuch, zog es um ihr Hinterteil wie einen Schal, und Williams hatte auch eins, das er wie eine Schärpe um die Taille gewickelt hatte. Seine Zähne waren weiß unter dem Schnurrbart.

Crane und Miss Renshaw gingen auf die Seite der Terrasse, von der aus man den Michigan-See überblicken konnte. Eine Jacht passierte das Ende von Belmont Harbor, und ihre Lichter warfen zitronengelbe Flecken auf das friedliche Wasser. Hinter ihnen gluckerte ein kleiner Brunnen. Er probierte den Gin. Er schmeckte nicht so schlecht, aber wenn man daran genippt hatte, war es für ein oder zwei Sekunden etwas schwierig zu sprechen. Schließlich gelang es ihm zu sagen: »Silberner Sprühregen fällt auf ein samtenes Löschpapier.«

Miss Renshaws Stimme war rauh. »Was ?«

»Mondlicht auf dem See.«

»Der Mond ist schon in Ordnung, wenn man ihn mag«,

räumte Miss Renshaw ein. Ihre Stimme war unglaublich. Sie war wie die Stimme einer Kellnerin in einem griechischen Restaurant. »Trotzdem werd' ich davon nicht romantisch.«

»Nein«, sagte Crane. »Wohl kaum.« Er betrachtete die Diamanten.

Miss Renshaw sah ihn an. »Was sollen die Sticheleien?« fragte sie.

»Nichts«, sagte Crane. »Gar nichts.« Er trank noch etwas Gin. »Ich dachte nur, daß ein voller Mond viel hübscher ist als so einer. Erstens einmal ist er viel größer.«

Louis Armstrong löste Wayne King am Radio ab. Es war wie ein Sprung von Wien nach Afrika. Crane sagte: »Hätten Sie Lust zu tanzen?«

»Nicht jetzt«, sagte Miss Renshaw gleichgültig.

»Gut, wie war's mit Schwimmen?«

»In dem Brunnen hier?«

»Nein. Im See.«

Miss Renshaw sah ihn zum erstenmal interessiert an. »Sie haben eine Jacht?«

»Hm, nein. Nicht direkt«, gab Crane zu. »Aber ich könnte wahrscheinlich eine besorgen.«

»Ich habe eine«, sagte Miss Renshaw.

Die Musik war pulsierend, klagend, hitzig. Saxophone, eine einfallsreiche Trompete und das Klavier unternahmen wilde improvisierte Abstecher von der geschriebenen Melodie. Louis Armstrong swingte.

»Es ist gefährlich, bei abnehmendem Mond zu schwimmen«, sagte Crane. »Vielleicht verschieben wir die Fahrt auf Ihrer Jacht besser.«

»Wer hat Sie eingeladen ?« fragte Miss Renshaw.

»Ich brauch' einen Drink«, sagte Crane schwach. Er stellte überrascht fest, daß sein Glas irgendwie leer geworden war.

Miss Renshaws Glas war leer. Crane wurde plötzlich klar, woran ihn ihre Stimme erinnerte. Sie sagte: »Meine Mandeln sind auch ausgetrocknet.« Sie erinnerte ihn an die heiseren Stimmen, wie sie die weiblichen Stichwortgeberfür zweitklassige Varietekomiker ausnahmslos hatten.

Sie gingen zurück zur Bar, besorgten sich noch zwei Gläser Gin und kamen wieder hinaus auf die Veranda. Williams hatte das Badetuch und offenbar sein Jackett abgeworfen und tanzte im Bowery-Stil mit Dolly, deren rotes Haar ihr über die Schultern gefallen war. Um O'Malley war ein Kreis von Leuten, die verblüfft zusahen, wie er aus seinen Taschen, seinen Ohren, seinem Mund brennende Zigaretten hervorzog, aus den Taschen, Ohren, Mündern anderer Leute. Courtland stand in der Tür zum Wohnraum und unterhielt sich mit einer hübschen Blonden in einem Kleid aus fließendem grauen Markisettestoff mit einem Kranz aus gelben Gänseblümchen über der Brust. Er wirkte ziemlich nüchtern.

Verführerische Mulden waren direkt über dem V, das Miss Renshaws Brustbein bildete. Sie verschoben sich, wenn sie den Hals bewegte, verschwanden manchmal nahezu, so daß nur glatte Haut blieb, blaß im Mondlicht. Es umgab sie ein exotischer Duft von Jasmin.

Crane dachte, er könnte ihr ihre Stimme fast verzeihen. »Wird Ihnen von dem Gin etwas warm?« fragte er.

Sie sah ihm in die Augen. »Halten Sie mich für kalt?«

»Vielleicht für eine Spur reserviert...«

Sie starrte ihn nachdenklich an, trank dann einen langen Schluck von dem Gin.

Er sagte: »Ich glaub', ich hab' Sie schon mal irgendwo gesehen.«

»So?« Sie sah ihn erneut an, trank dann den Rest ihres Gins. »Nein, das glaub' ich nicht. Man vergißt mich nicht.«

»Ich kann jeden vergessen«, sagte Crane. »Jeden.«

»Mich werden Sie nicht wieder vergessen.«

»Oh doch, das werde ich«, sagte Crane trotzig.

Sie stellte ihr Glas auf die Mauer und nahm Cranes Gesicht zwischen ihre beiden Handflächen und küßte ihn. Ihre Lippen waren heiß. Sie gab ihn schroff wieder frei, fragte: »Glauben

Sie noch immer, daß Sie das werden?« und ging in den Wohnraum.

Crane sagte: »Hast du Tone?« Er starrte auf ihren Rük-ken, bis sie verschwand. »Mein Gott!«

Er stürzte den Rest seines Gins hinunter.  - Jonathan Latimer, Leiche auf Abwegen. Zürich 1988 (zuerst 1936)

 

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