iftspritze  Der Abend in der Pension Eros blieb für Antonio nicht ohne Folgen. Herr Alfio erfuhr die Einzelheiten in einem dunklen Korridor des Gerichts, während die Mäuse einen betäubenden Lärm in den alten Aktenstapeln der Schränke machten.

»Hast du verstanden«, sagte er dann bei Tisch zu seiner Frau und tat, als sehe er Antonio nicht, »dein Sohn kommt her, um sich zu verloben, und noch am gleichen Abend verschwindet er in einem Bordell

»Er ist doch Junggeselle«, erwiderte die Mutter und spielte voller Bitterkeit auf jemand an, der das gleiche tat, obgleich ihm die Pflicht zu ehelicher Treue oblag, »er ist niemand Rechenschaft schuldig.«

»Du kannst nur Gift nach mir spritzen!«   - Vitaliano Brancati, Bell'Antonio. Frankfurt am Main 1961 (zuerst ca. 1950)

Giftspritzen (2)   Die beiden Mädchen konnten in dem Kutschkorb nur mit Mühe verstaut werden, denn sie drückten mit den Schultern und mit den jeweiligen Schenkeln aneinander wie zwei fette Wachteln, die man am Bratspieß Zwillingshaft zu einer Portion  vereinigt hat: auf der einen Seite vom Kutscher gehalten und, als Gegendruck, vom Eisengestänge, an das die Camilla sich geklammert hatte, um nicht hinauszufallen auf die Straße: an das einzige Eisen also, das als Anker zur Verfügung stand.

»Ja, du bist's gewesen, falsche Hexe«, sagte sie halblaut, mit einer Wut, die noch grüner war als ihr Gesicht. »Zum Ausprobieren bist du gut zu gebrauchen, das weiß ich. Vielleicht hat's ihm auch gepaßt, daß er hin und wieder mit dir gegangen ist: das war recht bequem für deinen Spezi.«

»Meinen Bräutigam, meinst du«, und die Lavinia hob entschlossen das Haupt mit dem ruckartigen Schwung der Schlange, indem sie geradeaus vor sich hinblickte, als wollte sie die bloße Vorstellung ihrer Reisegenossin von sich abstreifen, deren verhaßte Körperwärme und deren Geruch sie spürte. Kaum verzog sie den Mund, als diese fortfuhr, sie zu schmähen.

»Geh zu: Bräutigam - einen Schmarren: dich heiratet er bestimmt nicht.«

»Mit dem Geld willst du ihn mir wohl ausspannen, was, so mies wie du bist, du gemeine Giftspritzerin. Du, wenn du spüren willst, was ein Mann ist, dann mußt du ihn dir kaufen, wie die Meisterin. Aber du bringst's nicht soweit, daß du ihn mir ausspannst. Weil du viel zu häßlich bist, mit deinem Kartofiel-gesicht. Und zu geizig bist du auch: nicht einmal mit den vier Kreuzern, die du auf der Seite hast, könntest du ihn mir ausspannen.«

»Den werden dir schon die da ausspannen, kannst dich drauf verlassen.«

»Das geht die da nichts an. Und dich schon gar nichts! Ich hab's ihn schwören lassen, wie wir gestritten haben. Mit der!  Ich bin doch nicht verrückt! hat er gesagt. Geh zu, die blöde Kartoffel. Geh und spiel Bauernmagd, du Hexe, du häßliche! Zu was anderm taugst du eh nicht!«

Der Kutschenmann sprach nicht dazwischen: bocksteif, um sich eine Haltung zu geben, war er nur darauf bedacht, die Peitsche durch die Luft zu knallen wie ein Postillion in Schärpe und Mantel, so schäbig er auch war in seinem lausfarbenen Fräckchen, und sein Pferd mit Aaaaah-Rufen anzutreiben. Aber nach jedem Peitschenknall schien er eingeschüchtert: wie manchmal die Blöden oder die kleinen Kinder, die beim Streit der Erwachsenen verstummen, weil sie nichts zu begreifen imstand sind von dem, worum es geht, sondern nur die erschreckende Feindseligkeit, den Haß, dessen Triebkraft ihnen verborgen ist. Er verstand wenig von den Frauen. Die Frau ist ein großes Geheimnis, sagte er des Sonntags, bei den Frattocchie, in Marino droben, quer auf der Bank hockend, oder, des Sommers, unter den Büschen, den Lauben, mit dem Ellbogen und dem Gläschen Wein auf dem Wirtstisch. Die Frau muß man genau studieren, bevor man anbändelt, verkündete er bei den Due Santi, überm halbgefüllten Glas, vor dem weißgeschlierten Marmortisch: weil die Frau ein großes Geheimnis ist. - Carlo Emilio Gadda, Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana. Darmstadt 1979

 

Weib, altes

 

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Gift
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