esellschaft  Jemand, der vor der freien Gesellschaft, vor dem Großen und Ganzen, Scheu empfindet, nicht weil er sie heimlich verabscheute, sondern im Gegenteil weil er eine zu große Bewunderung für die ungeheuer komplizierten Abläufe und Passungen, für den grandiosen und empfindlichen Organismus des Miteinander hegt, den nicht der universellste Künstler, nicht der begnadeteste Herrscher annähernd erfinden oder dirigieren könnte. Jemand, der beinahe fassungslos vor Respekt mitansieht, wie die Menschen bei all ihrer Schlechtigkeit au fond so schwerelos aneinander vorbeikommen, und das ist so gut wie: miteinander umgehen können. Der in ihren Geschäften und Bewegungen überall die Balance, die Tanzbereitschaft, das Spiel, die listige Verstellung, die artistische Manier bemerkt — ja, dies Miteinander muß jedem Außenstehenden, wenn er nicht von einer politischen Kraft befallen ist, weit eher als ein unfaßliches Kunststück erscheinen denn als ein Brodelkessel, als eine »Hölle der anderen« ... - Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, in: Der Pfahl VII, München 1993

Gesellschaft (2) Betrachtet man manchmal die Spitzbübereien der Kleinen und die Räubereien der Großen, so ist man versucht, die Gesellschaft für einen Wald voller Diebe zu halten. Die Häscher, die die Bande im Zaum halten sollen, sind die gefährlichsten. - (Chamfort)

Gesellschaft (3) Wenn die Geister und Seelen wirklich nicht existierten, dann würden wir Wein, Most und Hirse bei den Opferfesten nur vergeuden. Aber selbst wenn wir dies dabei vergeuden, so ist das doch nicht so, als würden wir es in Kloaken und Gräben schütten und verkommen lassen. Die anderen Familienangehörigen und die Leute aus der Nachbarschaft kommen alle zusammen und trinken und essen, so daß, selbst wenn es keine Geister und Seelen gäbe, man dadurch eine fröhliche Gesellschaft zusammenbringen würde und so ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn im Orte erlangt.- Mo Tze, nach (mensch)

Gesellschaft (4) Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfniß der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Uebel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. — So treibt das Bedürfniß der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammenseyn bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! [Wahren Sie den Abstand!] — Vermöge derselben wird zwar das Bedürfniß gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. — Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen. - (schop)

Gesellschaft (5)  Kein Bürger kennt das Glück, das möglich ist, wenn jemand längere Zeit außerhalb der Meinungen der Gesellschaft lebt. Ist dieses Glück lächerlich, oder die Unfähigkeit, davon Kenntnis zu haben?

Mein tägliches Problem: ich kann zu nichts mehr bekehrt werden. Es gibt für mich nicht mehr die Möglichkeit eines höheren Wesens »Gesellschaft« usw. So bin ich auf die tagtägliche Wiederbelebung des mir eigenen als des klar erkannten möglichen höchsten Wesens angewiesen, als Gewähr für das Bestehenbleiben meiner Menschenhaftigkeit - (bleist)

Gesellschaft (6)

Ich gegen meinen Bruder.
Ich und mein Bruder gegen unseren Cousin.
Ich, mein Bruder und unser Cousin gegen unsere Nachbarn.
Wir alle gegen den Fremden. - Beduinen-Sprichwort, nach (chatw)

Gesellschaft (7) Die Menschen würden nicht lange in Gesellschaft leben, wenn sich nicht jeder im andern täuschte.   - (lar)

Gesellschaft (8)  Wenn du in eine Gesellschaft trittst und einer der Anwesenden ist zu artig gegen dich, während du merkst, daß er nach saurem Magensaft riecht, so ist dieser Mensch falsch gegen dich. Wenn du einem Menschen ins Auge siehst, und die Hornhaut erscheint netzförmig, wie ein geschmiedetes Gefäß aus Kupfer nach den Hammerschlägen kleine ebene Flächen zeigt, und das Auge dann Strahlen schießt, dann ist diese Person dein Feind. Riecht einer nach Ratten, so ist es ein Geizhalz. Schurken verbergen sich oft unter einer gutmütig lärmenden Schwatzhaftigkeit. Wenn du in Gesellschaft von einer unreinen Kälte überfallen wirst, so ist ein schwarzer Mann anwesend. Wer eine Weile später, nachdem du etwas Ernstes gesagt hast, lächelt, der lächelt über seine bösen Gedanken. Lästerer haben verdorbenes Blut. Prahlhänse leiden oft an Zahnschmerzen. Heuchler ziehen sich gern nackt aus, um ihre Unschuld zu zeigen. Seelenmörder haben ein Gesicht wie blaßgelbes Werg. Der Haß riecht nach einer Leiche. Menschen mit schwarzen Füßen, die nicht weiß gewaschen werden können, leben in Bosheit und Laster. Der Mörder und der Falschspieler kriegen schwarze Hände. Untreue Frauen treten ihre Hacken schief, sprechen und zanken viel, sind aber äußerlich zärtlich gegen ihre Kinder. Wer anders spricht als er denkt, leidet an wundem Mund. Gottesleugner sprechen "wie in Wogen". Das alles sind keine Erfindungen, sondern Beobachtungen, welche ich im Zusammenleben mit Menschen benutzt, also nachgeprüft habe. Tue du das Gleiche, so wirst du weise. - (blau)

Gesellschaft (9)  M. sagte, daß ein kluger, scharfsinniger Mann, der die Gesellschaft sieht, wie sie ist, überall nichts als Bitterkeit finden würde. Man muß unbedingt auf die heitere Seite blicken und sich daran gewöhnen, den Menschen nur wie einen Hampelmann anzusehen und die Gesellschaft wie das Brett, auf dem er springt. Dann ändert sich alles: der Geist der verschiedenen Stände, die jedem eigentümliche Eitelkeit, die verschiedenen Nuancen in den Individuen,  die  Schurkereien usw. - alles wird unterhaltsam, und man bewahrt seine Gesundheit.  - (cham)

Gesellschaft (10) So steig ich durch alle Stände aufwärts, sehe den Bauersman der Erde das Nothdürftige abfordern, das doch auch ein behaglich auskommen wäre, wenn er nur für sich schwizte. Du weißt aber wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrirten Safft aus den Leibern. Und so gehts weiter, und wir habens so weit gebracht, daß oben immer in einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem organisirt / beygebracht werden kann. - (goe)

Gesellschaft (11)  Sie gehen von den x zu den y, und die Dummheit, Gemeinheit, die miserable Situation der x liegt klar vor Augen. Die fabelhafte Einsicht der y flößt Ihnen Bewunderung ein, Sie schämen sich dessen, daß Sie etwas für die x übriggehabt haben. Aber kehren Sie wieder zu denen zurück, dann erleben Sie es, daß diese die y fast mit denselben Mitteln in Stücke reißen. Man geht von einem zum andern, man geht von einem Schlachtfeld zum andern. Nur hört der eine nie die Flintenschüsse des andern, daher glaubt er, er allein habe Waffen. Hat man einmal festgestellt, daß die Bewaffnung, die Stärke oder besser gesagt die Schwäche die gleiche ist, so hört man auf, den, der schießt, zu bewundern und den zu verachten, der aufs Korn genommen wird. Hier fängt wahre Weisheit an. Die wahre Weisheit würde freilich damit enden, mit beiden Parteien zu brechen. -  Marcel Proust, Tage der Freuden. Frankfurt am Main  1965 (BS 164, zuerst 1896)

Gesellschaft (12) Gott, ich danke Dir erneut: Jetzt habe ich auch Gesellschaft. Sie sind mir aus dem Mund, der Nase, den Ohren, dem Nabel und dem After gekommen; einige, sehr viel kleinere, auch aus den Augen und dem Penis. Die meisten sind schwarz und glänzend. Leider haben sie einen üblen Geruch. Die ich gekostet habe, schmecken nach Harz, Eisen und der Brust einer Frau. Jetzt sind sie jedenfalls da, und mit den Größeren kann ich mich sogar unterhalten. Dem Verständigsten — ich meine, dem, den ich so einschätzte — habe ich einige Abschnitte dieser Schrift vorgelesen, und er hat sie gutgeheißen. Sie scheinen allerdings unsterblich zu sein, was mich ein wenig beunruhigt. Als ich gestern aus irgendeinem Grund in Wut geriet, habe ich einige von ihnen gegen die Wände und auf den Boden geschleudert (jedoch nicht den Klügsten, der mir immer als Zuhörer dient). Dann habe ich sie gegessen, damit sie nicht die Luft verpesten. Und was haben sie getan? — Nach ein paar Minuten schlüpften sie flink und wie Stiefelknöpfe glänzend wieder aus allen Löchern. - Tommaso Landolfi, Cancroregina. Die Krebskönigin oder Eine seltsame Reise zum Mond. Zürich 1997

Gesellschaft (13) Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur. - Karl Marx

Gesellschaft (14)

   

- Ronald Searle

Gesellschaft (15) In der Oberfläche der Gegenwart (wahrscheinlich jeder Gegenwart) zu leben scheint mir widerwärtig. Die menschlichen Lebensformen mit ihrer Blindheit, mit ihrer Unwissenheit, mit ihrem Unwissend-Bleiben-Wollen sind völlig verächtlich. So auch das Lügengewebe der Gesellschaft, die über irgendeinen Winkel ihre Spinnennetze ausbreitet, Fallen, in denen Beute gefangen wird; diese Fallen werden dann »Gesellschaft« genannt.  - Ernst Fuhrmann

Gesellschaft (16)  

Gesellschaft (17)  Die Gesellschaft ist ein Despot, der keine Gefängnisse braucht«, sagte Z. »Wenn mir wieder einfallen sollte, wer das gesagt hat, würde ich seinen Namen nicht verschweigen. Geht es euch auch manchmal so, daß euch ein genialer Satz im Kopf herumspukt, den ihr nie wieder loswerdet?«    - Hans Magnus Enzensberger, Herrn Zetts Betrachtungen oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern. Berlin 2014

Menschenprodukte, physische
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