eschwister  Agathe heulte an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Elisabeth und Paul kümmerte dies weniger als die kühnen Schauer, unter denen die Fensterscheiben erbebten. Die harte Helle der Lampe verscheuchte die Dämmerung, nur dort nicht, wo Elisabeth im Purpurschein des roten Lappens stand, in dessen Schutz sie ihre Leere weitete und Paul in ein Dunkel einholte, aus dem sie ihn im vollen Lichte beobachtete.

Der Sterbende wurde zusehends schwächer. Er strebte zu Elisabeth hinüber, dem Schnee, dem Spiel, dem Zimmer ihrer Kindheit zu. Ein Sommerfaden verband ihn noch mit dem Leben, hielt ein verschwommenes Bewußtsein an seinen steinernen Körper geknüpft. Kaum daß er seine Schwester erkannte: eine hochaufgerichtete Gestalt, die seinen Namen rief. Denn wie eine Liebende ihre Lust hinauszögert, um die des andern zu erwarten, so wartete Elisabeth, den Finger am Abzug, die Todeszuckung ihres Bruders ab, schrie ihm zu, ihr zu folgen, rief ihn bei seinem Namen, lauerte auf den Augenblick der Verzückung, da sie im Tode einander angehören würden.

Erschöpft ließ Paul seinen Kopf zur Seite rollen. Elisabeth glaubte, dies sei das Ende, setzte die Mündung des Revolvers an ihre Schläfe und drückte ab. Ihr Sturz riß einen der Wandschirme nieder, der mit einem gräßlichen Gepolter unter ihr umfiel, so daß die bleiche Helle der Schneefenster sichtbar wurde. Wie von einer Bombe zerrissen, zeigte die Umfriedung eine klaffende Wunde, und das heimliche Zimmer verwandelte sich in eine Bühne, die offen vor den Zuschauern lag.

Diese Zuschauer konnte Paul hinter den Scheiben erkennen.

Während Agathe, wie leblos vor Entsetzen, verstummte und auf das Blut starrte, das aus Elisabeths Leichnam sickerte, erkannte er draußen, zwischen den Rinnsalen des schmelzenden Frostes, hart an die Scheiben gepreßt, in dichtem Gedränge die Nasen, die Backen, die roten Hände der Schneeballschlacht. Er erkannte die Gesichter, die Pelerinen, die wollenen Halstücher. Er suchte Dargelos. Ihn allein konnte er nicht entdecken. Er sah nur seine Gebärde, seine ungeheure Gebärde.

»Paul! Paul! Zu Hilfe!« Agathe schlotterte, beugte sich über ihn.

Aber was will sie noch? Was soll‘s? Pauls Augen erlöschen. Der Faden reißt, und von dem entfiogenen Zimmer bleibt nichts als der widerliche Geruch und eine winzige Dame auf einer Verkehrsinsel, die immer kleiner wird, sich in die Ferne verliert und verschwindet. - Jean Cocteau, Kinder der Nacht. Frankfurt am Main 1966 (BS 171, zuerst 1929)

Geschwister (2) Nicht nur Okeanos und Tethys, auch das Titanenpaar Japetos und Themis hatte Kinder. Es waren zwei Söhne. Sie hießen Prometheus und Epimetheus, und wenn sie einander im Aussehen auch wie Brüder ähnelten, war Prometheus doch grundverschieden von seines Bruders und aller Anverwandten Charakter und Art. Während Epimetheus es liebte, zufrieden und satt im fahlen Tag der Milchstraßengrotte zu liegen und in der Erinnerung das jüngste Festmahl bei Kronos noch einmal zu durchstaunen, mochte Prometheus dies träge Dasein gar nicht leiden. Wann immer er konnte, stahl er sich deshalb zur Erde hinunter, um dort durch die sonnenheißen Steppen des Südens oder die schneeglitzernden Tundren des Nordens mit den Winden um die Wette zu stürmen und dabei aus voller Kehle zu jauchzen und lachen und schreien. Er wußte, daß Kronos dies alles verboten hatte, allein er konnte einfach nicht anders. Sein Bruder Epimetheus schüttelte deshalb nur den Kopf über ihn.

«Warum treibst du so törichte, unnütze Dinge, mein Bruder?» sprach er mißbilligend.

«Ich weiß nicht, mein Bruder», erwiderte Prometheus. - Franz Fühmann, Prometheus. Die Titanenschlacht. In: F.F., Marsyas. Mythos und Traum. Leipzig 1993 (Reclam 1449, zuerst 1974 ff.)

Geschwister (3) Neben einer unbekannten Zahl von Schwestern hatte die Dame Djia 17 (oder mehr?) Brüder bzw. Halbbrüder.

Hier die Schicksale einiger:

I (Markgraf Ling), ältester Sohn des Markgrafen Mu. Wollte nach halbjähriger Regierungszeit einen seiner Onkel wegen einer Schildkröte ermorden und fiel einer Verschwörung zum Opfer.

Djiän, der spätere Markgraf Hsiang, 604 bis 587.

Yän, lockte 588 die vereinigten Armeen von Djin, Lu, Sung, We und Tsau in einen Hinterhalt und siegte.

Dsi Guo, Kriegsminister. Sein Sohn war der später so berühmte Staatsmann Ds'i Tschan.

Dsi' Yin und Dsi' Yü, 578 ermordet.

Dsi Gung, schlechter Beamter. 544 ermordet.

Ds'i Han, General, später Regent.

Dsi S'i, Geisel in Djin, später Verwaltungschef.

Dsi Liang, tüchtiger Staatsmann, lehnte 605 die Markgrafenwürde ab. Später Kriegsminister und General. 584, nach der politischen Kehrtwendung, reiste er nach Djin, wo er wahrscheinlich mit seiner Schwester zusammentraf.

Dsi Man, blutschänderische Beziehungen mit seiner Schwester. Erlag ihrer Wollust.   - Anm. zu: Dschu-Lin Yä-schi. Ein historisch-erotischer Roman aus der Ming-Zeit, mit erstaunlichen taoistischen Liebespraktiken. Hg. und Übs. F.K. Engler. Zürich 1971

Geschwister (4)   Ich war das elfte Kind, das meine Mutter Essie zur Welt brachte. Wenn ich sie ärgerte oder sie meinetwegen ihre Kopfschmerzen bekam, sagte sie immer: „Du warst die einzige, bei der ich eine schwere Geburt hatte, Nellie!" Was ich über die zehn Kinder, die vor mir geboren wurden, zu erzählen habe, ist nicht erfreulich. Sechs starben, bevor sie ein Jahr alt waren, oder kamen überhaupt tot zur Welt. Zwei starben an Krupp, wie man Diphtherie damals nannte. Mein Bruder Tom, der Älteste, verlor bei Shiloh (die Rebellen nannten es damals Pittsburgh Landing) ein Bein und saß dann nur noch in der Kneipe herum, trank und kratzte sich in einem fort. Mein anderer Bruder, Orion, ging nach dem Westen, nachdem er eines Morgens meinem Vater mit dem Pferdehalfter (an dem auch einige Messingbeschläge dran waren) ein paar übergezogen hatte. Über Orions Tod gab es drei Versionen: er wurde in einem Streit unter Schafhütern getötet, in einem Saloon erschossen, als Pferdedieb gehenkt. Tante Letty, die sich über Familienangelegenheiten auf dem laufenden hielt, meinte, daß jede der drei Geschichten wahr sein könnte, und sie erzählte jeweils die Version, die sie gerade für die günstigste hielt.

Es war eine verrückte und unglückliche Familie, trotz ihrer gottverdammten Fruchtbarkeit. Meine Schwester Cathy heiratete einen Farmer, einen Mormonen, der aus nichts als Haaren bestand, und zog mit ihm ins Territorium, als sie dreizehn war. Sie starb im Kindbett. Wir bekamen bloß eine Karte aus Utah, auf der stand, daß sie mit ihrem Kind „dahingegangen war". Zwei andere Schwestern starben in Cleveland, wo sie in einem Bauerngasthof als Dienstmädchen gearbeitet hatten wie einst meine Mutter und Tante Letty, an Schwindsucht. Meine letzte Schwester starb 1901. Sie war nicht ganz klar im Kopf. Sie lief in Männerstiefeln herum und trug ihr Haar ganz kurz. Den Hof führte sie wesentlich besser als mein Vater. Sie trank und führte lange Selbstgespräche. Eines Morgens im Winter fand man sie tot in ihrem Bett, zusammen mit einem Landstreicher. Der alte Kohlenofen hatte den ganzen Sauerstoff in dem geschlossenen Zimmer verbraucht, und die beiden waren erstickt. Die Leute sagten, daß Lizzie mit jedem Landstreicher oder Vagabunden schlief, nachdem sie ihm ein Stück kaltes Fleisch und ein Glas Selbstgebrannten Schnaps hingestellt hatte. Lizzie war kräftig, aber dürr, mit verrückten großen blaugrünen Augen und Händen wie ein Abdecker. Aber sie brauchte immer einen Mann und spreizte für jeden die Beine.

Jüngere Geschwister hatte ich keine. Meine Mutter hatte noch eine Fehlgeburt und zwei Totgeburten, und dann war Schluß, obwohl mein Vater sie noch immer zwei-, dreimal pro Woche in dem alten Bett, das nur mit Gurten gefedert war, bumste. Wir konnten sie bei ihrem Geschäft hören, schnaufend und keuchend wie irgendein anderes geiles Paar in einer heißen Nacht im Gebüsch.   - Nell Kimball, Madame - Meine Mädchen, meine Häuser. Hg. Stephen Longstreet. Frankfurt am Main, Wien und Berlin 1982 (entst. ca. 1917-1932)

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