elegenheit    Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, daß es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein spezieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts. - Goethe, nach: Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. München 1976 (dtv, Nachw. Ernst Beutler, zuerst 1834)

Gelegenheit (verpaßte)  Erhebliche Vorteile für jedermann; und jedermann ließ sich die erheblichen Vorteile entgehen, so unbedeutender Rücksichten wegen, daß man ihretwegen vernünftigerweise nicht einmal mittelmäßige hätte aufgeben dürfen. Das Volk, dem die Sitzungen des Parlaments Mut eingeflößt hatten, ließ sich, kaum daß diese ausgesetzt waren, durch das Auftauchen von ein paar Truppen erschrecken, an denen Anstoß zu nehmen nun wirklich lächerlich war, sowohl ihrer geringen Anzahl wegen wie aus vielen anderen Gründen. Das Parlament seinerseits behandelte die unbedeutendsten Dinge, sofern sie nur im entferntesten nach Nichtdurchführung der Erklärung rochen, mit der gleichen Unerbittlichkeit und den gleichen Formalitäten, als ginge es um wirkliche Verfehlungen und Rechtsverletzungen. Der Herzog von Orléans erkannte alles Gute, das er tun, und einen Teil des Schlechten, das er verhindern konnte; aber da beides ihn nicht bei der ihn beherrschenden Leidenschaft packte, der Furcht nämlich, reichte es nicht aus, ihn wirklich in Bewegung zu setzen.

Monsieur le Prince überblickte die Gefahr in ihrem ganzen Ausmaß; da aber Mut vor allem anderen ihm angeboren war, fürchtete er sie nicht genug; er wollte das Gute, wollte es aber nur nach seinem Geschmack: seine Jugend, sein Temperament und seine Siege erlaubten ihm nicht, mit dem Tatendrang auch Geduld zu verbinden; und nicht früh genug erfaßte er jenen den Fürsten so unentbehrlichen Grundsatz, kleine Fische nur als die Opfer anzusehen, die wir für große Dinge dranzugehen haben.  - (retz)

Gelegenheit (3)  Zum Entstehen der Sünde, trägt die G. (occasio) bei, d.h. äußere Gegebenheiten, die die Sünde als leicht durchführbar erscheinen lassen. Je nach dem Grad der Wahrscheinlichkeit, daß es zur Sünde kommt, bezeichnet man die Gefahr, die eine G. mit sich bringt, als nächste od. entfernte Gefahr; dieselben äußeren Gegebenheiten können für verschiedene Menschen je nach deren Verfassung nächste, entfernte od. keine Gefahr sein.

Aus der Pflicht zur sittl. richtigen Lebensführung folgt die Pflicht, die G. zur Sünde nach Möglichkeit zu meiden, vor allem die nächste G. zur schweren Sünde. Wer ihr nicht aus dem Weg geht, obwohl er kann, zeigt eine zu geringe Entschiedenheit im Bemühen um die Erfüllung seiner sittl. Aufgabe. "Wenn dich nun deine Hand od. dein Fuß ärgert, so hau ihn ab u. wirf ihn von dir ... Und wenn dich dein Auge ärgert, so reiß es aus u. wirf es von dir". Wer es aus entsprechend wichtigem Grund verantworten kann, sich der nächsten G. zur schweren Sünde auszusetzen (Handlung mit zweierlei Wirkung), muß darum bemüht sein, die Gefahr der G. zu entschärfen (Bemühen um die rechte innere Haltung durch tragfähige Motivierung, Ablenkung durch Aufmerksamkeit, Gebet usw.). Dieses Bemühen ist auch dann bes. notwendig, wenn jemand sich zwangsweise in solcher G. befindet (notwendige G.).

Auch in eine entfernte G. zur schweren od. eine nächste Gelegenheit zur leichten Sünde soll man sich nicht ohne vernünftigen Grund begeben, doch rechtfertigen leichtere Gründe das Wagen solcher Gefahren. Allen Gefahren ganz ausweichen kann der Mensch nicht ("sonst müßtet ihr ja aus der Welt hinausziehen", 1 Kor 5,10). Er wird sich in ihnen umso eher bewähren, je mehr er allg. mit der Gnade Gottes um seine sittl. Festigung bemüht ist.

Die Nächstenliebe verbietet es, dem Mitmenschen leichtfertig od. gar in Verführungsabsicht eine G. zur Sünde zu bieten. Es kann jedoch triftige Gründe dafür geben, eine solche G. zu schaffen od. bestehen zu lassen, natürl. ohne Verführungsabsicht (Handlung mit zweierlei Wirkung).   - Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral (1969)

Gelegenheit (4)  

»Niemals verschmäht'n muß man Gelegenheiten«,
Sprach Cloridan und weilt ein wenig dort.
»Sollt' ich nicht Tod in diesem Volk verbreiten,
Das schuldig ist an meines Königs Mord?
Du richte Blick und Ohr nach allen Seiten,
Daß man uns nicht ertapp an diesem Ort;
Denn wohl verheißen will ich, mit den Waffen
Dir durch den Feind geraume Bahn zu schaffen.«

Er sprach's und trat ins Zelt mit keckem Wesen,
Wo sich der Schlaf um Alpheus' Augen zog,
Der noch nicht lang am Hofe Karls gewesen,
Berühmt als Magier, Arzt und Astrolog.
Doch wenig half ihm jetzt das Sternenlesen,
Weil es für diesmal ihn durchaus betrog.
Geweissagt halt' er sich, bejahrten Leibes
Erblass' er einst am Busen seines Weibes.

Nun läßt er hier vom Mohren sich ereilen,
Und dieser stößt sein Schwert ihm durch den Schlund.
Dann tötet er vier andre sonder Weilen,
Nicht Zeit zu einem Worte hat ihr Mund.
Turpin vergaß die Namen mitzuteilen,
Und nach so langer Zeit sind sie nicht kund.
Dem Palidon von Moncalier, der neben
Zwei Rossen schlief, entriß er dann das Leben.

Der arme Grillo lag mit seinem Haupte
Ans Faß gelehnt; so schlief er ruhig ein.
Er halt' es völlig ausgeleert und glaubte
Im sanften Schlaf ganz ungestört zu sein.
Als nun der kecke Mohr den Kopf ihm raubte,
Floß mit dem Blut aus einem Spund der Wein.
Er hat wohl mehr als eine Kann' im Magen
Und träumt vom Trinken noch, und wird erschlagen.

Zwei andre sucht sich Cloridan zum Schlachten
Und macht den Andropon und Konrad kalt,
Die tief bis in die Nacht sich lustig machten,
Bald mit dem Becher, mit dem Würfel bald.
Glücksel'ge zwei, wenn sie am Tische wachten,
Bis Phöbus durch des Indus Furt gewallt!
Allein die Macht des Schicksals wäre nichtig,
Weissagte jeder sich die Zukunft richtig.

Dem Löwen gleich, der, mager durch Beschwerde
Langwier'gen Hungers, im gefüllten Stall
Umbringt, zerreißt und frißt die schwache Herde,
Die er bezwang durch raschen Überfall,
Schlägt Cloridan dies Volk, das sonder Fährde
Im Schlummer liegt, und schlachtet überall.
Das Schwert Medors ist auch nicht stumpf geworden,
Doch es verschmäht, unedles Volk zu morden.

Er kam dahin, wo in dem Arm der Liebe
Der Herzog von Labrett entschlummert war.
Daß zwischen sie sich auch kein Lüftchen schiebe,
So fest umschlang sich das beglückte Paar.
Medor enthauptet sie mit einem Hiebe;
O süßer Tod, glückselig Los fürwahr!
Gewiß, daß, wie die Leiber sich umschlangen,
Die Seelen auch, umarmt, empor sich schwangen.

- (rol)

Gelegenheit (5)  Jupiter versammelt alle Götter, um Fortuna zur Rechenschaft zu ziehen. Die blinde Fortuna spaziert mit einem Stock und einem Blindenhund herein. Sie bewegt sich auf einer Kugel fort und wird, als Mittelpunkt eines Rades, von einem Knäuel Fäden, Bänder und Schnüre umkreist, die sich durch ihre Wendungen bald verwirren, bald entwirren. Ihr folgt auf den Fersen die Gelegenheit, eine Frau mit barbarischer Visage und Glatze (»den Schwalben ein Spiegel«). Nur auf ihrer Stirn baumelt eine lange, fettige Locke; man muß die Gelegenheit beim Schöpf fassen, wenn sie sich ergibt. Einmal vorüber, bietet der Schädel keinen Halt mehr. - Francisco de Quevedo, nach: Matthijs van Boxsel, Enzyklopädie der Dummheit. Berlin 2001

Gelegenheit (günstige)  Während die Friedenschirurgie sich an einem gleichbleibenden Krankenmaterial gleichmäßig entwicklen kann und sich so den Forschungen und Erkenntnissen entsprechend aufbaut, geht die Entwicklung der Kriegschirurgie sprungweise vor sich. Ihre Besonderheiten sind eben nur im Kriege zu erfassen. Nur im Kriege ist ihr Ausbau, ihre Fortentwicklung möglich. Ist der Krieg zu Ende, so tritt, schon nach wenigen Jahren der Auswertung und Niederlegung der Erfahrungen ein Stillstand ein. Sinngemäß erlischt das allgemeine Interesse, da man sich anderen Fragestellungen zuwendet. Deshalb erscheint es umso notwendiger, die Zeit eines Krieges voll auszunützen, um Erkenntnisse zu sammeln, die unmittelbar den Verwundeten noch dieses Krieges zugute kommen. In zweiter Linie können die Erfahrungen natürlich auch von Bedeutung für die Friedenschirurgie sein. - Schweizerische Medizinische Wochenschrift, 75. Jg., Nr. l, 1945.nach - Spektum der Wissenschaft 1 / 1995

Gelegenheit (7)  Es war einmal ein Dienstmädchen, das hieß Rosa und ging mit Herrn Jung, und hatte dem aus Liebe einen Ring geschenkt. Der Herr Jung aber verlobte sich mit der auswärts wohnenden, in Scheidung lebenden Frau Grün. Infolgedessen ging nun Rosa mit dem Angeklagten Hugo. Da erfuhren sie, daß Jung von der Polizei gesucht wurde, und Rosa sagte: Wenn du dir von Jung den Ring verschaffst, kannst du ihn behalten. Da ging nun Hugo zu Jungs Eltern, sagte, daß ihr Sohn von der Polizei gesucht würde, und forderte den Ring. Sofort hielt man Hugo für einen Kriminalkommissar und gab ihm den Ring. Aber bei dem Besuch hörte Hugo, daß Jungs Braut, Frau Grün, bereits ihr Silber zu den zukünftigen Schwiegereltern geschafft habe, und daß es von dort gerade gestohlen sei. Sofort fuhr er nach auswärts zur Frau Grün, sagte ihr, daß ihr Silber futsch sei, sie soll mal mit ihm nach Berlin kommen, dort werde er es ihr schon wieder verschaffen. Und sie fuhr mit, vertraute ihm ihre Uhr und ihr Täschchen an. In Berlin war's aber schon zu spät, nach dem Silber zu suchen. Also gingen sie mal erst ins Ballhaus, dann noch wohin, und schließlich - aus lauter rasch geschlossener Freundschaft - in ein Hotel. Da nun geschah, was zu geschehen pflegt, worauf er für einen Augenblick das Zimmer verließ, um sich Zigaretten zu kaufen, kam aber nicht wieder, sondern verduftete mit der ganzen Barschaft der Frau Grün. Nein, er beschönigt nichts. »Was ich gemacht habe, habe ich gemacht.« - Sling, Der Fassadenkletterer vom "Kaiserhof". Berliner Kriminalfälle aus den Zwanziger Jahren. Hg. Ruth Greuner. Berlin 1990

Gelegenheit (8)   An der Südwand des Zimmers stand ein mit Muscheln verziertes Bett. Die beiden Mädchen breiteten eine seidene Decke für ihn darüber und halfen ihm hinein. Er zog die ältere zu sich heran und teilte das Kissen mit ihr; die jüngere stand vor dem Bett und streichelte ihn.

Als Han und Hsü das sahen, murrten sie, und Hsü rief laut:« Ein Dauist darf nicht Liebeslust genießen!» Er ging auf den Mönch zu und wollte ihn packen; dieser aber sprang hurtig auf und lief fort. Hsü sah die jüngere der Schwestern noch immer vor dem Bette stehen. In seiner Trunkenheit schleppte er sie zu einem Lager, das an der Nordwand stand und legte sich mit ihr nieder. Als er sah, daß die andere Schöne auf dem seidenbestickten Bette liegen blieb, rief er Han zu, er solle nicht dumm sein und die Gelegenheit nützen.

Da legte sich Han zu ihr ins Bett. Aber als er mit ihr tändeln wollte, schlief sie fest. Er rüttelte sie, aber sie rührte sich nicht. Sie mit den Armen umschlingend, schlief auch er ein.

Als der neue Tag anbrach und Han aus seinem Rausch wie aus einem Traum erwachte, fühlte er etwas Kaltes an seiner Brust, das ihn frieren machte. Er schlug die Augen auf: Er lag mit einem langen Stein im Arm an einer Treppe. Er sah zu Hsü hinüber; der schlief noch. Er hatte seinen Kopf auf einen Klosettstein gebettet und schlummerte tief in einem zerfallenen Abort. - (pu-s)

Gelegenheit (9) Unser Handeln, unser Denken, Alles muß sich nach den Umständen richten. Man wolle wann man kann: denn Zeit und Gelegenheit warten auf Niemanden. Man lebe nicht nach ein für alle Mal gefaßten Vorsätzen, es sei denn zu Gunsten der Tugend; noch schreibe man dem Willen bestimmte Gesetze vor: denn morgen wird man das Wasser trinken müssen, welches man heute verschmähte. Es giebt so verschrobene Queerköpfe, daß sie verlangen, alle Umstände bei einem Unternehmen sollen sich nach ihren verrückten Grillen fügen und nicht anders. Der Weise hingegen weiß, daß der Leitstern der Klugheit darin besteht, daß man sich nach der Gelegenheit richte.  - (ora)

Gelegenheit (günstige 2)  

Gelegenheit (11)  Am Sonntagmorgen weckt mich das Telefon. Es ist mein Freund Maxie Schnadig, der mir den Tod unseres gemeinsamen Freundes Luke Ralston mitteilt. Maxie hat einen aufrichtig traurigen Ton angeschlagen, der mir gegen den Strich geht. Er sagt, Luke sei ein feiner Kerl gewesen. Auch das klingt für meine Ohren falsch, denn wenn Luke auch in Ordnung war, so war er doch nur soso, nicht gerade das, was man als einen feinen Kerl bezeichnen möchte. Luke war ein eingefleischter Homo und entpuppte sich bei näherer Bekanntschaft als eine Nervensäge. Ich sagte das Maxie am Telefon; an der Art, wie er mir antwortete, merkte ich, daß er es nicht sehr gern hörte. Er sagte mir, Luke habe sich mir gegenüber immer als Freund gezeigt. Das war schon richtig, aber es genügte nicht. Denn in Wahrheit war ich wirklich froh, daß Luke im geeigneten Augenblick abgekratzt war: es bedeutete, daß ich die hundertfünfzig Dollar vergessen konnte, die ich ihm schuldete. Tatsächlich fühlte ich mich, als ich den Hörer auflegte, in wirklich glänzender Laune. Es war eine riesige Erleichterung, diese Schuld nicht bezahlen zu müssen. Was Lukes Ableben betrifft, so bekümmerte es mich nicht im geringsten. Im Gegenteil: jetzt konnte ich seiner Schwester Lottie, der ich schon immer einen verpassen wollte, was ich aber aus dem einen oder anderen Grund nie konnte, einen Besuch abstatten. Ich sah mich bereits gegen Mittag zu ihr hingehen, um ihr mein Beileid auszusprechen. Ihr Mann.würde im Büro sein, und nichts würde mich stören. Ich sah mich schon die Arme um sie legen und sie trösten; es geht nichts darüber, eine Frau zu nehmen, die trauert. Ich sah, wie sie die Augen weit öffnete - sie hatte schöne, große graue Augen ~, während ich sie zum Sofa hinschob. Sie gehörte zu der Sorte Frauen, die sich von einem ficken lassen, während sie so tun, als sprächen sie über Musik oder etwas Ähnliches. Sie konnte die blanke Wirklichkeit, sozusagen die nackten Tatsachen, nicht leiden. Was sie aber nicht hinderte, geistesgegenwärtig ein Handtuch unter sich zu schieben, damit keine Flecken aufs Sofa kämen. Ich kannte sie durch und durch. Ich wußte, daß jetzt die beste Zeit war, sie rumzukriegen, wo sie sich in ein leichtes Erregungsfieber über ihren armen toten Luke hineinsteigerte, von dem sie, nebenbei bemerkt, nicht viel gehalten hatte. Leider war es Sonntag, und ihr Mann würde sicherlich zu Hause sein.   - (wendek)

Augenblick

 

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