reunde  Ich hatte auf einmal so viel Freunde in Liben, daß ich sommers immer Fenster und Tür offen ließ, damit jeder, der mich gern hatte, zu mir ins Zimmer trat, das öffentlich war wie ein Ausschank, wie die Destille auf der Dedinka. Obwohl ich hier in diesem Kämmerchen geheiratet, obwohl ich mir ein zusätzliches Kämmerchen erkämpft hatte, so daß meine Frau und ich zwei Räume besaßen und einen Abtritt auf dem Hof und ein Badezimmer in der Waschküche, hatte ich doch manchmal nicht die Zeit, mir auch nur eine Notiz auf der Schreibmaschine zu machen, dafür hatte ich immer mehr Freunde, die einer Regung des Augenblicks folgten, manchmal schliefen hier sogar fünf, sechs Leute zusätzlich. Trotzdem war ich glücklich und hatte das Gefühl, mit meinem Leben einen großen Roman zu schreiben, denn so wie die Leute kamen und mich mit ihren Geschichten beschmierten, so beschmierte ich sie mit mir selbst. - Bohumil Hrabal, Gotteskinder. In: Ders., Leben ohne Smoking. Frankfurt am Main 1993 (BS 1124, zuerst 1986)

Freund (2) Ich war guter Dinge, weil ich auf alles schiß. Wenn die Dinge bei mir schiefgingen, war ich davon überzeugt, daß sie überall schiefgingen. Und die Dinge gingen gewöhnlich nur dann schief, wenn man sie zu wichtig nahm. Das prägte sich mir schon in früher. Jugend ein. Zum Beispiel erinnere ich mich an den Fall meines jungen Freundes Jack Lawson. Ein ganzes Jahr lag er mit den schlimmsten Qualen zu Bett. Er war mein bester Freund, wenigstens behaupteten das die Leute. Nun, anfangs bedauerte ich ihn vermutlich und besuchte ihn vielleicht dann und wann, um mich nach ihm zu erkundigen. Aber nachdem ein oder zwei Monate vergangen waren, wurde ich völlig gefühllos gegen sein Leiden. Ich sagte mir, er sollte lieber sterben, je eher desto besser. Gedacht, getan: ich vergaß ihn prompt und überließ ihn seinem Schicksal. Ich war damals kaum älter als zwölf Jahre, und ich erinnere mich, daß ich sehr stolz auf meinen Entschluß war. Ich erinnere mich auch an sein Begräbnis - was für eine klägliche Sache. Da standen sie, die ganze Gesellschaft, Freunde und Verwandte, alle um den Sarg versammelt und heulten wie kranke Affen. Besonders die Mutter fiel mir auf den Wecker. Sie war ein so seltenes, durchgeistigtes Wesen, eine Anhängerin der Christian Science, glaube ich, und obwohl sie nicht an Krankheiten glaubte und auch nicht an den Tod, erhob sie doch ein solches Gezeter, daß Christus selbst aus dem Grab gefahren wäre. Nicht aber ihr geliebter Jack! Nein, Jack lag da kalt wie Eis, steif und stur. Er war tot, daran war nichts zu deuteln. Ich wußte es und war froh darüber. Ich verschwendete keine Träne deshalb. Ich.konnte nicht sagen, daß er besser dran war, denn schließlich war dieser ‹er› nicht mehr vorhanden. Er war dahin und mit ihm die Leiden, die er erduldet, und die Schmerzen, die er, ohne es zu wollen, anderen zugefügt hatte. Amen! sagte ich mir, und damit ließ ich, leicht hysterisch wie ich bin, einen lauten Furz - direkt neben dem Sarg.   - (wendek)

Freund (3) FRAGEBOGEN

1.
Halten Sie sich für einen guten Freund?

2.
Was empfinden Sie als Verrat:
    a. wenn der andere es tut?
    b. wenn Sie es tun?

3.  Wie viele Freunde haben Sie zurzeit?

4. Halten Sie die Dauer einer Freundschaft (Unverbrüchlichkeit)! für ein Wertmaß der Freundschaft?

5.  Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen:
    a. Doppelzüngigkeit?  
    b. daß er Ihnen eine Frau ausspannt?  
    c. daß er Ihrer sicher ist?
    d. Ironie auch Ihnen gegenüber?
    e. daß er keine Kritik verträgt?
    f. daß er Personen, mit denen Sie sich verfeindet haben, durchaus schätzt und gerne mit ihnen verkehrt?
    g. daß Sie keinen Einfluß auf ihn haben?
    f. Möchten Sie ohne Freunde auskommen können?

7. Halten Sie sich einen Hund als Freund?

8.
Ist es schon vorgekommen, daß sie überhaupt gar keine Freundschaft hatten, oder setzen Sie dann Ihre diesbezüglichen Ansprüche einfach herab?

9. Kennen Sie Freundschaft mit Frauen:
a. vor Geschlechtsverkehr?
b. nach Geschlechtsverkehr?
c. ohne Geschlechtsverkehr?

10.
Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?

11. Warum?

12.
Gibt es Feinde, die Sie insgeheim zu Freunden machen möchten um sie müheloser verehren zu können?

13.
Wenn jemand in der Lage ist, Ihnen mit Geld zu helfen, oder wenn Sie in der Lage sind, jemand mit Geld zu helfen: sehen Sie darin eine Gefährdung der bisherigen Freundschaft?

14. Halten Sie die Natur für einen Freund?

15.
Wenn Sie auf Umwegen erfahren, daß ein böser Witz über Sie ausgerechnet von einem Freund ausgegangen ist: kündigen Sie daraufhin die Freundschaft? Und wenn ja:

16.
Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?

17.
Gesetzt den Fall, Sie haben einen Freund, der Ihnen in intellektueller Hinsicht sehr überlegen ist: tröstet Sie seine Freundschaft darüber hinweg oder zweifeln Sie insgeheim an einer Freundschaft, die Sie sich allein durch Bewunderung, Treue, Hilfsbereitschaft usw. erwerben?

18.
Worauf sind Sie aus dem natürlichen Bedürfnis nach Freundschaft öfter hereingefallen:
    a. auf Schmeichelei?
    b. auf Landsmannschaft in der Fremde?
    c. auf die Einsicht, daß Sie sich eine Feindschaft in diesem Fall gar nicht leisten können, z. B. weil dadurch ihre     berufliche Karriere gefährdet wäre?
    d. auf Ihren eignen Charme? 

- Max Frisch, Tagebuch 1966 - 1971. Frankfurt am Main 1972

Freunde (4) «Bis du mein Freund oder nich?» fragte der Riese. Seine Stimme klang jaulend wie eine Kreissäge, die sich durch einen Astknoten in einem Fichtenstamm frißt.

«Wozu braucht so 'n großer Kerl wie du Freunde?» spöttelte der Zwerg.

«Ich hab dich gefragt», beharrte der Riese eigensinnig.

Er war ein milchweißer Albino mit rosa Augen, zerschlagenen Lippen, Blumenkohlohren und dichtem, krausem, sahnefarbenem Haar. Er trug ein weißes Turnhemd, seine speckige schwarze Hose wurde von einem Stück Hanfseil festgehalten, an den Füßen hatte er blaue Turnschuhe mit Gummisohlen.

Der Zwerg zog den linken Ärmel hoch und blickte auf die Leuchtziffern seiner Uhr. Es war 1 Uhr 22. Noch kein Grund zur Eile.

Er war ein Buckliger mit schmutziggelber Haut, um Schattierungen dunkler als die des Albinos. Schwarze Knopfaugen, die unruhig umherirrten, sahen aus einem Rattengesicht. Er war in einen kostspieligen Maßanzug aus blauem Leinen gekleidet. Die Füße steckten in seidenen Socken und teuren Schuhen, und auf dem Kopf trug er einen schwarzen Panamahut mit einem orangefarbenen Band.

Sein unsteter Blick fiel für einen Augenblick auf den Knoten im Strick über dem Bauch des Riesen, den er in Augenhöhe vor sich hatte. Aus dem Riesen hätte man vier seiner Sorte machen können, aber er hatte keine Angst vor ihm. In seinen Augen war der Riese nur ein Dummkopf wie andere auch. - Chester Himes, Heroin für Harlem. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1966)

Freunde (5) Als Kind bin ich einmal von einer Bande italienischer Einwandererkinder verprügelt worden — obwohl wir alle katholisch waren! Einer davon, ein Dicker, verhielt sich besonders tückisch, er spuckte und trat mich nur, ohne die Hände zu rühren. Eine Stunde darauf sah ich ihn ohne die andern allein die Straße hinuntergehen, sehr dick, mit Plattfüßen, und auf einmal kam er mir unerträglich einsam vor, ich hatte eine Sehnsucht, ihm gefällig zu sein und ihn zu trösten. Und wir sind auch wirklich Freunde geworden! - Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt am Main 1972

Freund (6)  

SUZERAIN

Nous commençons toujours notre vie sur un crépuscule admirable. Tout ce qui nous aidera, plus tard, à nous dégager de nos déconvenues s'assemble autour de nos premiers pas.

La conduite des hommes de mon enfance avait l'apparence d'un sourire du ciel adressé à la charité terrestre. On y saluait le mal comme une incartade du soir. Le passage d'un météore attendrissait. Je me rends compte que l'enfant que je fus, prompt à s'eprendre comme à se blesser, a eu beaucoup de chance. J'ai marché sur le miroir d'une rivière pleine d'anneaux de cou!euvre et de danses de papillons. Yaijouedans des vergers dont la robuste vieillesse donnait des fruits, }e me suis tapi dans des roseaux, sous la garde d'êtres forts comme des chênes et sensibles comme des oiseaux.

Ce monde net est mort sans laisser de charnier. Il n'est plus resté que souches calcinées, surfaces errantes, informe pugilat et l'eau bleue d'un puits minuscule veillee par cet Ami silencieux.

La connaissance eut tôt fait de grandir entre nous. Ceci n'est plus, avais-je coutume de dire. Ceci n'est pas, corrigeait-il. Pas et plus etaient disjoints. ll m'offrait, à la gueule d'un serpent qui souriait, man impossible que je pénétrais sans souffrir. D'où venait cet Ami? Sans doute, du moins sombre, du moins ouvrier des soleils.

Son energie que je jugeais grande éclatait en fougères patientes, humidité pour mon espoir, Ce dernier, en verité,  n'était qu'une neige de l'existence, l'affinité du renouveau. Un butin s'amoncelait, dessinant le littoral cruel que j'aurais un jour à parcourir. Le cœur de mon Ami m'entrait dans le cœur comme un trident, cœur souverin ègaillé dans des conquètes bientôt reduites en cendres, pour marquer combien la tentation se deprime chez qui s'établit, se rend. Nos confidences ne construiraient pas d'église; le mutisme reconduisait tous nos pouvoirs.


Il m'apprit à voler au~dessus de la nuit des mots, hin de l'hébétude des navires à l'ancre. Ce n'est pas le glacier qui nous importe mais ce qui le fait possible indefiniment, sa solitaire vraisemblance. ]e nouai avec des haines enthousiastes que j'aidai à vaincre puis quittai. (Il suffit de fermer les yeux pour ne plus être reconnu.) ]e retirai aux choses l'illusion qu'elles produisent pour se préserver de nous et leur laissai la part qu'elles nous concèdent. Je vis qu'il n'y aurait jamais de femme pour moi dans MA ville. La frénésie descascades, symboliquement, acquitterait mon bon vouloir.
 

J'ai remonté ainsi l'âge de la solitude jusqu'à la demeure suivante de L'HOMME VIOLET. Mais il ne disposait là que du morose état civil de ses prisons, de son expérience muette de persecuté, et nous n'avions, nous, que son signalement d'évadé.

LEHNSHERR

Immer beginnen wir unser Leben in köstlicher Dämmerung. Alles, was später uns hilft, unsern Widerwärtigkeiten zu entrinnen, sammelt sich schon um unsere ersten Schritte.

Das Gebaren der Menschen meiner Kindheit schien wie ein Himmelslächeln der irdischen Barmherzigkeit zugewandt. Das Böse begrüßte man dort wie einen Unfug des Abends. Das Vorüberziehn eines Meteors verursachte Rührung. Ich bin mir bewußt, das Kind, das ich damals war, schnell begeistert und schnell verwundet, hat viel Glück gehabt. Ich ging über den Spiegel eines Flusses, der voll von Nattergeringel und Schmetterlingstänzen war. Ich spielte in Gärten, deren rüstiges Alter Früchte verschenkte. Ich kauerte mich ins Schilfrohr, beschützt von Wesen, stark wie Eichen und empfindsam wie Vögel.

Diese lautere Welt ist tot, ohne ein Leichenhaus nachzulassen. Nichts weiter blieb als verglühte Baumstümpfe, unstete Flächen, gestaltloser Faustkampf und das blaue Wasser eines winzigen Brunnens, bewacht von diesem schweigsamen Freund.

Bald wuchs zwischen uns die Bekanntschaft. Das ist nicht mehr, war ich gewohnt zu sagen. Das ist nicht, verbesserte er. Nicht und nicht mehr waren zweierlei. Er bot mir, im Rachen einer lächelnden Schlange, mein Unmögliches an, in das ich schmerzlos eindrang. Woher kam dieser Freund? Ohne Zweifel von einer Sonne, die weniger finster, weniger arbeitsam war.

Seine Tatkraft, die ich für groß hielt, brach aus in geduldige Farne, Feuchte für meine Hoffnung. In Wirklichkeit war diese Hoffnung nur Schnee des Daseins, Verwandtschaft mit dem Frühling. Beute häufte sich an, ließ die grausame Küste hervortreten, die ich eines Tages würde durchstreifen müssen. Das Herz meines Freundes drang mir ins Herz wie ein Dreizack, souveränes Herz, in Eroberungen verzettelt, die bald zu Asche wurden, um zu beweisen, wie sehr die Versuchung sich duckt bei dem, der sich niederläßt, sich ergibt. Unsere Geständnisse würden keine Kirche erbauen; die Schweigsamkeit brachte all unsere Kräfte zurück.

Er lehrte mich, hoch über der Nacht der Worte zu fliegen, weitab vom Stumpfsinn der Schiffe vor Anker. Nicht der Gletscher ist wichtig für uns, sondern das, was ihn grenzenlos möglich macht, seine einsame Wahrscheinlichkeit. Ich knüpfte an mit begeistertem Haß, dem ich zum Siege verhalf, dann mich entzog. (Es genügt, die Augen zu schließen, um nicht mehr erkannt zu werden.) Ich nahm den Dingen die Illusion, die sie erzeugen, um sich vor uns zu bewahren, und ließ ihnen den Anteil, den sie uns zugestehn. Ich sah, daß es in MEINER Stadt nie eine Frau für mich geben würde. Das Toben der Wasserfälle wäre, symbolisch, Freispruch für meinen guten Willen.

So stieg ich wieder empor zu den Zeiten der Einsamkeit bis zur nächsten Behausung des MANNES IN VIOLETT. Aber er verfügte dort nur über den trüben Aktenbestand seiner Gefängnisse, seiner stummen Erfahrung eines Verfolgten, und es blieb uns nur noch sein Steckbrief, der eines Entwichnen.

- René Char, Zorn und Geheimnis. Frankfurt am Main 1991 (zuerst 1948)

Freund (7)  ?Freunde, ?ihm : Nur selten sind Freunde frei wählbar. Freunde werden angezogen von den eigenen Mängeln wie Fliegen vom Aas; Freunde stoßen einem zu, & seither klebt man zusammen, parasitär & gefühlsverpflichtet, in gewissem Sinn enger als Ehe-Leute. Und weil jeder die-schwache-Seite des anderen kennt, ist niemand besser verletzbar als der Freund durch den Freund. Auch wird man zum Opferstock für dreckige Lebensbeichten, denn Freunde behalten privaten Hausmüll !niemals im Privaten=für-sich : Bei der 1.=besten Gelegenheit kippt der Freund dem Freund schamlos seine Seele über den Kopf. Und immer nehmen Freunde sich die gröbsten Unhöflichkeiten gegenüber dem Freund heraus ; zu Verabredungen schandbar unpünktlich öd sie kommen überhaupt nicht, lassen den Freund sitzen, haben Anderes vor & vergessen die Verabredung; od wenn sie aufkreuzen, dann bleiben sie Stunden=Uberstunden, hocken wie angeleimt als wollten sie—auf-Dauer hier sich niederlassen. Od: !wieoft beim sogenannt Bestenfreund eingeladen; und dann, zur-Zeit vor seiner Tür angekommen, öffnete ihm niemand, - die Klingel schrillte 1sam u ohne Hoffnung durch eine verschlossen bleibende leere Wohnung. Schon im kinds-Alter fühlte er von Gleichaltrigen sich behandelt, als sei er bereits Erwachsenen Betrügern Wucherern Räubern in die Hände gefallen. (Allerdings, in deren Gesellschaft, sofern sie zustande kam, ist Lebenszeit oft lustiger u vergeht kurzweiliger, als mit all den unbefreundeten Gespenstern.....) — Freunde ?ihm : keine, auch in der Lehrgruppe nicht, 1 x Heimkind = immer Heimkind; der Niemand's Freund, am wenigsten sein eigener.   - (jir)

Freundschaft
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Kumpel
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