reiherr  Er lag auf dem Rücken und las, ohne sich um den Lärm des Gelages zu kümmern, in einer französischen Ausgabe der ›Misérables‹ von Victor Hugo. Als er sich aufrichtete, um sich eine Zigarette zu rollen, entsann ich mich, daß mir sein Gesicht schon am Morgen während des Handgemenges aufgefallen war. Er mußte zu den alten Leuten gehören, denn er hatte den ausgezehrten und totenkopfähnlichen Ausdruck, der ihnen gemeinsam war. Dennoch schienen mir seine Züge ungemein anziehend, es trat in ihnen eine Art von offener und verwegener Männlichkeit hervor. Er hatte so ein Gesicht, wie es Kindern und Dienstmädchen auf den ersten Blick gefällt.

 Vor allem fielen mir seine Augen auf; sie waren von einem ungewöhnlichen Blau. Wenn auch das blaue Auge leicht flacher und unbedeutender als das dunkle wirkt, so gibt es doch Ausnahmen; es gibt blaue Augen von tiefer und gebieterischer Kraft. So war es hier; voll aufgeschlagen, erweckten sie die Vorstellung einer leuchtenden Grotte, die unwiderstehlich zum Eintritt lockt.

Mit Gesichtern geht es uns wie mit Bildern; obwohl sie uns oft auf den ersten Blick gefallen, erkennen wir doch erst viel später die Regeln, nach denen sie gebildet sind. So will mir heute scheinen, daß die anziehende Kraft, die seinen Zügen eigentümlich war, darauf beruhte, daß ihnen das Subalterne mangelte. Kein Fall kann seltener sein, wenn man etwa von den Kindern, die noch nicht sprechen gelernt haben, absehen will. Das Subalterne hat mit der äußeren Lage des Menschen nichts zu tun; es ist nichts anderes als der Verlust der Elementarkraft, der in ihm zum Ausdruck kommt, und damit das Bedürfnis nach Abhängigkeit um jeden Preis. Der Mensch kapituliert wie eine Festung, die sich gar bald an jedem Punkte dem Allgemeinen erschließt und in der man weder Kraft noch Geheimnis mehr finden wird, wenn die Grundmauern gebrochen sind.

...

"Dann habe ich zu trinken angefangen und mit den jungen Kaufleuten die Nächte in kleinen Hinterzimmern verzecht, wo sie dir für eine Flasche schlechten Wein drei Mark abnehmen und du den Kellnerinnen an die Brüste greifen darfst. Ich weiß nicht, warum ich immer verdrießlicher geworden bin dabei. Endlich, an einem schönen Morgen, habe ich den Spaten und die Baumschere über die Friedhofsmauer geworfen und bin auf und davon, immer der Nase nach.

Auf meiner Wanderschaft habe ich hin und wieder bei einem Gärtner vorgesprochen und das Handwerk gegrüßt. Ich habe dann umgegraben und die Bäume und Treibhäuser besorgt, aber immer nur so lange, bis ich wieder ein paar Mark in der Tasche trug. Manchmal hats auch keine Arbeit gegeben, dafür ein kleines Zehrgeld — war mir auch lieber so.

Auf diese Weise bin ich eines Tages über die Grenze gekommen, ohne es zu merken, denn bei uns im Elsaß gibt es viele Orte, in denen man von Kind auf beide Sprachen lernt. Nur einen anderen Namen habe ich mir besorgt und mich Benoit genannt, Charles Benoit — ein Name, den ich auf einer alten Streichholzschachtel fand. Ich habe ihn mitgenommen, weil er mir gefiel.

In der ersten Zeit gab es viel Scherereien mit den Gendarmen; ein Freiherr ist wie ein rotes Tuch für die. Ich habe deshalb mal wieder gearbeitet, bei einem Drogisten, für den ich Eichenmoos sammelte. Das wird in der Parfümerie verwandt, Als ich mir zwanzig Franken verdient hatte, habe ich mein Geld ins Rockfutter gesteckt und bin dann weitergewandert auf den südlichen Landstraßen. Ich habe es meist so einrichten können, daß mir gegen Abend ein Dreispitz in die Quere kam, Von dem habe ich mich festnehmen und ins Loch stecken lassen, da fand ich oft schon ähnliche Vögel vor. Ich habe dann meine Suppe ausgelöffelt und mir die Decke über den Kopf gezogen, bis wieder die Sonne schien.

Am Vormittage wird man dann dem Friedensrichter vorgeführt, 's ist Vorschrift so. Dem hab ich immer höflich zugehört, bis er mit seinen Ermahnungen fertig war. Wenn er sich dann gemütlich zurechtsetzte, um mir acht Tage Arrest zu diktieren wegen Landstreicherei, habe ich meinen Goldfuchs aus dem Rockfutter praktiziert und vorgezeigt. Gold ist ein Zaubermittel, und ein Narr, wer sich darüber lustig macht. Es hat immer eine Aufregung gegeben wie im Theater, sie haben mich ordentlich gerührt angesehen, und der Dreispitz hat seinen Rüffel gekriegt: ›Monsieur ist ja im Besitz der gesetzlichen Mittel, Monsieur kann gehen, wohin es ihm beliebt.‹" ... - "Charles Benoit", in: Ernst Jünger, Afrikanische Spiele. München 1987 (dtv 10688, zuerst 1936)

Adel Freiheit
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