Frauen, tragische    Alfred Craig war Stadtschreiber von Parminster gewesen, ein gewissenhafter, ziemlich unbedeutender kleiner Mann, korrekt und angenehm in seinem Auftreten. Er hatte das Pech, eine lästige, launische Frau zu heiraten. Mrs. Craig stürzte ihn in Schulden, behandelte ihn schlecht und litt an Nervenkrankheiten, die unfreundliche Zeitgenossen als bloße Einbildung bezeichneten. Eva Kane war das junge Kindermädchen bei Craigs. Sie war neunzehn Jahre alt, hübsch, hilflos und ziemlich beschränkt. Sie verliebte sich Hals über Kopf in Craig, und er sich ebenso in sie. Eines Tages erfuhren die Nachbarn, der Arzt hätte Mrs. Craig geraten, zur Erholung ins Ausland zu fahren. Craig erzählte es. Eines Abends spät brachte er sie mit seinem Wagen nach London, der ersten Etappe ihrer Reise. Und dann fuhr sie nach Südfrankreich. Er kehrte nach Parminster zurück und erwähnte gelegentlich, seine Frau hätte geschrieben, daß ihr Gesundheitszustand sich nicht gebessert hätte. Eva Kane blieb bei ihm, um ihm das Haus zu führen, und bald setzten sich die spitzen Zungen in Bewegung. Schließlich erhielt Craig die Nachricht, seine Frau sei im Ausland verstorben. Er fuhr weg und kam eine Woche später mit einem Bericht vom Begräbnis zurück. In gewisser Hinsicht war Craig ein einfältiger Mensch. Er machte den Fehler zu erzählen, wo seine Frau gestorben war. In einem einigermaßen bekannten Bad an der französischen Riviera. So genügte es, daß jemand, der dort einen Freund oder Verwandten hatte, hinschrieb und erfuhr, daß jemand dieses Namens dort weder gestorben noch begraben war, und schließlich die Polizei verständigte. Was folgte, kann kurz zusammengefaßt werden. Mrs. Craig war nicht an die Riviera gefahren. Sie war in saubere Stücke zerschnitten und in Craigs Keller begraben worden. Und die Autopsie der Reste zeigte deutlich eine Vergiftung durch ein pflanzliches Alkaloid.

Craig wurde verhaftet und vor Gericht gestellt. Eva Kane wurde ursprünglich wegen Beihilfe mitangeklagt, aber man ließ die Anklage fallen, da bewiesen schien, daß sie niemals auch nur geahnt hatte, was geschehen war. Craig legte schließlich ein volles Geständnis ab und wurde hingerichtet. Eva Kane, die ein Kind erwartete, verließ Parminster und, nach den Worten des Sunday Comet »Freundliche Verwandte in der Neuen Welt boten ihr ein Heim. Das arme Mädchen, das in seiner Jugendblüte von einem kaltblütigen Mörder verführt worden war, änderte seinen Namen und verließ diese Gestade für immer, um ein neues Leben zu beginnen und den Namen des Vaters ihrer Tochter für immer in ihrem Herzen zu verschließen. Ihre Tochter sollte nie wissen, wer ihr Vater war. >Meine Tochter soll glücklich und unschuldig aufwachsen. Ihr Leben soll nicht von der grausamen Vergangenheit befleckt werden. Das habe ich geschworen. Meine tragischen Erinnerungen sollen mir allein gehören.<  - Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Bern u. München 1991 (zuerst 1951)

Frauen, tragische (2) Janice Courtland, die »unglückliche Frau«, hatte gewiß Pech mit ihrem Mann gehabt. Seine Eigenarten, die so vorsichtig erwähnt wurden, daß jedermann sofort neugierig darauf werden mußte, waren von ihr acht Jahre lang erduldet worden. Acht Jahre des Martyriums, behauptete der Sunday Co-met. Dann fand Janice einen Freund. Einen idealistischen, weltfremden jungen Mann, der, entsetzt über eine Eheszene, der er zufällig beiwohnte, den Mann so heftig angriff, daß dieser sich den Schädel an der scharfen Kante einer marmornen Kaminverkleidung einschlug. Die Geschworenen hatten gefunden, daß der junge Mann arg provoziert worden war und daß der junge Idealist keine Tötungsabsicht gehegt hatte. Er wurde wegen Totschlags zu fünf Jahren verurteilt. Die leidende Janice war, entsetzt über all die Publizität, die der Fall gehabt hatte, ins Ausland gegangen, »um zu vergessen«.  - Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Bern u. München 1991 (zuerst 1951)

Frauen, tragische (3)   Hercule Poirot ging zu Lily Gamboll über, dem tragischen Produkt einer hektischen Zeit. Lily Gamboll lebte in der Obhut einer Tante. Eines Tages hatte das Mädchen ins Kino gehen wollen, und die Tante hatte nein gesagt. Da nahm Lily eine Fleischhacke, die in Reichweite auf dem Tisch lag, und schlug damit auf die Tante ein. Der Schlag tötete sie. Lily war für ihre zwölf Jahre wohlentwickelt und kräftig. Eine Erziehungsanstalt hatte ihre Tore geöffnet, und Lily verschwand aus dem Alltagsleben. »Jetzt ist sie eine Frau, wieder frei, ihren Platz in unserer Gesellschaft einzunehmen, Ihre Führung während der Jahre der Haft und der Bewährung soll einwandfrei gewesen sein. Zeigt dies nicht, daß nicht das Kind, sondern das System schuld war? In Unwissenheit erzogen, in armseligen Verhältnissen, war die kleine Uly ein Opfer ihrer Umgebung. Jetzt hat sie ihren tragischen Fehler gebüßt und lebt irgendwo glücklich, wie wir hoffen, eine gute Staatsbürgerin und eine eute Frau und Mutter. Arme, kleine Lily Gamboll.«  - Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Bern u. München 1991 (zuerst 1951)

Frauen, tragische (4)  Vera Blake war sichtlich eine jener Frauen, denen alles schiefgeht. Erst hatte sie sich mit einem Freund eingelassen, der sich als Gangster herausstellte, den die Polizei wegen Mordes an einem Bankwächter suchte. Dann hatte sie einen ehrbaren Kaufmann geheiratet, der als Hehler entlarvt wurde, Ihre beiden Kinder hatten ebenfalls im Laufe der Zeit die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen. Sie gingen mit Mami in Warenhäuser und erwiesen sich als ganz gute Ladendiebe. Schließlich betrat dann doch ein »guter Mann« die Bühne. Er hatte der armen, ahnungslosen Vera ein Heim in Übersee angeboten. Sie und ihre Kinder sollten dieses verkommene Land verlassen.

»Von da an wartete ein neues Leben auf sie. Endlich, nach vielen Jahren wiederholter Schicksals schlage, sind Veras Sorgen vorüber.«

»Ob das stimmt?« fragte Poirot sich skeptisch, »Höchstwahrscheinlich wird sie herausfinden, daß sie einen Betrüger geheiratet hat, der auf Überseedampfern seine Opfer sucht.«  - Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Bern u. München 1991 (zuerst 1951)

Frauen, tragische (5)  Miss Horsefall machte eine wegwerfende Geste mit ihrer Zigarette.

»Mein lieber Mann, das Ganze war von der ersten bis zur letzten Zeile ein romantischer Mischmasch. Ich habe die ganze Geschichte ein bißchen sentimental aufgemotzt und dann mit großem Trara geschrieben.«

»Was ich meine - die Charaktere Ihrer Heldinnen sind vielleicht auch nicht ganz so, wie sie dargestellt wurden?« Pamela wieherte wie ein Pferd.

»Natürlich nicht. Was glauben Sie denn? Ich habe gar keinen Zweifel, daß Eva Kane durch und durch ein kleines Luder war und keineswegs die verletzte Unschuld. Und diese Courtland, warum hat sie acht lahre lang schweigend unter einem perversen Sadisten gelitten? Weil er Geld hatte wie Heu und der romantische Freund keinen Groschen.« »Und das tragische Kind Lily Gamboll?« »Ich möchte nicht, daß sie bei mir mit einer Fleischhacke herumtobt.«  - Agatha Christie, Vier Frauen und ein Mord. Bern u. München 1991 (zuerst 1951)

Frau Tragik

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