Fortuna  Manchmal hat sie zwei Gesichter, ein schönes und ein häßliches, manchmal nur eines, das unversehens mutiert, einmal weiß ist, dann wieder schwarz. Bei Boccaccio, wo sie auf jeder zweiten Seite erscheint, ist es voller Grausamkeit und verbreitet Schrecken, das lange, dichte Haar hängt ihr über den Mund, dahinter drohende, brennende Augen. Dennoch ist sie blind oder hat öfter noch die Augen verbunden und jedenfalls keinen Blick für die Verdienste ihrer Kundschaft. Sind ihre Augen einmal doch zu sehen, lacht das eine, und das andere weint. Sie hat lange, dünne Finger, um damit zurückzuholen, was sie ausstreut, und zudem hat sie viele Hände, wovon die rechten Gutes, die linken Übles verteilen. Auch Flügel hat die Flüchtige, mit denen sie eilfertig das Weite sucht. Ihr buntes Gewand wechselt die Farben wie ein Chamäleon, und zu allem hin ist sie unsauber, ja verströmt mitunter einen Grabesgeruch.

Kaum appetitlicher sticht uns ihr Charakter in die Nase. Um sich ihrer Wirkung zu versichern, kann sie freundlich sein und uns schmeicheln. Doch stets behält ihr eitler Stolz die Oberhand, und ihr hemmungsloser Neid macht sich in rasendem Jähzorn Luft. Da sie weder Scham noch Mitleid kennt, sind ihr eigener Zeitvertreib und das Vergnügen, dem sie frönt, ganz und gar ungerecht und bösartig.  - Georg Brunold, Fortuna auf Triumphzug. Berlin 2011

 

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