Flaschenkeller  Plötzlich tauchten im Halbdunkel des Kellers noch mehr Flaschen auf, plötzlich, wenn man hinzusehen wagte, waren da noch viel mehr Flaschen, noch weitere solcher Pyramiden waren begonnen worden, aber gescheitert, sie waren wieder in sich zusammengebrochen, dunkelgrünes Glas hatte sich unter die Regale ergossen, die Regale selber, vollgestellt mit Flaschen, schienen von gläsernen Wogen emporgeschwemmt und bald, in schiefer instabiler Haltung, auf einer glasig gefrorenen Flut erstarrt, die zuvor mit schrillem Singen bis in jeden Winkel geströmt war. Tische und Stühle im Keller, vollbesetzt mit Flaschen, schienen gewichtslos in einer Brandung zu driften, die sich, in einem unerklärlichen Augenblick, zu einem gläsernen Meerarm verwandelt hatte, bis auf den Grund bestehend aus wohlgeformten, aber totgeborenen und völlig verschmutzten Flaschen: die Flaschen waren leer, es war, als ob sich wirklich eine See von Flüssigkeit aus ihren Hälsen verflüchtigt habe. Verließ man aber den Keller, fürchtete man einer Unwirklichkeit erlegen zu sein und nun tatsächlich auf ein Meer zu treffen ... oder noch schlimmer, auf ein Meer, das in Form von vollen Flaschen unüberwindlich anrollte.

Oh, die Flaschen troffen aus den durchgebrochenen Schubladen; wenn man, auf der Suche nach einem erlösenden Gegenstand, etwa nach einem Hammer oder anderem Werkzeug, eine der noch geschlossenen Schubladen öffnete, fand man ebenfalls Flaschen, die seltsam obszöne Reihen und Schichten bildeten: sie lagen Hals an Bauch, Bauch an Hals, und schienen in einer merkwürdig unflexiblen Weise miteinander zu kopulieren, die dennoch lüstern war und sie keineswegs zu ermüden schien. Und wirklich, es war, als ob ihren dauernden Vereinigungen sofort die Nachkommenschaft entspränge, die hinter den Tischen ins Jenseits nicht mehr betretbarer Winkel geglitten war, wo sich die Flaschen längst in Anarchie befanden und sich in wahllos versprengten Haufen türmten: als habe man Körbe voller Flaschen ausgeschüttet, aus Kopfhöhe und aus gebührender Entfernung, als habe man die anderen Flaschen begraben wollen, damit sie endlich unsichtbar würden. Doch die Flaschen ließen sich mit ihren eigenen Waffen nicht schlagen: es existierten immer neue Flaschen, alte Flaschen, unzerbrechliche Flaschen aus grünem oder braunem Glas, die allesamt stumm waren, ihrem drohenden Schweigen verfallen unter dem Staub von Jahren, der sie wirksamer schützte und dämpfte als Watte. - Der Gedanke an die Flaschen, an ihre offenbar uneingeschränkte Macht, an ihre unaufhaltsame Fortpflanzung, war die schrillste Stimme meiner schlaflosen Nächte. Es lag nicht nur daran, daß ich immerzu ihr unverhofftes Lautwerden, ihren gemeinsamen Aufschrei erwartete ... meine Gedanken waren derart von ihrem unschönen gläsernen Kreischen erfüllt, daß in meinem Kopf, ebenso wie in dem Keller, für keinen anderen Gegenstand mehr Platz war. Ich sann auf Flucht.  - Wolfgang Hilbig, Die Flaschen im Keller. In: W.H., Der Schlaf der Gerechten. Frankfurt am Main 2003

 

Flasche Keller

 

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