rtrunkener  Eines Abends gegen Einbruch der Dunkelheit kam ein Fremder zu Herrn Tschëng mit völlig durchnäßter Kleidung und fing an zu weinen. Weil Tschëng glaubte, daß jener ins Wasser gestürzt sei und sich mit genauer Not das Leben habe retten können, ließ er ihn in seine Hütte eintreten, bewirtete ihm mit Wein und Speisen und richtete ihm ein warmes Feuer zu. Der Fremde aber fuhr fort zu weinen und sagte zu ihm: «Ich bin kein Mensch, sondern der Geist eines gerade Ertrunkenen. Weil ich keinen Ort der Ruhe fand, habe ich mich vom Wind dahertreiben lassen und bin bei Euch gelandet.»

Tscheng erschrak zunächst sehr, doch der Geist sagte: «Fürchtet Euch nicht. Die Geister haben Menschliches an sich, und die Menschen Geisterhaftes. Was sie unterscheidet, ist nur, ob sie zur lichten oder dunklen Urkraft gehören. Warum solltet Ihr Euch vor mir fürchten? Ich bin keiner von denen, die Unheil über die Menschen bringen!»

Da beruhigte sich Tschëng und fing an, sich mit dem Fremden über seine Heimat zu unterhalten, und weil jener sich in nichts von gewöhnlichen Menschen unterschied, behielt er ihn über Nacht bei sich. Von da ab kam der Geist hin und wieder zu ihm, und Tscheng freundete sich so mit ihm an, daß er schließlich völlig vergaß, mit wem er es in Wirklichkeit zu tun hatte. Eines Tages kam der Fremde wieder und erzählte dem Alten voller Freude: «Morgen werde ich wieder neugeboren werden können. Um die Mittagsstunde wird eine Frau mit einem weißen Kleid angetan über den Fluß setzen; sie wird ertrinken und mich dann ablösen.» Tscheng freute sich mit dem Fremden und beobachtete am nächsten Tage genau die Fähre über den Fluß. Um die Mittagsstunde kam wirklich eine verheiratete Frau in weißer Trauerkleidung und setzte über den Fluß. Sie überquerte ihn aber, ohne daß ihr etwas zustieß, und bis zum Abend kam auch keine weitere Frau in weißen Kleidern, so daß Tschëng schon glaubte, der Geist habe sich geirrt.

Nach Einbruch der Dunkelheit erschien der Fremde wieder sagte mit Tränen in den Augen: «So lange habe ich schon auf eine Ablösung gewartet, aber als heute die Frau mit dem weißen Kleid kam, sah ich, daß sie im sechsten Monat schwanger war, und 'konnte es nicht übers Herz bringen, gleich zwei Leben für das meine zu nehmen.» Der alte Tscheng fand das sehr rechtlich gedacht.  Wieder einige Monate später kam der Geist fröhlich lachend und erzählte seinem Freund: «Jetzt ist es wirklich so weit, daß ich von hier fort kann. Morgen wird einer kommen, der mit einem eisernen Kessel auf dem Kopf über den Fluß setzen wird. Ganz bestimmt wird der mich ablösen!»

Der Alte merkte sich dies und sah in der Tat am nächsten Morgen, daß jemand mit einem Kessel kam, um überzusetzen, und nach dem Fährboot rief. Als das Boot die Mitte des Stromes erreicht hatte, fing es an zu kentern, doch konnte es seine Fahrt ungefährdet fortsetzen. In der Nacht nach jenem Tage erschien der Geist wieder und sagte: «Der mit dem Kessel war ein pietätvoller Sohn und dazu noch das einzige Kind. Deshalb faßte mich plötzlich Mitleid und ich ließ ihn den Strom lebend überqueren. Ich aber muß weiter im Dunkel am Ufer des Wassers begraben bleiben, und es dauert mich, daß ich Euch so oft zur I,ast falle.» Der alte Tschëng redete dem Geist tröstlich und mit freundlichen Worten zu.

Es waren einige Tage vergangen, als der Geist aufs neue voller Freude erschien, so daß der alte Tschëng schon sagte: «Nun, jetzt habt Ihr sicher eine Ablösung gefunden?» «Nein, so ist es nicht. Aber weil ich mich mit meinem bitteren Schicksal so gut abgefunden hatte und es nicht übers Herz brachte, einen pietätvollen Sohn oder eine schwangere Frau zu töten, hat der Gott dieses Bezirks das dem Himmlischen Kaiser gemeldet, und ich bin durch kaiserliches Dekret wegen meiner guten Taten zum Stadtgott von Gua-dschou ernannt worden.»  - Aus: Die Goldene Truhe. Chinesische Novellen aus zwei Jahrtausenden. München 1961 

Ertrunkene (2)  Wir hatten die Gelegenheit, ziemlich intime Verbindungen mit den interessanten schwer geladenen Wasserleichen anzuknüpfen. Unseren Beobachtungen zufolge ist ein Ertrunkener kein unter Wasser zu Tode gekommener Mensch, obschon die Allgemeinheit zu diesem Glauben tendiert: Er ist ein a-partes Wesen, hat einen spezifischen Habitus und würde sich, meinen wir, vorzüglich seiner Umgebung anpassen, wenn man ihn lang genug darin ließe. Erfahrungsgemäß halten sich die Ertrunkenen im Wasser besser als an der Luft. Ihre Lebensgewohnheiten fallen aus dem Rahmen des Üblichen und sind, obzwar sich die Ertrunkenen mit Vorliebe im gleichen Element wie die Fische tummeln, nachgerade diametral denen der Fische entgegengesetzt. Denn während letztere auf ihrer Wanderschaft bekanntlich gegen den Strom schwimmen, d. i. in der Richtung, die am meisten kräftigt, lassen sich die Opfer der tödlichen Wasserpassion von der Strömung wunschlos trag treiben, so als hätten sie jegliche Antriebskraft eingebüßt. Ein paar Bewegungen des Kopfes, Verbeugungen, Bücklinge, halbe Purzelbäume und andere galante Aufmerksamkeiten, die sie Erdenbewohnern zum Weggruß entbieten, verraten, daß sie aktiv sind. Diese Darbietungen haben unserer Ansicht nach keinerlei soziologische Bedeutung: Sie sind bloß als unkontrollierter Schluckauf eines Betrunkenen oder Verspieltheit eines Tieres zu werten.

Wo ein Ertrunkener sich versteckt hält, erkennt man wie beim Aal daran, daß an der Stelle Wasserblasen aufsteigen. Man fängt sie gleich dem Aal mit der Harpune. Es ist weniger rentabel, Garnsäcke oder Angelruten auszuwerfen.

Wasserblasen täuschen, wo sie vom wilden Gestikulieren eines einfachen Lebewesens herrühren, das sich erst im Stadium des Ertrunkenenanwärters befindet. Das Lebewesen ist in dem Fall extrem gefährlich und gleicht aufs Haar (vgl. unsere Einleitung) einem, der schwer geladen ist. Die Menschenliebe wie die Vorsicht lassen es deshalb angelegen sein, bei der Rettung zwei Phasen zu unterscheiden: 1. Die Ermahnung zur Ruhe. 2. Die eigentliche Rettung. Der zur Rettung unabdingliche erste Schritt kann durchaus unter Zuhilfenahme einer Feuerwaffe erfolgen; man muß allerdings mit den Gesetzen der Lichtbrechung vertraut sein; in den meisten Fällen genügt ein Schlag mit dem Ruder. Danach - in der zweiten Phase - braucht die Person nur noch wie ein gewöhnlicher Ertrunkener herausgefischt zu werden.

Ertrunkene treten selten in Schwärmen auf, wie Fische dies zu tun pflegen. Man darf daher zu dem Schluß kommen, das Sozialwissen der Ertrunkenen stecke erst im embryonalen Stadium, es sei denn, man nimmt einfach an, ihre Kampflust und ihre Kampfkraft seien weniger stark ausgebildet als bei den Fischen. Aus diesem Grund fressen diese jene.

Wir sind imstande nachzuweisen, daß die Ertrunkenen eines mit den anderen Wasserbewohnern gemeinsam haben: Sie laichen wie die Fische, wiewohl ihre Fortpflanzungsorgane für einen oberflächlichen Betrachter wie beim Menschen geformt zu sein scheinen; sie laichen trotz des ernster zu nehmenden Einwandes, daß kein Erlaß eines Präfekten ihre Fortpflanzung durch ein zeitlich begrenztes Fangverbot schützt.

Der gängige Marktpreis für Ertrunkene beträgt in den meisten Departements 25 Francs: Die freundlichen Bewohner flußreicher Gegenden haben darin eine anständige, ertragreiche Einnahmequelle entdeckt. Es wäre darum im Interesse des Vaterlandes, für die Fortpflanzung der Ertrunkenen zu sorgen, zumal in Ermangelung einer derartigen Maßnahme der arme Flußanrainer in arge Versuchung gerät, künstliche herzustellen, für die die gleiche Fangprämie bezahlt wird, indem er lebende Bürger auf dem Wasserweg in künstliche Ertrunkene umfunktioniert.

Der männliche Ertrunkene schwimmt während der fast das ganze Jahr andauernden Laichzeit, seiner Gepflogenheit gemäß, in seinem Laichgebiet flußabwärts, den Kopf nach vorn gestreckt und das Kreuz herausgedrückt, während Hände, Fortpflanzungsorgane und Füße auf dem Flußbett schleifen. Besonders gern bleibt er in den Wasserpflanzen hängen, wo er stundenlang rauf- und runterschaukelt. Das Weibchen schwimmt gleichfalls stromabwärts, Bauch in die Höh, Kopf und Beine sind hingegen zurückgebogen.  - Alfred Jarry, Die grüne Kerze. Spekulationen. Frankfurt am Main 1993

 

Ertrinken Tote

 

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Wasserleiche
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