Ergießung  Mit einem Ruck saß ich aufrecht und spähte ins Freie. Die Weiden, hin und her geschüttelt von der Willkür des Winds, schwankten ungestüm, doch unser kleines grünes Zelt stand wohlgeborgen in seiner Mulde, denn es bot den darüber hinbrausenden Windstößen eine zu geringe Angriffsfläche, als daß sie es hätten einreihen können. Dennoch wurde ich meine Bangigkeit nicht los, und so stahl ich mich ins Freie, um nachzusehen, ob unsre Habseligkeiten noch an Ort und Stelle wären. Um den Gefährten nicht zu wecken, bewegte ich mich äußerst vorsichtig. Eine kuriose Erregung hatte von mir Besitz ergriffen.

Ich war erst halb aus dem Zelt und noch immer auf allen vieren, als ich auch schon gewahrte, daß die Wipfel der Weiden vor mir in dem unablässigen Wogen ihres Laubwerks Figuren vor dem Himmel formten - Gestalten! Fassungslos vor Staunen ließ ich mich auf die Schenkel zurückfallen. Es war unglaublich — und dennoch wahr: unmittelbar vor mir, nur ein wenig weiter oben, zeigten sich unbestimmte Figuren in den Weiden, und die windgepeitschten Zweige schienen sich den Erscheinungen anzupassen, indem sie sich in stetem Wandel zu den monströsesten Umrissen zusammenschlössen, die im Licht des Mondes fortwährend und in größter Schnelligkeit ihre Gestalt wechselten. Das alles spielte sich in einer Entfernung von nicht einmal zwanzig Schritten ab.

Meine erste Regung war, den Freund zu wecken, damit auch er dieses Schauspiel sähe, indes, irgend etwas machte mich zögern, hielt mich davon ab. Vielleicht weil ich plötzlich erkannte, wie wenig mir an einer Erhärtung solcher Vorgänge gelegen war. So verharrte ich in meiner gebückten Haltung und starrte in höchster Verwunderung und mit schmerzenden Augen auf das Geschehen vor mir. Ich war hellwach und erinnere mich noch deutlich, daß ich mir ausdrücklich vorsagte, dies alles sei kein Traum.

Zunächst wurden diese riesigen Gestalten eben noch zwischen den Wipfeln der Weiden sichtbar, waren ungeheuerlich, von bronzener Tönung und bewegten sich völlig unabhängig vom Schwanken des Gezweigs. Ich sah sie in aller Deutlichkeit vor mir und bemerkte erst jetzt, da ich sie mit größerer Kaltblütigkeit betrachtete, daß sie Menschenmaß bei weitem überstiegen, ja daß ihre ganze Erscheinung sie sofort als außermenschliche Wesen kennzeichnete. Ganz gewiß aber waren sie kein Blendwerk, hervorgerufen durch das im Mondlicht schwankende Gezweig. Nein, sie wechselten von sich aus ihre Erscheinung und schwebten empor in ununterbrochenem Strome, bis sie im Dunkel des nächtlichen Himmels verschwanden. Auch hingen sie untereinander zusammen, bildeten eine einzige, große Kolonne, und ich sah, wie ihre Glieder und riesenhaften Leiber sich gegenseitig durchdrangen, ineinander verschmolzen, aufs neue sich teilten und insgesamt einen wogenden Reigen bildeten, der auf und nieder schwang, sich bog und sich emporschraubte im Einklang mit dem konvulsivischen Gewoge des winddurchschüttelten Gezweigs. Es waren nackte, fortwährend ineinander verfließende Formen, die da aus den Büschen sich erhoben, nahezu zwischen den Blättern - und sich in einer lebendigen Säule gen Himmel hoben. Doch war da keinerlei Gesicht, das ich hätte sehen können. Es war eine unablässige, aufwärts strebende Ergießung, ein beständiges Ineinander von kreisender und sich wendender Bewegung, und über all diesen Wesen aus Schatten lag's wie ein stumpfer Schimmer von Bronze.  - Algernon Blackwood, Die Weiden. In: Phantastische Träume. Hg. Franz Rottensteiner (Phantastische Bibliothek 100). Frankfurt am Main 1983

 

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