ntsetzen Es gibt eine Art von sehr dünnem und großflächigem Blech, mittels dessen man an kleinen Theatern den Donner vorzutäuschen pflegt. Sehr viele solcher Bleche, noch dünner und klangfähiger, denke ich mir in regelmäßigen Abständen übereinander angebracht, gleich Blättern eines Buches, die jedoch nicht gepreßt liegen, sondern durch irgendeine Vorrichtung voneinander entfernt gehalten werden.

Auf das oberste Blatt dieses gewaltigen Stoßes hebe ich dich empor, und sowie das Gewicht deines Körpers es berührt, reißt es krachend entzwei. Du stürzt, und stürzt auf das zweite Blatt, das ebenfalls, und mit heftigerem Knalle, zerbirst. Der Sturz trifft auf das dritte, vierte und fünfte Blatt und so fort, und die Steigerung der Fallgeschwindigkeit läßt die Detonationen in einer Beschleunigung aufeinander folgen, die den Eindruck eines an Tempo und Heftigkeit ununterbrochen verstärkten Trommelwirbels erweckt. Immer noch rasender werden Fall und Wirbel, in einen mächtig rollenden Donner sich verwandelnd, bis endlich ein einziger, fürchterlicher Lärm die Grenzen des Bewußtseins sprengt. - (ej2)

Entsetzen (2) So weit ich mich zurückerinnern kann, bin ich wie geboren für Entsetzen und Erschrecken gewesen. Holzscheite lagen weit verstreut, still von der Sonne beschienen, draußen im Hof, nachdem ich vor den amerikanischen Bombem ins Haus getragen worden war. Blutstropfen leuchteten an den seitlichen Haustorstufen, wo an den Wochenenden die Hasen geschlachtet wurden. In einer Dämmerung, um so fürchterlicher, als sie noch immer nicht Nacht war, stolperte ich mit lächerlich baumelnden Armen den schon in sich zusammengesunkenen Wald entlang, aus dem nur die Flechten an den vordersten Baumstämmen noch herausschimmerten, rief ab und zu etwas, indem ich stehenblieb, kläglich leise vor Scham, und brüllte schließlich aus der tiefsten Seele, als ich mich vor Entsetzen schon nicht mehr schämen konnte, in den Wald hinein nach jemandem, den ich liebte und der am Morgen in den Wald gegangen und noch nicht herausgekommen war, und wieder lagen weit verstreut im Hof, auch an den Hausmauern haftend, im Sonnenschein die flaumigen Federn geflüchteter Hühner herum. - Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt am Main 1972

Entsetzen (3) Wenn der Fuß über einen Frosch gleitet, dann empfindet man Ekel; berührt man dagegen den menschlichen Körper nur ganz leicht mit der Hand, dann springt die Haut der Finger auf wie die Schuppen von einem Glimmerblock, den man mit dem Hammer zerschlägt; und wie das Herz eines Hais, der seit einer Stunde tot ist, noch auf der Brücke mit zäher Lebenskraft zuckt, so bewegen sich unsere Eingeweide noch lange nach der Berührung bis in die letzten Fasern. So groß ist das Entsetzen, das der Mensch seinem eigenen Mitmenschen einflößt! - (mal)

Entsetzen (4) Der durch diesen Ausdruck bezeichnete Seelenzustand umfaßt äußerste Furcht und ist in manchen Fällen beinahe synonym mit ihr. So mancher Mensch schon muß vor der glücklichen Entdeckung des Chloroforms beim Gedanken an eine bevorstehende chirurgische Operation Entsetzen empfunden haben. Wer einen Menschen fürchtet, ebenso wenn er ihn haßt, wird, wie Milton das Wort gebraucht, ein Entsetzen vor ihm fühlen. Wir empfinden Entsetzen, wenn wir irgend jemand, beispielsweise ein Kind, einer augenblicklichen zermalmenden Gefahr ausgesetzt sehen. Beinahe ein jeder würde dies selbe Gefühl im höchsten Grade an sich erfahren, wenn er Zeuge davon sein sollte, daß ein Mensch gemartert würde oder gemartert werden sollte. In diesen Fällen ist keine Gefahr für uns selbst vorhanden; aber durch die Kraft der Einbildung und der Sympathie versetzen wir uns selbst in die Lage des Leidenden und empfinden etwas der Furcht Verwandtes.

Sir Ch. Bell bemerkt, daß »das Entsetzen voll von Energie ist; der Körper ist im Zustande äußerster Anspannung, nicht durch Furcht entnervt«. Es ist daher wahrscheinlich, daß das Entsetzen allgemein von einer starken Zusammenziehung der Augenbrauen begleitet sein wird. Da aber die Furcht eines der Elemente ist, so werden die Augen und der Mund geöffnet und die Augenbrauen erhoben sein, soweit die antagonistische Tätigkeit der Augenbrauenrunzler diese Bewegung gestattet. Duchenne hat eine Photographie (Abb. 31) desselben bereits wiederholt erwähnten alten Mannes mitgeteilt, wo die Augen etwas starrend, die Augenbrauen zum Teil erhoben und gleichzeitig stark zusammengezogen, der Mund geöffnet und der Platysma in Tätigkeit gesetzt war, und zwar auch hier wieder alles durch Anwendung des Galvanismus.

Entsetzen Entsetzen

Abb. 31   -     Abb. 32

[Der Holzschnitt links (Abb. 31) wurde nach der Photographie von Dr. Duchenne angefertigt, die rechts daneben (Abb. 32) zu sehen ist. Man beachte, daß die Elektroden fehlen.] - (dar)

Entsetzen (5)  Eine Frau hielt während eines Schiffsunglücks ihr Kind an sich gepreßt, das Wasser stieg bis zu ihren Hüften, in den benachbarten Räumen waren Rettungsmannschaften zu hören. Die Frau hielt das Kind, konzentrierte sich auf die Arme, die das wimmernde Lebewesen hielten, das sich gegen den Griff wehrte. In diesem Augenblick neigte sich der Schiffsleib zur Seite, die Frau, deren Glieder im Eiswasser abgestorben schienen, rutschte und bemerkte, obwohl sie alle Wesenskraft daransetzte, nicht nach einem Halt zu greifen, sondern das Kind festzuhalten, daß sie schon nichts mehr hatte, über das sie willentlich verfügen konnte. Das Bündel verschwand im Wasser, sie wollte nachfassen, langte mit ihren erstorbenen Arme in die Brühe. So suchend, tastend, wurde sie von Rettern gepackt, in Decken gewickelt und in mehreren Etappen zum zuständigen Großklinikum geschafft, wo man die Unterkühlung behandelte. Sie saß auf dem allseitig verstellbaren Bett, den Blick starr, die Arme erhoben. - (klu)

Entsetzen (6)  Ein allgemeines Entsetzen ergreift die in Deutschland zurückgebliebenen Herrscher und ihre hochmütigen, ahnenstolzen Höflinge; das Gewissen derer, die ihre Brüder als Knechte und Lasttiere arbeiten ließen, um aus ihren Händen den schwer erworbenen Gewinn zu erpressen, das Gewissen der Menschenhändler und Menschenhenker ist erwacht; schon glauben sie die Rache mit den Furien auf ihren Fersen folgen zu sehen, schon fliehen sie mit einer Mutlosigkeit, die sie vor jedem Richterstuhl verdammt, in die entlegensten Ecken von Deutschland. Der Bischof von Würzburg, der zu Fulda und das Reichskammergericht zu Wetzlar haben sich Schutzbriefe von dem fränkischen General erbeten; den großen Schatz des Landgrafen von Hessen, der den englischen Sold für das in Amerika vergossene Blut seiner Untertanen erhält, hat man in Eile nach Hannover gebracht, und selbst in Thüringen glaubt man sich vor den furchtbaren Waffen der Republik nicht in Sicherheit. Der Schlupfwinkel ist unbekannt, wo der Kurfürst von Mainz sein Haupt verbirgt, und für uns insbesondere scheint alles, was hier vor kurzem noch glänzte und prahlte, wie ausgestorben zu sein. Was ließ sich anders erwarten? Das Volk, das gemeine Volk, kann ja der Adel, der sich und seine Habe gerettet hat, wohl nur seinem Schicksal überlassen!  - Georg Forster, Darstellung der Revolution in Mainz.  (entst. 1794). In: G. F., Schriften zu Natur, Kunst, Politik. Reinbek bei Hamburg 1971 (rk 540)

Entsetzen (7)  Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft. Du atmest es ein mit Durchsichtigem; in dir aber schlägt es sich nieder, wird hart, nimmt spitze, geometrische Formen an zwischen den Organen; denn alles, was sich an Qual und Grauen begeben hat auf den Richtplätzen, in den Folterstuben, den Tollhäusern, den Operationssälen, unter den Brückenbögen im Nachherbst: alles das ist von einer zähen Unvergänglichkeit, alles das besteht auf sich und hängt, eifersüchtig auf alles Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die Menschen möchten vieles davon vergessen dürfen; ihr Schlaf feilt sanft über solche Furchen im Gehirn, aber Träume drängen ihn ab und ziehen die Zeichnungen nach. Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer Kerze Schein sich auflösen in der Finsternis und trinken, wie gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung. Aber, ach, auf weleher Kante hält sich diese Sicherheit. Nur eine geringste Wendung, und schon wieder steht der Blick über Bekanntes und Freundliches hinaus, und der eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von Grauen. Hüte dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh dich nicht um, ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem Aufsitzen aufsteht wie dein Herr. - Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Fankfurt am Main 2000 (it 2691, zuerst 1910)

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