Entdeckungsreisender Fatimas Kopf ist unbedeckt, die schweren Zöpfe sprießen von ihrem Kopf wie Ableger einer Pflanze. Bis jetzt hat er von ihr nicht ein einziges Haar gesehen - die Augenbrauen vielleicht ausgenommen. „Komm her", sagt sie.

Der Entdeckungsreisende geht zu ihr, macht eine Verbeugung und überlegt sich krampfhaft eine kluge Bemerkung. Sie klopft auf das Kissen. „Hierher!" winkt sie ihm. Mungo zuckt die Achseln. Dann erklimmt er das Kissen und versinkt in seiner Massigkeit. Die Alte ist nicht mehr zu sehen. Auch von den Pluderhosenmädchen keine Spur. Ihm fällt auf, daß er noch nie zuvor mit der Königin allein gewesen ist. Doch jetzt beginnt das Kissen zu beben, es schwankt Über die ganze Länge wie das Meer im Wind. Er blickt auf. Die Königin zieht sich die jubbah über den Kopf, grunzt dabei leise, während sie sich mit den herumfliegenden Stoffbahnen abmüht. Unter der jubbah: nacktes Fleisch. Der Entdeckungsreisende begreift langsam.

„Hilf mir", stöhnt sie, weil ihr Umhang an Kopf und Oberkörper verhakt ist. Mungo beugt sich vor und packt das obere Ende des gewaltigen Kleidungsstücks, er denkt an Bettlaken und Fahnentücher und Zirkuszelte. Er zerrt und keucht. Seine Arme bewegen sich unter dem Stoff wie Katzen im Sack, sie holt Luft, und dann purzeln plötzlich ihre Brüste hervor, sie wackeln mächtig von der Erschütterung, kolossale Kugeln, himmlische Hemisphären. Sie bleiben über den vielfachen Falten ihres Bauches liegen wie die Zwillingsmonde des Mars. Der Entdeckungsreisende wird plötzlich von Eile und Drang gepackt. Mit aller Fleischfresser-Energie, die er aufbringen kann, reißt er an dem widerspenstigen Tuch, atmet geräuschvoll und heftig dabei, bis endlich die ganze jubbah nachgibt wie ein Stück Papier. Er taumelt nach hinten, und da ist sie — die Königin - nackt und unausweichlich wie die große weite unergründliche See. „Yudhkul", wispert sie. „Yudhkul alaiha".

Er wirft die Stiefel von sich, fummelt an Knöpfen, reißt sich die jubbah vom Leib. Feucht und massig erwartet sie ihn mit glänzenden Augen und dem heruntergezogenen Schleier, ihre Haut schwelt wie der Vesuv. Er keucht vor Hast und Erwartung. Es ist ein Traum, ein Fieberanfall; kein gewöhnlicher Sterblicher könnte diesem gewaltigen Gefühl nahekommen! Er erklimmt sie, sucht mit den Füßen nach Halt — soviel Terrain zum Erforschen: Gebirge, Täler und Spalten, neue Kontinente, uralte Flüsse.  - T. Coraghessan Boyle, Wassermusik. Reinbek bei Hamburg 1990

 

Entdeckung

 

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Forschungsreisender