ngelszungen  Auf einmal, nach der Plattenwechselpause, die, mitsamt ihren Geräuschen — dem Klicken, dem Suchsurren, hinwärts und herwärts durch den Gerätbauch, dem Schnappen, dem Einrasten, dem Knistern vor dem ersten Takt —, gleichsam zum Wesen der Jukebox gehörte, scholl von dort aus der Tiefe eine Musik, bei der er zum ersten Mal im Leben, und später nur noch in den Augenblicken der Liebe, das erfuhr, was in der Fachsprache »Levitation« heißt, und das er selber mehr als ein Vierteljahrhundert später wie nennen sollte: »Auffahrt«? »Entgrenzung«? »Weltwerdung«? Oder so: »Das — dieses Lied, dieser Klang — bin jetzt ich; mit diesen Stimmen, diesen Harmonien bin ich, wie noch nie im Leben, der geworden, der ich bin; wie dieser Gesang ist, so bin ich, ganz!«? (Wie üblich gab es dazu eine Redensart, aber, wie üblich, entsprach sie nicht ganz: »Er ging in der Musik auf«.) Ohne zunächst wissen zu wollen, wer die Gruppe war, deren Stimmen, getragen von den Gitarren, gleichermaßen einzeln, durcheinander und endlich unisono erbrausten — er hatte in den Jukeboxen bisher die Allein-Sänger bevorzugt —, staunte er einfach. Auch in den folgenden Wochen, da er täglich für Stunden in das Lokal kam, um in diesem großen, dabei so leichtsinnigen Schall zu sitzen, den er sich von den anderen Gästen bieten ließ, verharrte er in einem Staunen, das keine Namens-Neugier kannte. (Unversehens war die Musicbox der Mittelpunkt der »Parkstube« geworden, wo sonst mehr die Gestelle der Zeitungshalter klapperten, und als Platten folgten aufeinander in einem fort nur die paar jener Gruppe Namenlos.) Als er dann aber bei seinem selten gewordenen Radiohören einmal erfuhr, wie der Chor der frechen Engelszungen hieß, die mit ihrem mir nichts, dir nichts hinausgeschmetterten »I want to hold your hand«, »Love me do«, »Roll over Beethoven« alles Gewicht der Welt von ihm nahmen, wurden das die ersten sozusagen »unernsten« Platten, die er sich kaufte (er kaufte in der Folge fast nur noch solche), und war dann in dem Säulen-Café er es, der solange die Tasten für »I saw her standing there« (eben an der Jukebox) und »Things we said today« drückte (inzwischen blind, die Zahlen und Buchstaben besser im Kopf als die Gesetzestexte), bis da eines Tages die falschen Lieder, die lügnerischen Stimmen losschnickschnackten: man hatte das alte Schild stehenlassen und den »aktuellen Hit«, deutschsprachig, untergeschoben... Und heute noch dachte er, das Anfänger-Schallen der Beatles im Ohr, aus jener von Parkbäumen umstandenen Wurlitzer: Wann würde je wieder solch eine Anmut in die Welt treten? - Peter Handke, Versuch über die Jukebox. Frankfurt am Main 1990

Engelszungen (2)  immer wieder will ich IHM was sagen was zeigen IHN etwas fragen, verbringe die meiste Zeit alleine an meinem Schreibtisch, mit meinen Geistern, am meisten gegen den Strom. EJ sagt, er habe während seines Aufenthaltes in dem anderen Bereich beobachtet, wie sich die Engel gegenseitig die Zunge herausstreckten.

- Friederike Mayröcker, Die kommunizierenden Gefäße. Frankfurt am Main 2003 (es 2444)

Engelszungen (3)  Wie  die Engel sprechen, ist uns verborgen, so gut als sie selbst. Wir bedürfen bekanntlich zum Sprechen der Zunge nebst den übrigen Sprachwerkzeugen, als Gaumen, Lippen, Zähne, Kehle, Lunge, Luftröhre und Brustmuskeln, welche die Grundkraft ihrer Bewegung von der Seele erhalten. Wenn jemand von der Ferne mit einem anderen redet, so muß er seine Stimme verstärken, während er in der nächsten Nähe dem, welchem er etwas sagen will, es ins Ohr flüstern kann, und wenn er den Hauch seiner Worte noch enger mit dem Hörenden vereinigen könnte, so würde die Rede gar keines Schalles mehr bedürfen, sondern ohne Geräusch in den Hörenden einströmen, wie das Bild ins Auge oder in einen Spiegel fällt. Auf diese Art reden die von dem Körper befreiten Seelen, die Engel und Dämonen, und was der Mensch mit hörbarer Stimme bewirkt, das bewirken sie, indem sie denen, mit welchen sie sprechen, nur den Sinn der Rede eingeben, auf eine vollkommenere Weise, als wenn sie sich durch hörbare Laute ausdrücken würden. So sagen die Platoniker, daß Sokrates seinen Dämon nur durch das Gefühl, aber nicht durch das Gefühl dieses Körpers, sondern des in diesem verborgenen, ätherischen vernommen habe, auf welche Weise, wie Avicenna glaubt, auch die Engel von den Propheten gewöhnlich gesehen und gehört wurden. Dieses Werkzeug nun, von welcher Art auch die Kraft sein mag, durch welche ein Geist einem anderen oder einem Menschen seine Gedanken mitteilt, wird von dem Apostel Paulus Engelzunge genannt. - (nett)
 
Engel Zunge
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