lysium  Wir wurden in die Stadt geführt, und zur Tafel der Seligen gezogen. Diese ganze Stadt ist von gediegenem Golde, und ihre Ringmauren von Smaragden. Jede ihrer sieben Thore ist aus einem einzigen Zimmtbaum gearbeitet; der ganze Boden der Stadt, und das Pflaster aller Plätze und Gassen in derselben, ist von Elfenbein; die Tempel aller Götter sind aus Quaderstücken von Beryll erbaut, und die Hochaltäre, worauf die Hekatomben geopfert werden, aus einem einzigen Amethyst. Rings um die Stadt fließt ein Strom des schönsten Rosenöhls, hundert königliche Ellen breit, und tief genug um bequem darin schwimmen zu können. Ihre Bäder sind herrliche Gebäude von Crystallglase; sie werden mit Zimmt geheizt, und statt gemeinen Wassers werden die Badewannen mit warmem Thau gefüllt.

Ihre gewöhnliche Kleider sind sehr feine purpurfarbe Spinneweben. Sie selbst aber haben keine eigentliche Körper, (denn sie sind untastbar und ohne Fleisch und Bein) sondern nur die Gestalt und Idee davon; und demungeachtet gehen und stehen sie, haben alle ihre Sinnen, und reden wie andre Menschen. Kurz, ihre Seele scheint eigentlich nackend einherzugehen, und bloß den Schein eines Leibes um sich geworfen zu haben, man könnte sie mit aufgerichteten Schatten vergleichen, die, anstatt schwarz zu seyn, die natürliche Farbe ihres Körpers hätten; und man muß sie betasten wollen um sich zu überzeugen, daß das, was man sieht, kein Körper sey.

Niemand wird hier älter, sondern er bleibt unveränderlich wie er hieher gekommen. Überdieß giebt es hier weder was wir Nacht, noch was wir eigentlich Tag nennen; sondern es wird nie heller noch dunkler als unsre Dämmerung vor Sonnenaufgang ist. Auch kennen sie nur Eine Jahreszeit; denn es ist bey ihnen immer Frühling und Zephyr der einzige Wind, der hier weht.

Das Land ist daher immer grün, und mit allen Arten von Blumen sowohl, als von zahmen und schattichten Bäumen besetzt. Ihre Weinreben tragen zwölfmal des Jahres; ja die Pfersich- und Äpfelbäume und alle Obstbäume überhaupt sollen sogar dreyzehn mal, nehmlich in dem Monat den sie nach dem Minos benennen, zweymal, Früchte bringen. Anstatt des Weizens treiben ihre Ähren kleine Brödtchen, wie Schwämme, aus ihren Spitzen hervor. Rings um die Stadt sind dreyhundert und fünf und sechzig Quellen mit Wasser, eben so viele mit Honig, fünfzig etwas kleinere mit wohlriechenden Essenzen und Öhlen; und überdieß sieben Flüsse mit Milch und achte mit Wein.

Der Ort wo sie beysammen speisen, liegt ausserhalb der Stadt in dem sogenannten Elysischen Gefilde: es ist eine wunderschöne Wiese, ringsum mit einem dichten Wald von allerley hohen Bäumen umgeben, die ihren Schatten auf die zu Tische liegenden werfen. Sie liegen statt der Decken auf Blumen, und werden von Zephyren bedient, die ihnen alles bringen was sie verlangen, ausser daß sie ihnen keinen Wein einschenken. Die Ursache hievon ist, weil, dicht an dem Platze wo sie speisen, große gläserne Bäume vom reinsten durchsichtigsten Glase stehen, die, statt der Früchte, Trinkgefäße von allen Formen und Größen tragen. Wenn nun einer zum essen kommt, so bricht er sich ein oder zwey Trinkgläser ab, und stellt sie vor sich hin; sogleich füllen sie sich mit Wein, und er trinkt nach Belieben. Sie tragen keine Kränze, sondern ganze Schaaren von Nachtigallen und andern Singvögeln holen Blumen aus den benachbarten Wiesen, und lassen sie auf sie herab schneyen, indem sie singend über ihren Häuptern herumßiegen. Sie haben auch eine ganz eigene Art sich zu parfümieren: gewisse schwammartige Wolken nehmlich saugen die wohlriechenden Essenzen aus den Flüssen ein; wenn sie voll sind, treibt sie ein leichter Wind dem offnen Speisesaal zu, und drückt sie sanft zusammen, da sie dann ihren Balsam wie einen zarten Thau oder Staubregen herabträufeln. Während der Tafel erlustigen sie sich mit Musik und Gesang. Am liebsten singen sie Homers Gedichte, und er ist selbst da und hat seinen Platz über dem Ulysses. Sie haben Chöre von Knaben und Mädchen, denen Eunomus von Lokri, Arion von Lesbos, Anakreon und Stesichorus vorsingen; denn auch den letztern fand ich hier, weil er sich mit Helenen wieder ausgesöhnt hatte. Wenn diese zu singen aufhören, folgt ein zweyter Chor von Schwänen, Schwalben und Nachtigallen; und, wenn auch diese fertig sind, fängt der ganze Hayn, von Abendlüften angeblasen, zu flöten an. Aber was am meisten zu der Fröhlichkeit, die an ihrer Tafel herrschet, beyträgt, sind die zwey Quellen der Wollust und des Lachens, die neben derselben springen. Jeder trinkt zu Anfang der Mahlzeit aus einer von beyden, und so bringen sie dann die ganze Zeit derselben fröhlich und lachend hin. - (luege)

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