infalt    Eine Hauptregel für Schriftsteller, zumal solche, die ihre eigene Empfindungen beschreiben wollen, ist: Ja nicht zu glauben, daß, weil sie solches tun, dieses bei ihnen eine besondere Anlage der Natur dazu anzeige. Andere können dieses vielleicht ebensogut als du. Sie machen nur kein Geschäfte daraus, weil es ihnen einfältig vorkommt solche Dinge bekannt zu machen.   - (licht)

  Einfalt (2)  Er sah erbärmlich mitgenommen, elend und trübselig aus. Man hätte ihn für geistesgestört halten können, wäre nicht dieser unauslöschliche Ausdruck der Biederkeit in seinen blauen Augen gewesen, deren unglücklicher, müder Blick immer wieder die aufgegebene, sinkende Brigg suchte, als könne er keinen andern Ruhepunkt finden. Dieser Kapitän hatte ein viel zu einfältiges Gemüt, um den Verstand zu verlieren, er hatte jene männliche Einfalt, die allein imstande ist, einen Mann unversehrt an Geist und Körper den Zweikampf mit dem tödlichen Mutwillen der See oder ihrer weniger boshaften Raserei bestehen zu lassen. - (con)

 Einfalt (3)   Ihr seid sicher schon einmal einem dieser armen Einfältigen begegnet, die der Priester mit Hasenschmalz getauft hat und die nichts können als an den Türen stehen und betteln. Sie sind wie Kälber, die den Weg zu ihrem Stalle verloren haben. Sie schauen sich nach allen Seiten mit großen Augen und offenem Maule um, als ob sie etwas suchten, aber was sie suchen, das ist in diesem Lande nicht so gemein, daß man es auf den Landstraßen findet: es ist nämlich der Verstand. Pcron-nik war einer von diesen armen Schelmen, die anstatt auf Vater und Mutter auf die Mildtätigkeit ihrer Brüder in Christo angewiesen sind. Er ging immer der Nase nach und wußte nicht, wohin. Wenn ihn dürstete, trank er aus den Quellen, und wenn ihn hungerte, so erbettelte er von den Frauen, die auf den Türschwcllen standen, die Abfallkrusten. Wollte er schlafen, so suchte er sich einen Heuschober und grub sich hinein wie eine Eidechse.

Übrigens war Peronnik für seine Verhältnisse nicht schlecht gekleidet. Er hatte eine Leinenhose, der nichts als der Boden fehlte, eine Weste mit einem Ärmel und die Hälfte einer Mütze, die einst neu gewesen war. Daher sang Peronnik aus Herzensgründe, sooft er satt war, und dankte morgens und abends Gott, der ihm so viele Geschenke gab, ohne dazu verpflichtet zu sein.

Ein Handwerk hatte Peronnik nie gelernt, aber er war in vielerlei Dingen geschickt. Er aß so viel, als man verlangte, er schlief länger als irgend jemand und ahmte mit seiner Zunge den Gesang der Lerchen nach. Heute gibt es mehr als einen im Lande, der solches nicht nachmachen könnte.  - Bretonische Märchen. Hg. und Übs. Ré Soupault. Reinbek bei Hamburg 1997  (Diederichs Märchen der Weltliteratur)

Einfalt (4)  Der unbestechliche Professor ging dahin und wandte die Augen von der verhaßten Menge. Er hatte keine Zukunft. Er verschmähte sie. Er war eine Kraft. In Gedanken hätschelte er Bilder von Verderben und Zerstörung. Er ging dahin, zierlich, unscheinbar, schäbig, unglücklich und furchtbar in seiner Einfalt, die ihn bestimmte, zur Erneuerung der Welt Irrsinn und Verzweiflung herbeizurufen. Niemand sah ihn an. Unbeargwöhnt und todbringend wie die Pest schritt er durch das Menschengewühl der Straße.  - Joseph Conrad, Der Geheimagent. Frankfurt am Main 1972  (zuerst 1907)

 

Einfachheit Naivität

 

  Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme