Dünung  Die See war an diesem Tage weder zornig noch mutwillig noch heiter. Wie in einem Traum von unendlich zärtlicher Güte umfing sie, halb verborgen im lichten Dunst, unser fernes Schiff, das im Näherkommen immer größer wurde, unsere Boote mit den geretteten Leuten und den entmasteten Rumpf der Brigg, den wir hinter uns ließen, in einer einzigen sanften Umarmung friedlicher Stille. Auf ihrem Antlitz war keine Runzel und keine Falte und nicht die leiseste Kräuselung zu sehen. Und die leichte Dünung verlief so glatt wie ein anmutig wogendes Stück schimmernder grauer Seide, das mit grün glitzerndem Glanz durchsetzt ist. Wir pullten im gemächlichen Schlag weiter, aber als der Kapitän der Brigg nach einem kurzen Blick über die Schulter mit einem leisen Ausruf aufstand, hörten meine Leute ohne Befehl unwillkürlich auf zu pullen, und das Boot verlor seine Fahrt.

Er stützte sich mit einem harten Griff auf meine Schulter, während sein anderer Arm starr ausgestreckt anklagend in die unermeßliche Stille des Ozeans wies. Nach seinem ersten Ausruf, der den Schwung unserer Riemen abstoppte, gab er keinen Laut mehr von sich, aber seine ganze Haltung war ein empörter Aufschrei: »Seht dort!« ... Ich konnte mir nicht vorstellen, was für eine Vision des Bösen über ihn gekommen war. Ich war erschrocken, und die bestürzende Kraft, die aus seiner unbewegten Gebärde sprach, ließ mein Herz in der Ahnung, daß uns etwas Ungeheuerliches und Unerwartetes bevorstand, schneller schlagen. Die Stille um uns wurde erdrückend. Einen Augenblick lang glitten die seidenglatten Dünungswellen arglos weiter. Ich sah jede einzelne von ihnen am dunstigen Horizont weit, weit jenseits der verlassenen Brigg heraufkommen und im nächsten Augenblick mit einem leichten, freundlichen Stoß gegen das Boot unter uns durchlaufen und weiterziehen. Der einschläfernde Rhythmus des Steigens und Fallens, die gleichbleibende Sanftheit dieser unwiderstehlichen Kraft, der großartige Zauber der unergründlichen See erfüllten mich, wie das feine Gift eines Liebestranks, mit einem herrlichen Gefühl. Aber es hielt nur wenige beruhigende Sekunden an, dann sprang auch ich auf und brachte das Boot wie die reinste Landratte ins Schlingern.

Etwas Erschreckendes, Geheimnisvolles, bestürzend Verwirrendes spielte sich jetzt ab. Ich beobachtete es voll Unglauben und von Entsetzen gepackt, wie man die undeutlichen, flüchtigen Bewegungen einer Gewalttat im Dunkeln verfolgt. Wie auf ein verabredetes Zeichen kam plötzlich die Dünung rund um die Brigg zum Stillstand. Durch eine seltsame optische Täuschung schien sich der ganze Ozean mit einem einzigen überwältigenden Anschwellen seiner seidenglatten Oberfläche über die Brigg zu erheben, worauf sich an dieser Stelle wildschäumende Gischt verbreitete. Dann verebbte der Aufruhr wieder. Alles war vorbei, und die glatten Dünungswellen kamen wie vorher in ununterbrochenem Rhythmus vom fernen Horizont auf und liefen mit einem leichten freundlichen Schütteln unseres Bootes unter uns vorbei. Weitab, dort wo die Brigg gelegen hatte, war auf dem stahlgrauen, mit grünen Strahlen durchsetzten Wasser nur noch ein aufgewühlter, weißer Fleck zu  sehen, der allmählich kleiner werdend, wie ein Rest reinen Schnees lautlos in der Sonne schmolz. Und die große Stille nach dieser ersten Einführung in den unversöhnlichen Haß der See war wie geschwängert mit entsetzten Gedanken und den Schatten kommender Katastrophen.   - (con)

 

Seegang

 

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