Dompteur  Was ging mit dem Löwen vor? Er war im Sprung — im Sprung auf den Affen. Der Affe aber war nicbt mehr da. Er sah sich der Gefahr einer unendlichen Blamage ausgesetzt. Nichts ist für ein Raubtier beschämender als der mißglückte Ansprung, — der Wurf der ausgespreizten Tatzen ins Leere. Da sagte sich der Löwe blitzschnell in äußerster Verlegenheit: „Du mußt, du mu#t irgend etwas verschlucken!" warf sich, noch in der Flugbahn, mit einer fabelhaften Schnellung halb um die eigene Achse fand sich dem Dompteur gegenüber und verschlang ihn sorgsam. Er tat es aus reinem Pflichtgefühl und aus einem falschen Ehrbegriff, der ihm noch von der Wüste her anhaftete, als es in der Tat erniedrigend war, neben statt auf der Antilope zu landen. Und weil er dumm war, bedachte er nicht das Objekt, mit dem er seinen Diensteifer sättigte. So verschlang er den eigenen Herrn, dem zuliebe er sich genötigt gesehen hatte, überhaupt etwas zu verschlingen. Es verschlangen sich hier vielleicht Subjekt und Objekt in Einem, denn der Löwe seinerseits war nichts als Objekt des Dompteurs, der ihn — bildlich gesprochen — täglich und immer beherrschend verschlang.

Ware die Prinzessin philosophisch gebildeter gewesen, so hätte sie sich sagen können, daß in dieser Konstellation Löwe-Dompteur ihr Wunsch nach einer gegenseitigen Verschluckung vielleicht sozusagen in Erfüllung gegangen sei. So aber lachte sie nur herzlich, weil ihre Erzieherin den AffenschwaSz krampfhaft festhielt und sich die falschen Haarever-gebens vom Kopfe kratzte, denn das Pinseläffchen kitzelte sie innen.

Nun aber Professor Lautenschlag! Er besah sich die Katastrophe und meinte, man müsse sich vor allem mit dem Tierbändiger m Verbindung setzen, um den Status quo ante wieder zu schaffen. Man müsse auf radiotelegraphischem Wege oder sonstwie in Konnex kommen.

Der Löwe verhielt sich sehr brav. Allmählich schien es ihm zu dämmern, dal? er da etwas verkehrt gemacht hatte.

Die Anwesenden, die den König der Wüste nun schrankenlos glaubten,weil der Dompteur verschluckt war, hatten zuerst ein wenig Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge. Aber es zeigte sich, daß der Bändiger das Tier von innen heraus ganz in der Hand hielt. Er hatte den einen Fuß mit dem Lackstiefel im Munde des Löwen belassen, hatte das Bein nicht nachgezogen in den Magen, — und zwang so sein Geschöpf zu einer unnatürlich geraden Haltung, zu einer Art Strammstehen, wodurch im Raubtier das Gefühl der eigenen völligen Minderwertigkeit und Unterlegenheit erhalten blieb.

Umständliche Verbindungen mit dem Dompteur herzustellen, wie Professor Lautenschlag geplant hatte, zeigte sich als unnötig, denn der Dompteur klopfte mit dem Finger gegen die Löwenbauchwand — es scholl weich und friedlich — und ließ seine Stimme hören, die vorerst allerdings erstickt und unverständlich blieb.

Deshalb entschloß sich Professor Lautenschlag, der überhaupt die weiteren Verhandlungen führte, mit großer Kaltblütigkeit und Aufopferung, sein Ohr an den zottigen Leib des Tieres zu legen und hineinzu-horchen. „Hier Lautenschlag," sagte er und  pochte kurz gegen den Löwenbauch. Dieser professorale Finger aber schien den Löwen zu kitzeln, denn er bat durch einen Prankenhieb, solches ferner zu unterlassen, Immerhin waren die Worte des Dompteurs nun für Lautenschlag verständlich und er übermittelte sie den Anwesenden: Der Verschlungene sei so weit wohlauf, der Aufenthalt im Magen sei passabel; gut sei, dalß er den Löwen heute noch nicht gefüttert habe; nur geringe Reste von Hagebuttenmark und Zwiebackmansch bereiteten daher wenig Belästigung.    - Alexander Moritz Frey, Dressur. In: A. M. F., Der unheimliche Abend. München 1923

 

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