andy   Hier nun erscheint eine elegant gekleidete, törichte Gestalt, von deren Rock Lord Byron einmal bemerkte: »Man hätte fast meinen können, daß der Körper dachte.« Es ist der prachtvolle und bewunderte Freund des Prinzregenten, Enkel eines Pförtners der Schatzkammer und, wie einige behaupten, Sohn eines Pastetenbäckers. Eine ähnlich prächtige Persönlichkeit hält seinen Wagen an, um mit diesem Schatten, der die Mode vorhersagt, zu plaudern und fragt:

»Brummell, wo haben Sie gestern diniert?« »Diniert — nun, mit einem Menschen namens R.—, ich nehme an, er will meine Aufmerksamkeit auf sich lenken, daher das Diner; aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er wollte, daß ich die Party selbst arrangiere, also habe ich Alvanley,  Mills, Pierrepoint und noch ein paar andere eingeladen, und ich versichere Ihnen, die Sache ging ganz einzigartig aus; es gab alle Erlesenheiten der Saison und darüher hinaus; der Champagner war köstlich, und kein Wunsch blieb unerfüllt; aber, mein lieber Freund, stellen Sie sich mein Erstaunen vor, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß dieser Mr. R. - die Kühnheit hatte, sich hinzusetzen und mit uns zu dinieren.«

An diesem Punkt der Geschichte trat ein erfolgreicher Geschäftsmann näher und bat um die Ehre von Beau Brummells Gesellschaft beim Diner, woraufhin dieser lachend erwiderte: »Mit Vergnügen, wenn Sie versprechen, es nicht weiterzusagen.« - Aus: Edith Sitwell, Englische Exzentriker. Berlin 2000 (Wagenbach Salto 93, orig, 1933)

Dandy (2) In einem kleinen Hinterzimmer einer Pension in Caen wurde der Whist-Tisch aufgestellt, Kerzen wurden angezündet, und der Pensionsdiener öffnete die Tür und kündigte die Namen derer an, die seit gut fünfunddreißig Jahren oder länger tot waren oder Beau Brummell in den Tagen seiner Armut verlassen hatten. Dann versuchte der gelähmte alte Mann im Sessel neben dem schwachen Feuer die Tür zu erreichen, um seine Gäste zu begrüßen. »Seine Königliche Hoheit der Prinzregent«, kündigte der Diener an, und ein kalter kleiner Luftzug drang aus dem dunklen Korridor herein. »Die Duchess of Devonshire«, der »Duke of Beaufort«, »Lady Jersey«, »Madame de Mangrattan«. »Ach, meine liebe Herzogin«, stieß eine keu-chende Stimme hervor, die nur mit Mühe durch den gelähmten Kiefer drang, »wie erfreut bin ich, Sie zu sehen ... und so liebenswürdig von Ihnen — trotz der kurzfristigen Nachricht. Ich bitte Sie, kuscheln Sie sich in den Lehnsessel; wissen Sie, er ist ein Geschenk der Duchess of York, einer sehr guten Freundin von mir; aber die Arme ist jetzt tot.« Und seine leeren Augen füllten sich mit Tränen. Da saß er nun und unterhielt sich in seiner schaurigen Stimme mit diesen Gespenstern, bis um zehn Uhr der Diener kam, die Wagen ankündigte und der alte Mann wieder allein war.

Sein Zustand wurde immer furchtbarer, immer bedrückender. Schließlich waren seine Eingeweide gelähmt, und er hatte seine körperlichen Funktionen nicht mehr unter Kontrolle. Es war unmöglich, ihn sauber zu halten, und sein Elend wurde noch dadurch vergrößert, daß Wärme jetzt sein einziger Trost, sein einziges Behagen war und seine monatliche Pension nicht für genügend Heizmaterial reichte.

Schließlich wurde — ohne sein Wissen — beschlossen, daß die guten und mildtätigen Nonnen des ›Bon Sauveur‹ ihn in ihre Obhut nehmen sollten: Dort erwartete ihn jede Bequemlichkeit und ein Sessel vor einem lodernden Feuer. Aber als sein Freund, Mr. Armstrong, der Diener und der Hauswirt in sein Zimmer kamen, um ihn zum Wagen zu führen, vermochte nichts ihn dazu zu bringen, mitzugehen. Er fuhr sich immer wieder über seine Perücke und brach immer aufs neue in die Worte aus: »Laissez-moi tranquille.« Schließlich gelang es den drei Männern, ein endgültig zusammengebrochenes und gelähmtes Skelett durch das enge Treppenhaus zu tragen, während das Haus von den schrecklichen grellen Schreien einer Stimme widerhallte, die nichts mehr war als eine in das Grab dieser nutzlosen Kiefer eingeschlossene Erinnerung. »Ihr bringt mich ins Gefängnis. Laßt mich los, ihr Schufte, ich schulde niemand etwas.« Die Tür öffnete sich und schloß sich wieder und ein letztes zerbrochenes Kreischen drang hinaus: »Ich schulde niemand etwas!« - Aus: Edith Sitwell, Englische Exzentriker. Berlin 2000 (Wagenbach Salto 93, orig, 1933)

Dandy (3) George Brummell, auch als Beau Brummell bekannt, erregte Ende des 18. Jahrhunderts große Aufmerksamkeit: Seine Erscheinung war von überlegener Eleganz, er popularisierte den Schnallenschuh (was bald alle anderen Dandys nachmachten), und er wußte seine Worte äußerst geschickt zu wählen. Sein Londoner Haus war bald der elegante Treffpunkt der Stadt, und Brummell war in allen Modefragen die Autorität. Wenn er das Schuhwerk eines anderen nicht mochte, warf dieser es sofort weg und kaufte sich, was immer er trug. Die Kunst, eine Krawatte zu binden, trieb er zur Perfektion: Lord Byron soll viele Nächte vor einem Spiegel verbracht haben, um hinter das Geheimnis von Brummells perfekten Knoten zu kommen. Einer von Brummells größten Verehrern war der Prinz von Wales, der sich für einen sehr eleganten jungen Mann hielt. Nachdem er am Hof des Prinzen verkehrte (und Geld aus der königlichen Schatulle bekam), war sich Brummell seiner eigenen Autorität bald so sicher, daß er anfing, Witzchen über das Gewicht des Prinzen zu machen und seinen Gastgeber als »Big Ben« zu bezeichnen. Da ein Dandy unbedingt über eine schmucke Figur verfügen mußte, war das eine vernichtende Kritik. Als bei einem Dinner einmal die Dienstboten zu langsam waren, sagte Brummell zum Prinzen: »Nun läute doch, Big Ben.« Der Prinz läutete, doch als der Diener eintrat, befahl er ihm, Brummell die Tür zu zeigen, und er ließ ihn niemals wieder vor.  - (macht)

Dandy (4) Man hatte ihn in den Geldnöten, die zum Ende führten, eine nicht unerhebliche Summe von jemand borgen sehn, der zu den Dandies gezählt werden wollte und an dem Mann, in dem sie ihren Meister sahen, sich eine Stütze zu schaffen dachte. Da er später inmitten eines großen Kreises sein Geld zurückverlangte, hatte Brummell dem unbequemen Gläubiger in aller Ruhe zur Antwort gegeben, er wäre schon bezahlt. »Bezahlt? Wann?« hatte der andre verdutzt gefragt, und Brummell hatte in seiner unsäglichen Art erwidert: »Damals, als ich vom Fenster des White-Klub Dir beim Vorübergehen zurief: Jemmy, wie gehts?« Eine solche Antwort läßt die Grazie schon in Zynismus umschlagen, und man braucht ihrer nicht eben viele zu hören, um sich der Mühe enthoben zu fühlen, gerecht zu sein.  - Barbey d'Aurevilly, Von Dandytum und von G. Brummell. Nördlingen 1987 (Greno 10/20 7, zuerst ca. 1844)

Dandy (5)  «Leben und Sterben vor einem Spiegel» war, nach Baudelaire, die Losung des Dandys. Sie ist in der Tat widerspruchslos. Der Dandy steht seiner Rolle gemäß in der Opposition. Er bewahrt sich selbst nur in der Herausforderung. Das Geschöpf erhielt bis dahin seinen inneren Zusammenhalt durch den Schöpfer. Vom Augenblick an, da es den Bruch mit ihm vollzieht, ist es dem Augenblick ausgeliefert, den Tagen, die vorübergehen, den widersprüchlichsten Empfindungen. Es muß sich also wieder in die Hand nehmen. Der Dandy sammelt sich selbst, schmiedet sich eine Einheit gerade durch die Kraft seiner Weigerung. Aufgelöst als des Gesetzes beraubte Person, ist er dennoch zusammenhängend als Gestalt. Doch eine Gestalt setzt ein Publikum voraus: der Dandy kann sich nur aufstellen, indem er sich entgegenstellt. Er kann sich seiner Existenz nur versichern, wenn er sie im Gesicht der andern wiederfindet. Die andern sind der Spiegel. - Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Reinbek bei Hamburg  1969 (zuerst 1951)

Dandy (6, diabolischer)

 Dandy, diabolischer

- Beardsley

Dandy (7)

- George Cruikshank

Dandy (8)

- Dolly Sisters

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