oyote  »Was glaubst du, war das für ein Tier, Dona Luz?« fragte ich eine Frau in mittleren Jahren.

»Nur Gott weiß das sicher, aber ich glaube nicht, daß es ein Coyote war. Es gibt Dinge, die Coyoten zu sein scheinen, es aber nicht sind. Rannte der Coyote oder fraß er?« »Er stand die meiste Zeit still, aber als ich ihn zuerst sah, fraß er, glaube ich, etwas.«

»Bist du sicher, daß er nicht etwas in seinem Maul trug?« »Vielleicht tat er's. Aber sag mir, würde das einen Unterschied machen ?«

»Ja, das schon. Wenn er etwas im Maul trug, war er kein Coyote.« »Was war es dann ?« »Es war ein Mann oder eine Frau.« »Wie nennst du solche Leute, Dona Luz ?«

Sie antwortete nicht. Ich fragte sie noch eine Weile, aber ohne Erfolg. Schließlich sagte sie, sie wüßte es nicht. Ich fragte sie, ob solche Leute diableros genannt würden, und sie antwortete, daß »diablero« einer der Namen sei, die man ihnen gäbe.

»Kennst du irgendwelche diableros?« fragte ich. »Ich kannte eine Frau«, antwortete sie. »Sie wurde getötet. Es passierte, als ich ein kleines Mädchen war. Die Frau, sagten sie, verwandelte sich gewöhnlich in eine Hündin. Und eines Nachts ging ein Hund in das Haus eines weißen Mannes, um Käse zu stehlen. Der weiße Mann tötete den Hund mit einem Gewehr, und in dem Moment, als der Hund im Haus des weißen Mannes starb, starb die Frau in ihrer eigenen Hütte. Ihre Verwandten versammelten sich und gingen zu dem weißen Mann und verlangten Wiedergutmachung. Der weiße Mann zahlte gutes Geld dafür, daß er sie getötet hatte.«

»Wie konnten sie Wiedergutmachung verlangen, wenn es nur ein Hund war, den er getötet hatte?«

»Sie sagten, daß der weiße Mann wußte, daß es kein Hund war, weil andere Leute dabei waren, und alle gesehen hatten, wie der Hund sich wie ein Mensch auf seinen Hinterbeinen aufrichtete und nach dem Käse langte, der auf einem unter dem Dach hängenden Brett lag. Die Leute hatten auf den Dieb gewartet, weil der Käse des weißen Mannes jede Nacht gestohlen worden war. Darum tötete der Mann den Dieb und wußte sehr gut, daß es kein Hund war.«

»Gibt es heute noch diableros, Dona Luz ?«

»Solche Dinge sind sehr geheim«.  - Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens. Frankfurt am Main 1980

Coyote (2)  »Weißt du über Kojote Bescheid?«

»Über Kojote weiß ich einiges«, antwortete Chee. Er sah zu Janet hinüber. Sie konzentrierte sich ganz auf Pinto, dem sie aufmerksam zuhörte. Wahrscheinlich fragte sie sich, wohin das alles führen sollte. »Ich kenne seine Tricks. Ich habe viele Geschichten gehört. Wie er die Decke weggerissen und dadurch die Sterne über die Milchstraße verteilt hat. Wie er das Junge des Wasserungeheuers gestohlen hat. Wie er die Schwester des Bären durch eine List dazu gebracht hat, ihn zu heiraten. Wie er...«

Pintos amüsierte Miene brachte ihn zum Schweigen.

»Den Kindern erzählt man lustige Geschichten über Kojote, damit sie keine Angst haben«, sagte der Alte. Dann wurde er plötzlich wieder ernst, lächelte ein verkniffenes kleines Lächeln Und setzte zu der Erklärung an, weshalb Kojote nicht lustig war. Chee, der scheinbar geduldig lauschte, wünschte sich wie schon oft als Zuhörer solcher Geschichtenerzähler, daß die alten Navajos nicht jedes Mal ganz von vorn anfangen müßten

Chee sah wieder zu Janet hinüber. Sie wirkte nachdenklich als frage sie sich, was zum Teufel er von dem Alten zu erfahren hoffe — eine Frage, die er sich allmählich auch stellte. Immerhin konnte sie Chee nicht vorwerfen, daß er etwas Belastendes aus Ashie Pinto herauszuholen versuchte. Es sei denn, der Alte redete lange genug, um auch das zu erzählen, worauf es Chee eigentlich ankam.

Hosteen Pinto sprach jetzt davon, daß Kojote in der Vierten Welt nicht atse'ma'ii oder Erster Kojote, sondern atse'hashkke oder Erster Zorniger geheißen habe — und welche symbolische Bedeutung das in einer im Entstehen begriffenen Gesellschaft, für die Frieden und Eintracht lebenswichtig gewesen seien, gehabt habe. Er schilderte Kojote als Metapher für Chaos im Leben eines hungrigen Volkes, das ohne Ordnung nicht überlebt hätte. Er sprach von Kojote als dem Feind aller Regeln, aller Gesetze und jeglicher Eintracht.

Dann sprach Pinto von Kojotes mythischen Kräften und davon, daß er stets auf der Schwelle des Hogans saß, wenn das Heilige Volk zu Beratungen zusammentrat - einer, der nicht zu den Vertretern kosmischer Macht gehörte, aber auch nicht mit dem draußen lauernden Bösen im Bunde stand. Und zuletzt erwähnte er, daß auch andere weise Menschen - zum Beispiel die Alten in den Kiwa-Gesellschaften der Hopis - von einer Zeit wußten, in der die Menschen zwei Herzen hatten. So waren sie imstande gewesen, von einer Form zur anderen, vom Natürlichen zum Übernatürlichen zu wechseln.

»Dein Onkel hat dir bestimmt erzählt, wie die Skinwalker entstanden sind?« fragte Pinto. Als Chee etwas zweifelnd nickte, fuhr er fort:

»Ihr Ursprung soll auf die Erschaffung der ersten Navajos durch Changing Woman zurückgehen. Aus von ihrer Brust abgeriebener Haut hat sie die Salt People, den Mud Clan, den Bitter Water Clan und die Bead People gemacht. Ich habe von deinem Onkel, von Frank Sam Nakai gehört. Er soll ein großer hataalii sein. Er muß dir davon erzählt haben, wie Kojote First Man in einen Skinwalker verwandelt hat, indem er seine Haut über ihn geblasen hat. Diese Geschichte kennst du? Und wie First Woman nicht mehr mit ihm schlafen wollte, weil er sich wie ein Kojote benommen, nach Kojotenharn gestunken, sich geleckt und all die schmutzigen Dinge getan hat, die Kojoten tun? Und wie das Heilige Volk ihn kuriert hat, indem es ihn durch die Zauberringe gezogen hat, um ihn von seiner Kojotenhaut zu befreien? Hat dein Onkel dich das gelehrt?«

»Einiges davon«, sagte Chee. - Tony Hillerman, Der Kojote wartet. München 1992

Coyote (3)  Nachdem Coyote die Erde geordnet hatte, traf er den Uralten, der auf die Erde gekommen war. »Wer bist du?« fragte er diesen. »Ich bin dein Häuptling, der kommt, dich zu holen, denn deine Aufgabe ist erfüllt.« Doch Coyote wollte ihm nicht glauben und behauptete, daß er viel größere Zaubermacht habe. Und sogleich ließ er einen See von einer Stelle zur anderen laufen. Der Uralte aber sprach: »Gut, nun aber bringe ihn wieder an seinen Platz.« Coyote bemühte sich vergeblich und erkannte, daß er wirklich seinen Meister gefunden hatte. Seitdem ist der Coyote verschwunden, und niemand weiß, wo er ist, denn die Tiere, die heute Coyoten heißen, sehen nur so aus wie Coyote.  - Nordamerikanische Indianermärchen. Hg. Gustav A. Konitzky. Düsseldorf, Köln 1982 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Coyote (4)   Aus dem Lautsprecher drang die Stimme eines alten Mannes, der navajo sprach.

»Sie sagen, daß Kojote lustig ist, das sagen manche dieser Leute, Aber die Alten, die mir die Geschichten erzählt haben, die hielten Kojote nichtför lustig. Kojote hat immer für Streit gesorgt. Er war böse. Er hat Unfrieden gebracht. Er hat Menschen verletzt, manche sogar in den Tod getrieben. So heißt's in den Geschichten, die meine Onkel mir erzählt haben, als ich noch ein kleiner Junge war. Diese Onkel, die haben gesagt...«

Professor ßourebonette stand jetzt neben ihm. Der Lieutenant drückte auf die Stoptastc und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Diese Geschichte hat er für mich erzählt«, erklärte sie ihm. »Ich hatte ihn darum gebeten. Wie weit er wohl gekommen ist?«

»Ashie Pinto? Für Ihr Buch?«

»Nicht direkt. Er hat mir erzählt, er kenne die authentische Originalfassung eines der Kojotemythen. Die Geschichte von den rotgeflügelten Amseln und dem Spiel, das sie mit ihren Augäpfeln spielen. Wie die Vögel sie hochwcrfen und wieder auffangen — und wie Kojote sie dazu zwingt, ihn das Spiel zu lehren.«  - Tony Hillerman, Der Kojote wartet. München 1992

 

Fabeltier Trickster

 

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