Buchbinder  Seine großen, mit Kleister beschmierten Hände, zwei brutale und zynische Furchen um die Nase herum, die sich im Bart verloren, und die waagrechten ordinären Falten auf der niedrigen Stirn zerstörten die erste Illusion sehr schnell. Es war eher ein Buchbinder, Schreier, Versammlungsredner und Parteimensch — ein gewalttätiger Mensch mit dunklen, explosiven Leidenschaften. Und gerade dort, in diesen Abgründen der Leidenschaft, in diesem krampfhaften Sträuben aller Fibern, in dieser wahnsinnigen Furie, die wütend das Ende eines auf sie gerichteten Stockes verbellt, war er ein hundertprozentiger Hund.

Wenn ich über die Rückwand des Altans kletterte, so dachte ich mir, entkäme ich vollständig dem Bereich seiner Wut und könnte auf einem Seitenpfad zum Tor des Sanatoriums gelangen. Ich schwinge schon das Bein über das Geländer, als ich auf einmal in der Bewegung innehalte. Ich fühle, daß es zu grausam wäre, einfach wegzugehen und ihn so einer ratlosen, aus allen Fugen geratenen Wut zu überlassen. Ich stelle mir seine schreckliche Enttäuschung und den unmenschlichen Schmerz vor, den er empfinden müßte, sähe er mich der Falle entweichen und für immer weggehen. Ich bleibe. Ich gehe auf ihn zu und sage mit neutraler, ruhiger Stimme: »Beruhigen Sie sich, ich werde Ihnen die Kette abnehmen.«

Darauf wird sein von Zuckungen durchschnittenes, vom vibrierenden Knurren aufgewühltes Gesicht ganz, es glättet sich, und aus der Tiefe taucht ein schier völlig menschliches Antlitz auf. Ich trete ohne Angst auf ihn zu und löse die Schnalle auf seinem Nacken. Wir gehen jetzt nebeneinander. Der Buchbinder trägt einen ordentlichen schwarzen Anzug, ist aber barfuß. Ich versuche ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, aber aus seinem Mund dringt nur ein unverständliches Lallen. Nur in seinen Augen, in diesen schwarzen, beredten Augen lese ich eine wilde, begeisterte Anhänglichkeit und eine Sympathie, die mich mit Schaudern erfüllt. Manchmal stolpert er über einen Stein, über einen Erdklumpen, und dann zerfällt infolge der Erschütterung sein Gesicht sofort wieder, es bricht, die Bestürzung taucht zur Hälfte auf, bereit zum Sprung, und gleich darauf die Wut, die nur auf den Augenblick wartet, um dieses Gesicht erneut in ein Gewirr zischender Kreuzottern zu verwandeln. Ich rufe ihn dann mit einer rauhen, kollegialen Mahnung zur Ordnung. Ich klopfe ihm sogar auf die Schultern. Und mitunter versucht sich auf seinem Gesicht ein erstauntes, zweifelndes, mißtrauisches Lächeln zu formen. Ach! wie sdiwer lastet diese schreckliche Freundschaft auf mir. Wie mich diese unheimliche Sympathie erschreckt. Wie soll ich diesen Menschen, der neben mir einhergeht und mit dem Blick, der ganzen Inbrunst seiner Hundeseele an meinem Gesicht hangt, loswerden? Ich darf ihm aber nicht meine Ungeduld verraten. Ich ziehe die Brieftasche und sage in sachlichem Ton: »Sie werden bestimmt Geld brauchen, ich kann Ihnen mit Freuden etwas borgen« — doch im gleichen Augenblick nimmt sein Gesicht den Ausdruck einer so schrecklichen Wildheit an, daß ich meine Tasche schnell wieder einstecke. Und noch lange kann er sich nicht beruhigen und seine Gesichtszüge beherrschen, die fortwährend von seinen Heulkrämpfen verzerrt werden.  - Bruno Schulz, Das Sanatorium zur Todesanzeige. In: B. S., Die Zimtläden und alle anderen Erzählungen. München 1966

 

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