runnen In der letzten Nacht träumte mir, ich stände in einem uralten Brunnen von unabsehlicher Tiefe, d. h. oben innerhalb des Geländers, auf einem Balken; dieser Brunnen war aber eigentlich eine Uhr, Räder gingen, wie die grünlichen Wasser flössen, Gewichte stiegen auf und nieder, ich mußte alle Augenblick meinen Platz verändern, wenn ich nicht erquetscht oder in die Tiefe hinabgestoßen werden wollte. Meine Angst stieg von Minute zu Minute, endlich wurde sie so groß, daß ich mich auf die Gefahr des Untergangs hin aus meiner Lage zu befreien suchte, ich wagte einen Sprung und entkam. Nun traf ich Tine, die mir sagte, in dem Brunnen seien fünf alte Kaiser begraben.  - Friedrich Hebbel, nach (je)

Brunnen (2)   Angefangen hat es mit etwas sehr Merkwürdigem, und das wird wahrscheinlich keiner glauben, aber auf dem Grund der Brunnen sind in Flaschen Schriften zu finden. Wer weiß, was das bedeutet, so fragte ich mich, wenn einer seine Flaschenpost in einen Brunnen wirft wie ein Schiffbrüchiger ins Meer; und darauf ist mir noch keine Antwort eingefallen.

Doch in den Ebenen geschieht es nicht selten, so habe ich gehört, daß man in den Brunnen Briefe, Kärtchen, Drohbriefe oder Tintenkleckse in Flaschen eingekorkt findet. Und auch noch viel irrsinnigeres Zeug sieht man auf dem Grund herumschwimmen.

Dieses Phänomen kann man sich nicht erklären; viele glauben sogar, daß das Wasser im Brunnen in Verbindung steht mit der unterirdischen Region, und daß man hier in der Ebene oft Stimmen oder Klagen aus den Brunnen hört, und manchmal meint man auch, es würde einen jemand beim Namen rufen.

Es mag schwer fallen, das zu glauben, auch wenn es allgemein bekannt und ganz gewöhnlich ist; aber hier sagten die Leute, die Stimmen seien wie die Flaschen, und man verstehe die einen nicht und die anderen verstehe man auch nicht. In einem gewissen Sinn könnte es sich um Aberglauben handeln.  - (mond)

Brunnen (3) Die Tote mußte geborgen werden. Ich verseilte den Knecht gründlich um die Leibesmitte, ließ ihn dann mittels der Winde ganz langsam hinunter, sah, wie er im Dunkel versank. Er hielt die Laterne und ein weiteres Seil in den Händen. Bald rief seine Stimme wie aus dem Erdinnern: »Halt!«; und ich sah ihn etwas aus dem Wasser hochziehen, das andere Bein, dann schnürte er beide Füße zusammen und schrie: »Einholen.«

Ich drehte ihn herauf; aber meine Arme fühlten sich an wie zerbrochen, die Muskeln waren kraftlos, ich hatte Angst, die Kurbel könnte meinem Griff entgleiten und der Mann abstürzen. Als sein Kopf am Brunnenrand auftauchte, fragte ich: »Nun?«, so als erwartete ich, daß er mir von der m der Tiefe Nachricht brächte.

Wir stiegen auf die Steinbrüstung, und von beiden Seiten über die Öffnung gebeugt, begannen wir den Körper heraufzuhieven.

Von weitem, hinter der Hauswand hervor, schauten Mutter Lecacheur und Celeste nach uns. Als aus dem Schacht die schwarzen Schuhe und die weißen Strümpfe der Ertrunkenen sichtbar wurden, verschwanden sie.

Sappeur packte die Knöchel, und so wurde die arme keusche Jungfer in der unziemlichsten Haltung aufs Trockene gezogen. Der Kopf sah grausig aus, schwarz und zerschmettert; und ihre langen grauen Haare hingen völlig gelöst, auf ewig entkräuselt, triefend von Morast. Sappeur äußerte in geringschätzigem Ton:

»Junge, Junge, ist die dürre!«

Wir trugen sie in ihre Kammer, und da die beiden Frauen gar nicht erschienen, machte ich mich mit dem Stallknecht an die Leichenwäsche.

Ich wusch ihr trauriges entstelltes Gesicht. Unter meinen Fingern öffnete sich ein Auge halb, das mich mit jenem fahlen, kalten, schaurigen Blick der Toten ansah, der von jenseits des Lebens zu kommen scheint.   - (nov)

Brunnen (4)   Als wir uns angekleidet und wie die Schneider mit untergeschlagenen Beinen hingehockt hatten, um in zwei großen fußlosen Gläsern die abgekühlte Limonade unter uns zu verteilen, da reichte es für jeden von uns - nachdem auch Monsieur Seurel zum Mithalten eingeladen worden war - gerade noch zu einem Schlückchen Schaum, der bloß den Gaumen kitzelte und uns erst recht Durst machte. Da gingen wir einer nach dem andern zum Brunnen, den wir vorher verschmäht hatten, und näherten langsam das Gesicht der Oberfläche des klaren Wassers. Aber nicht alle waren an solche bäurischen Gepflogenheiten gewöhnt. Manche, darunter auch ich, brachten es nicht fertig, auf diese Weise ihren Durst zu löschen. Die einen tranken überhaupt nicht gern Wasser. Andern schnürte die Angst, sie könnten am Ende gar eine Assel verschlucken, die Kehle zu. Wieder andere ließen sich von der durchsichtigen Klarheit des stillen Wassers täuschen und verstanden es nicht genau zu berechnen, wo die Oberfläche anfing, und so tauchten sie, gleichzeitig mit dem Mund, auch noch das halbe Gesicht ins Wasser, so daß ihnen unter prickelndem Jucken beim Atmen das Wasser in die Nase drang und ihnen glühendheiß schien... Noch andere brachten es aus allen diesen Gründen aufs Mal nicht zustande... Was tat's? Uns wollte es an den dürren, kahlen Ufern des Cher scheinen, als sei sämtliche irdische Kühle an diesem Orte eingeschlossen.  - Henri Alain-Fournier, Der große Meaulnes. Zürich 2003 (zuerst 1913)

Brunnen (5)

Brunnen (6)

- N. N.

Fallen Wasser
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