rüderlichkeit  Ist der Inzest gefährlich? Nein, zweifellos nicht; er lockert die Familienbande und stärkt infolgedessen die Liebe der Bürger zum Vaterland; er wird uns von den höchsten Gesetzen der Natur vorgeschrieben, wir neigen ihm zu, und der Genuß von Wesen, die uns gehören, erscheint uns immer köstlicher als jeder andere. Die ersten gesellschaftlichen Institutionen förderten ihn; man findet ihn am Anfang aller ges ellschaf tlichen Zusammenschlüsse; in allen Religionen wird er geheiligt; alle Gesetze haben ihn unterstützt. Durchstreifen wir das Universum, so finden wir überall den Inzest einigeführt. Die Neger der Pfefferküste und Rio-Gabons gaben ihre Frauen ihren eigenen Kindern preis; im Königreich Judas muß der älteste Sohn die Frau seines Vaters heiraten; die Völker Chiles schlafen mit ihren Schwestern und Töchtern und heiraten oft Mutter und Tochter zugleich. Ich wage zu behaupten, daß, kurz gesagt, der Inzest in jedem Staate Gesetz werden müßte, dessen Grundlage die Brüderlichkeit ist. Wie konnten vernünftige Menschen die Abgeschmacktheit so weit treiben zu glauben, der Genuß seiner Mutter, seiner Schwester oder seiner Tochter könnte ein Verbrechen sein! Ist es nicht, frage ich, ein erbärmliches Vorurteil, das aus einem Menschen einen Verbrecher macht, der zu seiner Erlustigung doch nur ein Wesen vorzieht, das ihm durch sein natürliches Gefühl nähersteht als andere? - Marquis de Sade, Die Philosophie im Boudoir. Gifkendorf 1989 (zuerst ca. 1790)

Brüderlichkeit (2)   Critch sah sich an, wandte sich langsam um, untersuchte sich im Spiegel hinter der Bar. Er sah Arlie an, der ihn unschuldig und besorgt anstarrte.

»Die Jacke is' ganz sicher verteufelt hinüber, kleiner Bruder. Vielleicht kannste den Schneider dazu bringen, dir das Geld wiederzugeben?«

»Das glaube ich kaum«, sagte Critch.

»Na, egal, hoffntlich is' dir nich' allzuviel Geld aus den ganz'n klein' Löchern gefall'n. Hoffntlich«, meinte Arlie.

»Also, wie kommst du denn auf die Idee?« sagte Critch. »Du heimtückischer Hurensohn!«

Und plötzlich schlug er seinen Bruder.

Das war natürlich ein Fehler. Er war einfach kein gleichwertiger Gegner für den muskulösen, durch die Rancharbeit abgehärteten Arlie. Der schwankte unter dem Schlag und steckte ihn unverletzt ein. Dann, nach kurzem Ducken und Ausweichen, dem Versuch, Critch zu beruhigen, schlug er ihn mit einem Hieb k. o.

Arlie las ihn vom Boden auf und legte ihn sich über die Schulter. Mit Critchs Hut in der freien Hand ging er in Richtung Hotel und hielt unterwegs nur einmal an, als er von Deputymarshal Chris Madsen angesprochen wurde. Madsen interessierte sich dienstlich für Critchs Zustand. Arlie sagte, er könne das selbst alles nicht verstehen. - (thom2)

Brüderlichkeit (3)  Es war nicht ganz dunkel im Raum, der Schein einer Straßenlaterne fiel herein. Plötzlich sah ich Libby. Sie stand an meinem Bett. Obgleich ich mich für einen Freidenker hielt, glaubte ich doch ein paar Sekunden lang, daß sie eine jener Teufelinnen sei, eine der Lilith-Geister, die Talmudschüler zur Sünde verlocken. Ich sagte: ›Libby?‹ Sie beugte sich über mich und in ihrem Flüstern lag sowohl Leidenschaft wie Spott: ›Laß mich in dein Bett, mir ist kalt.‹ Ich starb fast vor Angst. Meine Zähne klapperten. ›Wo ist Maurice‹? fragte ich. ›Er hat es mir erlaubt‹, sagte sie. ›Er will keinerlei Eigentum besitzen.‹ Würde mir so etwas heute zustoßen, bekäme ich wahrscheinlich einen Herzanfall,  aber damals war  ich drei undzwanzig und mein Blut kochte. Ich vergaß alle Verbote, Vor einiger Zeit las ich, daß ein Mann, den man gezwungen hatte, vierzig Tage zu fasten, eine Ratte aß. Es gibt eine Form des Hungers, die alle anderen Gefühle abtötet. Erst als sie mich nach einer halben Stunde verließ, wurde mir klar, was wir getan hatten. Aber ich war so erschöpft, ich konnte nicht wach bleiben. 

Am nächsten Morgen frühstückten wir alle Drei wie gewöhnlich, und Maurice schien etwas feierlich, fast glücklich. Er sagte: ›Ich kann nicht eine Sache predigen das Gegenteil davon tun. Unter uns herrscht Brüderlichkeit.‹ - Isaac Bashevis Singer, Eigentum. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)

Brüderlichkeit (4) Es dauerte nicht lange, da besann Tu sich darauf, daß ihn seine Brüder im Kampf mit Tawhiri allein gelassen hatten und er sann auf Rache.

Tane war der erste, an dem er sich für dessen Feigheit rächen wollte. Ohnehin war er ihm ein Dorn im Auge, vermehrten sich doch seine Nachkommen so stetig, daß Tu fürchten mußte, sie könnten eines Tages zu seinen Feinden werden. So sammelte er denn die Blätter des Whanake-Baumes und drehte Schlingen daraus, und als er damit fertig war, legte er sie als Fallen für Tanes Nachkommen in den Wäldern aus. Die Kinder Tanes verirrten sich in den Schlingen und konnten sich nicht befreien: sie wurden zur Nahrung für Tu, und können seither nicht mehr in Sicherheit leben.

Der nächste Bruder, dem Tus Rache galt, war Tangaroa. Auch über dessen Nachkommen fiel er her, was in diesem Falle nicht sonderlich schwer war, denn unbekümmert hüpften und sprangen sie im Wasser umher. Tu aber hatte aus den fasrigen Blättern des Flachses Netze geknüpft, und mit denen fing er sie ein und schleppte sie ans trockene Land, wo er sie kochte und aß.

Dann machte er sich auf, um Kongo und Haumia zu finden. Doch trotz ihres Verstecks im Schoße der Erde erkannte er sie an ihren Blättern, die aus der Erde ragten. Er ging und schnitzte eine Hacke aus Holz, und aus Flachs flocht er einen Korb. Mit der Hacke grub er dann Kongo und Haumia aus und trug sie in seinem Korb davon, um auch sie zu kochen und anschließend zu essen. Alle seine Brüder hatte er nun besiegt, und deren Nachkommen sich zur Nahrung gemacht.   - Märchen aus Neuseeland. Überlieferungen der Maori. Hg. und Übs. Erika Jakubassa. Köln 1985 (Diederichs, Die Märchen der Weltliteratur)

Brüderlichkeit (5)

Kain und Abel

- Albrecht Dürer

Brüderlichkeit (6)  Es gibt edle Brüderlichkeit, aber auch gemeine. Wenn man beispielsweise jene Sorte von gemeinsamer Sache auf keinen Fall gelten lassen kann, welche bei Polizisten vorkommt, die jemanden in die Mangel nehmen, muß man zu dem Schluß kommen, daß es vor allem darauf ankommt, worin, wodurch man übereinstimmt und nicht bloß darauf, daß man übereinstimmt. »Brüderlichkeit« ist sicher eines der rührendsten Wörter, aber bevor man vor Rührung dahinschmilzt, sollte man wissen, um was für eine Brüderlichkeit es geht: Brüderlichkeit zwischen Schwächlingen, die sich gemein machen, um einen noch Schwächeren fertigzumachen? Brüderlichkeit zwischen Mutigen, aber für etwas im Grunde Idiotisches oder Verabscheuungswürdiges? Brüderlichkeit zwischen Ganoven, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten? Auf einem gemeinsamen Vergnügen oder Laster beruhende Brüderlichkeit? Brüderlichkeit zwischen guten Jungs, die in einer Runde lustiger Gesellen oder in einer Sportmannschaft herrscht? Brüderlichkeit innerhalb einer literarischen Clique, in der alle Mitglieder in ihrer Eitelkeit dazu neigen, sich als Gemeinschaft von Unfehlbaren aufzuwerfen? Eine die ganze Welt umspannende Brüderlichkeit, die bis auf den heutigen Tag ein Schlagwort geblieben ist?  - Michel Leiris, Die Spielregel 2. Krempel. München 1985 (zuerst 1955)

Brüderlichkeit (7)  Um den drohenden Putsch im Keim zu ersticken, hatte die Regierung in der Früh an die 700 Kilogramm doppel-süßsaures Gutetat und Schmusium mit Felixol in den Wasserturm werfen lassen. Die Zuleitung zu Polizei- und Armeekasernen war vorsorglich abgesperrt worden, doch aus Mangel an Sachverständigen mußte die Aktion wirkungslos verpuffen: das Phänomen des Aerosoldurchsprungs durchs Filter war nicht miteinberechnet worden, geschweige denn der höchst unterschiedliche Trinkwasserverbrauch der verschiedenen sozialen Gruppen.

Die Bekehrung der Polizei überraschte demnach die regierenden Kräfte grausamst, zumal da laut Auskunft Professor Trottelreiners die Wirkung der Benignatoren um so gewaltiger ist, in je schwächerem Grade der ihnen ausgesetzte Mensch bisher mit natürlichen angeborenen Regungen des Wohlwollens und der Güte ausgestattet war. Daraus erklärt sich auch eine weitere Tatsache: nachdem zwei Flugzeuge der nächsten Welle den Regierungssitz bembardiert hatten, begingen viele führende Polizei- und Armeefunktionäre Selbstmord; sie hielten die gräßlichen Gewissensbisse nicht aus, die sich auf die bisher betriebene Politik bezogen. Kurz vor seinem Freitod durch einen Revolverschuß ließ im übrigen General Diaz höchstselbst die Gefängnistore öffnen und alle politischen Häftlinge freigeben. Somit ist leicht zu verstehen, welch ausnehmend intensive Kampftätigkeit sich im Laufe der Nacht entfalten mußte. Die fern von der Stadt gelegenen Luftstützpunkte waren ja nicht mitbefallen, und die dortigen Offiziere hatten Befehle erhalten und befolgten sie bis zuletzt, während militärische und polizeiliche Kontrollorgane in luftdichten Bunkern bald merkten, was sich abspielte, und zu den äußersten Mitteln griffen, die ganz Nounas in die Raserei der Gefühlsverwirrung stürzten. Von alledem ahnten wir im Hilton natürlich nichts. Es war fast elf Uhr Nacht, als im Schlachtenpanorama des Platzes und der umliegenden Palmengärten die ersten Panzereinheiten der Armee aufzogen. Ihnen oblag es, die von der Polizei entwickelte menschliche Brüderlichkeit abzuwürgen; dies taten sie denn auch unter reichlichem Blutvergießen. Der anpe Alphonse Mauvin stand dicht neben der Stelle, wo eine begütigende Granate platzte. Die Wucht der Explosion riß ihm die Finger der linken Hand und das linke Ohr ab, er aber beteuerte, die Hand sei ihm schon lang zu nichts nütze gewesen, und das Ohr sei überhaupt nicht der Rede wert; wenn ich nur wolle, werde er mir sogleich das zweite verehren. Und er zückte sogar sein Taschenmesser.  - Stanislaw Lem, Der futurologische Kongress. Frankfurt am Main 1996

Bruder

 

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